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Entscheidung um Sicherheitsrisiko des Atomkraftwerks ISAR

Mi, 21.07.2010 — 14:00

Neue Risikostudien

Das AKW Isar1 zählt in den Deutschland zu den ältesten und veralteten Atomreaktoren. Der Bau des Atomkraftwerkes Isar 1 wurde bereits 1971 beantragt, die Inbetriebnahme des Reaktors erfolgte 1977- somit zählt Isar 1 zu den letzten Siedewasserreaktoren der Baulinie SWR' 69. Landshut liegt nur rund 100 Kilometer von der Grenze zu Oberösterreich entfernt. Aufgrund seiner Veralterung und seines Risikos soll Isar 1 nach den derzeitig gültigen Atomgesetzen Deutschlands im kommenden Jahr stillgelegt werden. In den kommenden 4 Monaten wird über eine Laufzeitverlängerung für alle deutsche AKWs entschieden - also auch für Isar 1. Über generelle Verlängerungen der Laufzeit um bis zu 20 Jahre wird diskutiert. Gerade im Fall der Altreaktoren wie Isar1 wäre eine Laufzeitverlängerung aber besonders verantwortungslos. Dies zeigt auch eine neue Studie des Büros für Atomsicherheit in Bonn des renomierten deutschen Atomsicherheitsexperten Wolfgang Renneberg. Auch Österreich hat das Risiko von Isar1 untersuchen lassen. Trotz Anfragen und Zusagen wurde diese Studie jedoch bislang nicht an das Land OÖ übermittelt und veröffentlicht. "Auf den Tisch mit allen Argumenten. Alles andere wäre in dieser Entscheidungsphase verantwortungslos," fordert daher OÖ Umweltlandesrat Rudi Anschober. (Bildquelle: : http://www.eon-kernkraft.com/pages/ekk_de/Standorte/_documents/Info_Standort_KKI.pdf)

Oberösterreichs Offensive für eine rasche Stilllegung von ISAR 1 zeigt erste Erfolge: alle Umweltreferenten aller Bundesländer unterstützen die Forderung.

Kerntechnische Anlagen in Bayern

Bildquelle: Bayr. Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit http://www.stmug.bayern.de/umwelt/reaktorsicherheit/genehmigung/standorte.htm

Kernkraftwerk Isar 1

Standortbezeichnung KKI 1
KKI 1 = Kernkraftwerk Isar 1
Reaktortyp = Siedewasserreaktor
Elektr. Nennleistung (brutto) = 912 MWe
Jahr der Inbetriebnahme = 1977

Entfernung von Oberösterreich

Bildquelle: Google Map

Eine Studie des Institutes "Intac" aus Hannover von Jänner 2010 belegt die Dringlichkeit der Schließung - die Kernpunkte der Studie

Download der Studie:http://www.gruene-fraktion-bayern.de/cms/forschung_und_hochschule/dokbin/325/325273.gesamtstudie_isar_i.pdf

Grundsätzlich erfüllen die älteren Siedewasserreaktoren, zu denen auch Isar 1 gehört, nicht mehr alle Sicherheitsanforderungen, die nach heutigem Stand von Wissenschaft und Technik an moderne Reaktoren gestellt werden. Auch mit den umfangreichen Nachrüstungen, mit denen bei Isar 1 schon vor der Inbetriebnahme des Reaktors begonnen werden musste, konnte diese Situation nicht grundlegend verändert werden.

Eine wesentliche Schwäche sind die Stahlbetonwände, die relativ dünn sind, so dass sie nur begrenzten Schutz gegen Einwirkungen von außen bieten. Der Sicherheitsbehälter weist ein geringes freies Volumen auf, was im Störfall zu einem schnellen Druckaufbau und die Möglichkeit des Versagens des Sicherheitsbehälters bedeutet. Seine Aufgabe, bei Kühlmittelverluststörfällen und Kernschmelzen die Freisetzung von Radioaktivität in die Umgebung möglichst lange hinauszuzögern, kann er daher nur unzureichend erfüllen.

Siedewasserreaktoren der Baulinie 69 haben hier gleich drei durch Nachrüstungen nicht zu korrigierende gravierende Nachteile:

  • Das Reaktorgebäude ist nicht gegen einen Absturz von heute eingesetzten Militärflugzeugen und schon gar nicht gegen einen Absturz von Verkehrs- und Frachtflugzeugen ausgelegt. Bei einem Absturz auf das Reaktorgebäude kommt es mit großer Wahrscheinlichkeit zur Kernschmelze.
  • Das Maschinenhaus und das Schaltanlagengebäude sind überhaupt nicht gegen Flugzeugabsturz ausgelegt. Durch das Konstruktionskonzept der SWR 69 ist auch bei einem Absturz auf diese Gebäude als Folge eine Kernschmelze möglich.
  • Das Brennelement- Lagerbecken befindet sich in besonders exponierter Lage außerhalb des Sicherheitsbehälters im oberen Bereich des Reaktorgebäudes. Daher ist das Lagerbecken außer durch einen Flugzeugabsturz auch durch Angriffe mit panzerbrechenden Infanteriewaffen oder Sprengstoffen verwundbar. Seit den Angriffen auf das World Trade Center müssen auch gezielte Flugzeugabstürze auf Atomkraftwerke als möglich betrachtet werden.

