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Ist das AKW Temelin ausreichend gegen Erdbeben gesichert?

Fr, 27.01.2012 — 11:00

Welche Konsequenzen sind aus dem aktuellen Beben in der Nähe von Temelin und dem Ergebnis der Stresstests zu ziehen?

mit Landesrat Rudi Anschober
DI Dalibor Strasky (Anti-Atombeauftragter des Landes)
Dr. Roman Lahodynsky (Universität für Bodenkultur)


Lange Zeit haben die Temelinbetreiber behauptet, die Störungszonen in der Umgebung von Temelin seien nicht aktiv. Vor zwei Wochen hat ein leichtes Erdbeben in der unmittelbaren Nähe des AKW- Temelin das Gegenteil bewiesen. Der tschechische Stresstest belegt alarmierende Schwächen bei der Absicherung gegen Erdbeben. Auf Basis der Kritik der Atomexperten DI Dalibor Strasky und Dr. Roman Lahodynsky und den Ergebnissen des von Tschechien selbst durchgeführten Stresstest fordert Oberösterreichs Umwelt-Landesrat Rudi Anschober eine unabhängige Untersuchung des Erdbebenrisikos durch die österreichische Bundesregierung samt der verbindlichen Verankerung von Nachrüstungsmaßnahmen und im Fall der Verweigerung die Stilllegung des Reaktors. Zumindest für den geplanten weiteren Ausbau von Temelin müssen die neuen Fakten das Aus bedeuten.

Ergebnis Stresstest KKW Temelín

Erschreckendes Ergebnis des tschechischen Stresstests: Im tschechischen Stresstest werden die Unfallszenarien nicht konsequent mit allen Zusammenhängen verfolgt.

Für das KKW Temelín ist eine Analyse der Fähigkeit der Anlage durchgeführt worden, einen Unfall mit völligem Verlust der Eigenstromversorgung mit dem Wechselstrom (Station Black Out - SBO) zu beherrschen und sich daraus zu erholen.

Dabei ist aber angenommen worden, dass es "vorher oder danach zu keinem Auslegungsstörfall kommt", "insbesondere Seismizität, Brand, Überflutung werden nicht betrachtet". "Alle Systeme des Kraftwerkes, außer die Systeme, die den betrachteten Verlust der Eigenstromversorgung verursacht haben, funktionieren oder sind funktionsfähig." (Seite 75).

Eine andere Analyse betrifft eine Nichtabschaltung des Reaktors wegen eines mechanischen Defekts der Steuerstäbe infolge z. B. eines Erdbebens. Trotz Erdbeben bleibt aber das Nebenwassersystem funktionsfähig und die Restwärme kann - so wird angenommen- durch eine gesteuerte Abführung des Kühlmittels aus dem Primärkreislauf ins Containment und über die vom Nebenwasser gekühlten Wärmetäuscher des Havariesystems abgeführt werden.

Es wird eingeräumt, dass die Feuerwehrgebäude nicht widerstandsfähig gegen Erdbeben sind. Die kuriose Scheinlösung dieses Problems: bei den ersten Indizien eines Erdbebens sollten die Feuerwehrgeräte und- fahrzeuge aus den Objekten hinausgefahren werden.

Auch wird beim Stresstest in Betracht gezogen, dass die Zufahrtswege zu einzelnen Kraftwerksobjekten inkl. Havariesteuerzentrum durch Trümmer nach einem Erdbeben blockiert werden können. Das Havariesteuerzentrum soll dann in diesem Fall im Gebäude in Budweis seine Tätigkeit leisten. Fraglich ist allerdings, ob die Gebäude in Budweis intakt bleiben, wenn es zu einem solchen Erdbeben kommt, dass die Zufahrtswege nicht befahrbar sind?

Breitem Raum wird der Begründung gewidmet, dass das Erdbeben nicht die Auslegungsbedingungen überschreitet. Das AKW Temelin ist nur auf ein Erdbeben der Stärke 5, 5 MSK ausgelegt. Zumindest in diesem Punkt hat die Katastrophe von Fukushima seine Wirkung verfehlt - auslegungsübergreifende Erdbeben werden einfach nicht in Betracht gezogen, da sie nicht möglich sind ("... Standort des KKW Temelín ist aus der Sicht des seismischen Risikos außerordentlich gut ausgewählt." - S. 101). Trotzdem fand vor kurzem in unmittelbarer Nähe ein leichtes Erdbeben der Stärke 3, 1 statt.
Alle Stresstests betrachten mehr oder weniger "ideale" Unfallszenarien. Z.B. die Versorgung mit Kühlwasser oder Notstrom kann immer durch die nach einem initiierenden Ereignis doch intakten Leitungen, Anschlüsse, Verteiler etc. erfolgen.

Im Detail werden die Wasservorräte sowie Möglichkeiten für Notstromversorgung beschrieben. Dadurch sollte Eindruck entstehen, dass die Anlagen sehr gut gegen die betrachteten Ereignisse gesichert werden. Dies kann sicher unter bestimmten Rahmenbedingungen der Fall sein. Dazu müssen aber insbesondere folgende Annahmen erfüllt werden:

  • entsprechende Wasserleitungen, Pumpen, Becken und Behälter müssen nach dem Unfall intakt bleiben
  • entsprechende Stromleitungen, Umspannwerke, Verteiler etc. müssen nach dem Unfall intakt bleiben
  • Bedienungspersonal darf auch in den Stressbedingungen nach dem Unfall keinen Fehler machen
  • die Strahlensituation nach dem Unfall muss Anwesendheit des Betriebspersonals in der Anlage und / oder Einsatz der Feuerwehr ermöglichen

Es ist ersichtlich, dass so ein "idealer" Unfall im Kernkraftwerk zwar nicht auszuschließen ist, seine Eintrittswahrscheinlichkeit wäre jedoch sehr gering. Besonders nach einem Erdbeben, das aus den externen initiierenden Ereignissen als das schwerwiegendste in den Berichten bestimmt worden ist (mit höchstem Anteil an CDF).

Dass Temelin nicht erdbebensicher ist, geht aber auch bereits aus einer Stellungnahme von Dr. Helmut Hirsch, die im Auftrag des Landes Oberösterreich 2001 erstellt worden ist, hervor.

Damals war festgestellt worden, dass es deutliche Hinweise darauf gibt, dass insbesondere die Gefährdung durch Erdbeben in Temelin unterschätzt und die Anlage nicht angemessen gegen Erdbeben ausgelegt wurde.
So erschien damals Dr. Hirsch die Intensität des maximalen Berechnungserdbebens als zu gering angenommen. Überdies wurde dieser Intensität eine zu geringe Bodenbeschleunigung angenommen. Die Annahmen wurden also in doppelter Hinsicht als zu optimistisch eingeschätzt.

Zur Seismischen Situation des Kernkraftwerkes Temelin:

Im Zuge des Melker Prozesses und der "road map" fand eine sehr ausführliche Fachdiskussion und eine umfangreiche Beurteilung sehr vieler wissenschaftlicher Studien und technischer Berichte statt, publiziert auf den Web-Seiten des Umweltbundesamtes.

Das jüngste Erdbeben in Südböhmen hat gezeigt, dass die bisherige Einschätzung, die tektonischen Störungen wären nur in Ober- und Niederösterreich aktiv und verlören in Böhmen ihre Aktivität, ja würden vor Erreichen des Budweiser Beckens sogar enden, eindeutig ein Wunschdenken ist.

Die von SUJB 2003 präsentierte Studie über die seismische Gefährdung des Kernkraftwerkes Temelin behauptete:

In der Umgebung des Kernkraftwerkes von Temelin wurde innerhalb eines Kreises mit dem Radius von 40 km keine seismoaktive Störung identifiziert.
Das stärkste, bis in einer Entfernung von 50 km registrierte Beben hatte eine Stärke von M= 1,8.

Erdbebenherde in der Böhmischen Masse haben diffusen Charakter, sie häufen sich nicht an irgendeiner Störung.

Das Bemessungsbeben (SSL2) hat eine Intensität von I°=6 MSK, entsprechend einer maximalen horizontalen Bodenbeschleunigung von 0,06g, somit wären 0,1g ein konservativer Wert des Kraftwerksdesigns.

Dagegen spricht die Tatsache, dass das jüngste Erdbeben die Störungsaktivität in der Nähe eindeutig nachgewiesen hat und eine international besetzte Arbeitsgruppe im Rahmen der Temelin-Roadmap 2005(Arbeitsgruppe PN6 - FMR) die Berücksichtung einer maximalen Bodenbeschleunigung von 0,23 g als konservativen Wert für das Bemessungsbeben (SSL2) vorgeschlagen hat.