Aktuelle Studie kritisiert alle deutschen Atomreaktoren

Nun kommt eine neue Studie des "Büros für Atomsicherheit" des renomierten deutschen Atomsicherheitsspezialisten Wolfgang Renneberg zu ähnlichen Ergebnissen. Er hat die Risken alter deutschen Kernkraftwerke wie u.a. Isar1 untersucht. Und kommt zu bemerkenswerten und besorgniserregenden Ergebnissen: (Die gesamte Studie ist verfügbar unter http://www.gruene-linke.de/category/themen/energie/)

  1. Der Begriff "Sicherheit" beim Betrieb von Atomkraftwerken ist keine absolute Größe, sondern drückt die Bewertung des bestehenden Risikos aus. Wer Kernkraftwerke als "sicher" bezeichnet, akzeptiert dieses Risiko. Das über die Zeit kumulierte Risiko6 einer Kernschmelze läge bei einer Laufzeit aller Atomkraftwerke von 60 Jahren in der Größenordnung von etwa einem Prozent.
  2. Die Sicherheitsnachweise der deutschen Kernkraftwerke sind veraltet. Die Störfallsicherheit ist durch Dokumente belegt, die zum Teil älter als dreißig Jahre sind. Seitdem haben sich sowohl die Prüfungsmaßstäbe einschließlich der Nachweismethoden sowie die Erkenntnisse über die Eigenschaften der Anlagen wesentlich weiterentwickelt. Die Alterung der Sicherheitsnachweise und die Alterung der Dokumentation verstärken die Gefahr, dass bestehende Risiken älterer Anlagen nicht erkannt werden. Die bestehenden alten Genehmigungen spiegeln deshalb ein Sicherheitsniveau wider, das in Wirklichkeit nicht existiert. Das wirkliche Sicherheitsniveau ist in der Regel geringer als das in der Genehmigung bestätigte.
  3. Eine Sicherheitsbewertung der deutschen Atomkraftwerke einschließlich einer Überprüfung der alten Sicherheitsnachweise nach aktuellem Stand von Wissenschaft und Technologie liegt nicht vor.
  4. Die deutschen Kernkraftwerke sind aus technischer Sicht unterschiedlich sicher. Der Weiterbetrieb der acht ältesten Anlagen7 würde das allgemeine Risiko des Betriebs von Atomkraftwerken deutlich überproportional erhöhen.
  5. Obwohl die Atomkraftwerke für eine Laufzeit von 30 bis 40 Jahre ausgelegt sein sollten, zeigen sich viele unvorhergesehene vorzeitige Alterungsprozesse. Diese Alterungsprozesse vermindern die Sicherheit, da die ursprünglichen Sicherheitsreserven kleiner werden. Zum Teil können sie - solange sie unentdeckt sind - die Sicherheit der Anlage in Frage stellen. Die ältesten Anlagen sind hiervon besonders betroffen. So haben beispielsweise Neckarwestheim I und Biblis A eine bis zu viermal höhere jährliche Ereignisrate als die neueren Kernkraftwerke Neckarwestheim 2 und Emsland.
  6. Direkte Vergleiche von Biblis A und Neckarwestheim I mit den neueren Anlagen Emsland und Neckarwestheim II zeigen deutlich geringere Sicherheitsreserven der Altanlagen sowohl im Normalbetrieb, bei der Reaktion auf Betriebsstörungen sowie bei der Störfallbeherrschung. Gravierende Sicherheitsnachteile zeigen sich darüber hinaus im Fall eines Flugzeugabsturzes. Auch die radiologische Belastung des Personals ist in den alten Anlagen um ein Vielfaches höher. Diese Ergebnisse lassen sich grundsätzlich auf die anderen veralteten Reaktoren wie Biblis B, Unterweser, Brunsbüttel, Krümmel, Philippsburg 1 und Isar 1 übertragen.

Die verschiedenen Arten der Alterung

Unter "Alterung" wird die Veränderung von Eigenschaften über die Zeit verstanden. Altern können technische Systeme, Komponenten, Anlagenteile, Elektrik, Hilfs- und Betriebsstoffe, Dokumente, Bauwerke, Einrichtungen aller Art aber auch Personen. Abgegrenzt wird der Begriff in der Literatur zum Teil durch den Begriff des "Veraltens"/Wieland/. Veralten bedeutet, dass eine technische Einrichtung oder Technologie oder auch Prozesse nicht mehr auf dem heutigen Stand von Wissenschaft und Technik sind. Veralterung wird heute in einem weiten Verständnis als Alterungsphänomen verstanden /RSK 01/.