Da keine Nachrüstung erfolgt ist, wird somit das Erdbebenrisiko des Kernkraftwerkes Temelin ganz eindeutig nach wie vor unterschätzt!

>> http://www.umweltbundesamt.at/fileadmin/site/umweltthemen/kernenergie/temelin/Roadmap/PN6_FMR.pdf

Aktuelle Situation der Stresstests

Am 17. Jänner 2012 fand in Brüssel ein von der Generaldirektion für Energie der Europäischen Kommission veranstaltetes ganztägiges Treffen zu den Risiko- und Sicherheitseinschätzungen (= "stress tests") von Kernkraftwerken in Europa und den damit verbundenen "peer reviews" (= nochmalige Überprüfung durch Gleichrangige) statt.

Federführend war ENSREG, die Gruppe der für nukleare Sicherheit zuständigen Aufsichtsbehörden in Europa. Die einzelnen nationalen Berichte, deren Ergebnisse auf den von den Kernkraftwerksbetreibern gelieferten Berichte basieren, lagen zum größten Teil mit Jahresende 2011 vor.

Erklärtes Ziel der "stress tests" war es, die Sicherheitsspielräume von Kernkraftwerken auszuloten, wenn sie einzelnen extremen Ereignissen oder einer Kombination von gefährdungsauslösenden Ereignissen und technischem Versagen ausgesetzt sind.

Es wurde betont, was die "stress tests" NICHT sind: Sie sind keine detaillierten Sicherheitsanalysen einzelner Kernkraftwerke, sie behandeln nicht die normale Betriebssicherheit und sie stellen keine Überprüfung von nationaler Notfallbereitschaft und Sicherheitsaspekten (zivile und militärische Bedrohung) dar.

Der Kompetenzbereich der "stress tests" umfasst folgende Situationen: Gefährdungen auslösende Ereignisse (Erdbeben, Flut, andere extreme Naturereignisse), in deren Folge der Verlust von Sicherheitseinrichtungen, Managementaspekte schwerer Unfälle.

Der "peer review"- Prozess garantiere laut P. Lowe von der DG-Energie in der Europäischen Kommission Glaubwürdigkeit und Verantwortlichkeit. Ob dies tatsächlich der Fall ist, wurde von vielen Teilnehmern der Brüsseler Veranstaltung bezweifelt, denn:

  1. Die nationalen Aufsichtsbehörden haben das peer review System weitgehend selbst bestimmt, und ihre Schlussfolgerungen bereits vor dem für März/April erwarteten "peer review"- Bericht gezogen.
  2. Die von den nationalen Aufsichtsbehörden ausgewählten "peer reviewers" sind in den seltensten Fällen unabhängige Fachleute und stehen unter enormem Zeitdruck, da der gesamte Prozess der Überprüfung spätestens bis Ende April abgeschlossen sein soll.
  3. "Überprüft" werden lediglich die "geglätteten" nationalen Berichte, denen noch dazu korrekt zitierte Literaturangaben fehlen. Es besteht kein Mandat dafür, die Hintergrund-Berichte der Betreiber zu checken.
  4. Der Öffentlichkeit bzw. unabhängigen Fachleuten und NGOs steht insgesamt extrem wenig Zeit zur Verfügung: Bis 20. Jänner war es möglich, 3 Fragen pro Person an die EC zu stellen, die entsprechende Seite der JRC (Europäisches Forschungszentrum in Ispra, Italien) wurde am 20. Jänner Punkt Mitternacht abgeschaltet. Sollte der Peer Review Bericht Ende April veröffentlicht werden, bleiben den Kritikern bestenfalls 1 bis 2 Wochen, um die Review-Berichte vor der zweiten öffentlichen Anhörung Anfang bis Mitte Mai 2012 lesen zu können.
  5. Die Risiko- und Sicherheitsüberprüfung ist weder umfassend noch transparent. In den "stress tests" werden nur bestimmte Sicherheitsaspekte behandelt, fundamentale Schwächen wie das Fehlen eines echten Containments mancher Reaktoren scheinen keine Rolle zu spielen, die mögliche Beschädigung eines Druckbehälters wird sogar als hypothetisch bezeichnet. Eine echte Überprüfung der seismischen Sicherheit wird seitens des ENSREG Vorsitzenden als nicht möglich dargestellt, da es eine sich über 2 Jahre hinziehende Expertendiskussion erfordern würde. In den gesamten Review-Prozess sind keine anderen Institutionen involviert, die Regulatoren reviewen ihre eigene Praxis.


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