Die Alterung der Kernkraftwerke ist mittlerweile national und international zu einem bedeutenden Problem geworden. Aufsichtsbehörden, Beratungsorganisationen, Sachverständige und internationalen Organisationen beschäftigen sich seit mehr als zehn Jahren intensiv mit diesem Thema /RSK 1/, /NRC 01/, /IAEA, OECD-NEA/, /VDEW 01/. Im Einzelnen kann man folgende Alterungsphänomene unterscheiden /RSK 01/:

  • Materialalterung oder "technische Alterung" (mechanische Komponenten, Bauwerke und bauliche Einrichtungen, Elektro- und Leittechnik)
  • Nachweisalterung (Alterung der Spezifikations- und Dokumentationsunterlagen)
  • Personalalterung
  • Alterung von Anlagenkonzepten und technologischen Verfahren sowie administrativen Regelungen gegenüber dem fortschreitenden Stand von Wissenschaft und Technik zu alterungsbedingtem Qualitätsverlust können Veränderungen führen, die vorhersehbar sind und mit entsprechenden Programmen überwacht werden. Anforderungen an ein vorsorgendes Alterungsmanagement sind zum Beispiel von der Reaktorsicherheitskommission entwickelt worden /RSK 01/. Zum anderen handelt es sich aber auch um nicht vorhergesehene Veränderungen, die trotz spezifikationsgemäßer Auslegung, Herstellung, Inbetriebnahme und Betriebsführung der betroffenen Einrichtungen aufgrund von ursprünglich nicht vorhergesehenen Alterungsmechanismen entstehen /RSK 01/. Da nach den ursprünglichen Planungen Kernkraftwerke für eine Lebensdauer von etwa 30 bis 40 ausgelegt sein sollten, sind die meisten der bislang beobachteten Alterungsprozesse solche vorzeitigen unvorhergesehenen Alterungsprozesse.

Kritik von Atomexperten Kromp

Das ARD-Fernsehmagazin "kontraste" hat vergangenen Donnerstag zu den Sicherheitsrisken der alten deutschen AKW wie Isar1 Österreichs Atomexperten Wolfgang Kromp befragt: "Nach den Berechnungen von Professor Kromp ist der Reaktordruckbehälter zu schwach ausgelegt. Neueste Studien der Technischen Universität Berlin untermauert seine Sorge. Die Belastungswerte einer zentralen Schweissnaht sind alarmierend. Diese Naht wird, wenn der Druckbehälter unter Druck gesetzt wird, unter hohen Materialspannungen belastet. Was bei einem Bruch passiert, schildert Prof. Kromp im O-ton: " Da würde sofort der Dampf heraus explodieren. Die Kühlflüssigkeit würde dann verdampfen und würde sich verlaufen im Gelände. Wir hätten den Beginn einer Katastrophe."

Eine Laufzeitverlängerung ist für Prof. Kromp " gerade für diese alterungsgefährdeten Baureihe völlig ausgeschlossen. Die sollten besser heute als morgen außer Betreib genommen werden", ist Prof Kromp überzeugt.

Auch Bundesregierung hat Risikostudie erstellen lassen - sie wurde nie übermittelt und veröffentlicht

Nach etlichen Interventionen aus Oberösterreich wurde im Jänner 2007 seitens des Umweltministers mitgeteilt, dass eine Risikostudie zu Isar1 und dem veralteten Reaktortyp von der Bundesregierung in Auftrag gegeben wurde. Mehrfach berichtete der damalige Umweltminister Pröll darüber, dass die Studie in Arbeit und kurz vor dem Abschluss sei. Nachdem nach Informationen Anschobers die Studie längst fertig gestellt ist, hat Anschober in den vergangenen Monaten mehrfach an Umweltminister Berlakovic appelliert, die Studie offenzulegen.

Schreiben LR Anschober vom 14.11.2006 an BM Pröll
fünf meldepflichtige Ereignisse in Isar

Schreiben BM Pröll vom 5. Jänner 2007:                                
Ankündigung der Studie

Schreiben LR Anschober vom 19. 8. 2008                              
Nachfrage nach Ergebnis Studie

Schreiben LR Anschober vom 19.9.2008                                
Vorlage Studie urgiert

Schreiben BM Pröll vom 22. 10.2008                                       
Studie noch nicht fertig

Schreiben LR Anschober vom 19.4.2010 an BM Berlakovich 
Vorlage Studie urgiert

Schreiben LR Anschober vom 10.5.2010                                
Vorlage Studie urgiert

Schreiben LR Anschober vom 5.7.2010                                  
Vorlage Studie urgiert

Daneben wurde bei der Konferenz der Landesumweltreferenten (LURK) im Juni 2010 das Thema Isar 1 thematisiert und ein einstimmiger Beschluss aller Landesumweltreferenten gefasst:

Bis zum heutigen Tag wurde die Studie trotz Zusagen jedoch nicht an Oberösterreich übermittelt.

Anschober: "Deutschland wird in den nächsten vier Monaten über die Laufzeitverlängerungen auch von Isar1 entscheiden. Da müssen endlich alle Fakten und Argumente auf den Tisch."

Oberösterreich wird jedenfalls den Widerstand gegen eine Laufzeitverlängerung von Isar1 massiv unterstützen, eine starke Allianz mit der bayrischen Antiatombewegung ist in Vorbereitung.



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