11 Juli 2017

Aktuelle Zwischenbilanz der Integration am Arbeitsmarkt in OÖ: Zahlen, Praxisbeispiel: Dienstleistungsscheck, Forderungen

Immer mehr Asylwerbende in OÖ können in jenen Jobs, die frei zugänglich sind, Fuß fassen

Referent/innen:

  • LR Rudi Anschober
  • Mag.a Ursula Neumann (Versicherungsanstalt für Eisenbahnen und Bergbau)
  • Iris Schmidt (AMS OÖ, Stv. Landesgeschäftsführerin)
  • Hennadiy X. (Asylwerber in OÖ, arbeitet gemeinnützig und mit Dienstleistungsscheck)

 

Der Zugang zum Arbeitsmarkt ist der Schlüssel zur Selbständigkeit und zur Integration von Flüchtlingen. Asylverfahren dauern meistens Jahre, dennoch ist Asylwerbenden vor ihrem Asylbescheid – mit wenigen Ausnahmen – Arbeiten verboten. Das erschwert die Integration, das erschwert das Erreichen eines Jobs auch nach dem Asylbescheid. LR Anschober kämpft seit Monaten bei der Bundesregierung für einen besseren Zugang zur Beschäftigung – auch bei aktuellen Gesprächen mit Regierungsmitgliedern. Eine Option ist die Öffnung des Arbeitsmarktes für Asylwerbende in Mangelberufen, wie dies bei Lehrlingen immer besser funktioniert. Allein in Oberösterreich würden aktuell 3.161 offene Stellen in Mangelberufen (Lehre oder Anstellung) offen stehen, die augenscheinlich durch Österreicher/innen und EU-Bürger/innen nicht besetzt werden können. LR Anschober: „Eine weiterführende Öffnung würde also den Asylwerbenden, den Wirtschaftsbetrieben und der Gesellschaft nützen!“

Der Trend in jenen wenigen Bereichen, in denen schon Asylwerbende arbeiten dürfen, ist in OÖ immer erfreulicher: Mit 206 besetzten Lehrstellen ist OÖ Spitzenreiter österreichweit, über 100 Volontariate wurden bereits belegt, 900 Asylwerbende waren in gemeinnützigen Tätigkeiten aktiv und nun beginnt auch der seit 1. April geöffnete Dienstleistungsscheck zu greifen. Die Praxis zeigt: Job-Möglichkeiten werden gut angenommen, Asylwerbende und Arbeitgeber/innen sind zufrieden. Es ist also eine Win-Win-Situation!

LR Rudi Anschober: „Die einzelnen Ausnahmen zeigen, wie gut Job-Integration angenommen wird. Jetzt heißt es für die Bundesregierung, bestehende Barrieren zu entfernen, z.B. bei der Lehrlingsfreifahrt eine Gleichstellung mit österreichischen Lehrlingen zu erreichen, und als Fernziel: die Öffnung des Arbeitsmarktes ab dem 6. Aufenthaltsmonat in allen Mangelberufen.“

 

Das Problem: Weitgehendes Arbeitsverbot während jahrelanger Asylverfahren

Das Arbeitsverbot für Asylwerbende stammt aus Zeiten kurzer Asylverfahren. Heute dauern Verfahren oft 2-3 Jahre, manchmal länger. Darf in dieser Zeit nicht gearbeitet werden, droht oft der Verlust mitgebrachter Qualifikationen, der Tagesstruktur und damit der Chance auf erfolgreiche Arbeitsmarktintegration. Die Alternative ist es, mehr Arbeit und Beschäftigung für Asylwerbende zuzulassen. Das ist das Ziel von aktuellen Gesprächen von LR Anschober mit Mitgliedern der Bundesregierung. Öffnung des Arbeitsmarktes in Mangelberufen ab dem 6. Aufenthaltsmonat, Entfernung von Behinderungen bei Lehrstellen und Nostrifizierungen sowie Qualifizierungsmaßnahmen sind dabei die Hauptthemen – mit dem Ziel, Verbesserungen noch vor den Nationalratswahlen durchzusetzen. Erste Schritte – siehe erste Arbeitsmöglichkeiten und das kommende verpflichtende Integrationsjahr – sind bereits gelungen.

 

Voraussetzung für Arbeitsmarkt-Integration läuft: Deutsch & Orientierung

Etliche Flüchtlinge bringen gute Qualifikationen mit, für viele werden Ausbildung und Qualifikationsmöglichkeiten – entsprechend der österreichischen Anforderungen – angeboten. Der oö. Qualifizierungscheck für tausende Asylwerber/innen war dazu ein wichtiger Schritt. Das Deutsch-Training die zweite Grundvoraussetzung – bereits rund 15.500 Kursplätze für Asylwerber/innen konnten in den letzten 12 Monaten in OÖ angeboten werden.

 

Aktuelle Arbeitsmarktzahlen im Bereich Flüchtlinge

Mit Ende Juni 2017 sind in Oberösterreich 1.700 Personen mit Aufenthaltstiteln als arbeitslos gemeldet, rund 700 aus Syrien, 300 aus Russland und 230 aus Afghanistan.

Im Vergleich dazu waren es mit Ende Jänner 2017 gesamt 1.094 arbeitslose Personen mit einem Titel als Asylberechtige/r bzw. Konventionsflüchtling oder Subsidiär Schutzberechtigter – 670 aus Syrien, 275 aus Afghanistan, 90 aus dem Irak, 60 aus dem Iran.

Mit Ende Jänner 2016 wies Oberösterreich 889 Personen dieser Gruppe als arbeitslos aus.

Der Arbeitsmarkt – steht mit einigen Ausnahmen – erst nach einem positiven Asylbescheid offen. Asylwerbende dürfen während ihres Verfahrens also, mit Ausnahmen s.u., nicht arbeiten.

 

Infos und Angebote für ein Zurechtfinden am Arbeitsmarkt – von AMS OÖ und Integrationsressort OÖ

Die mehrsprachige Info-Broschüre zum Thema Arbeitsmarkt enthält Fakten zum Einstieg in den Arbeitsmarkt noch im laufenden Asylverfahren für Asylwerber/innen selbst, Helfer/innen, Organisationen oder interessierte Arbeitgeber/innen> zusammen-helfen.at/beschaeftigung

Auf der Website www.wegweiser-integration-arbeit.at werden konkrete Angebote und Infos auf dem Weg in den Arbeitsmarkt dargestellt, je nach Zielgruppe Asylwerbende, Asylberechtigte und Migrant/innen und Region in OÖ, etwa Deutschkurse, AMS-Infoabende, AMS-Stellen, etc.

Über die Jobbörse des AMS OÖ werden jene Asylwerber/innen gesucht, die bereits das Potential für die Absolvierung einer Lehre mitbringen (Deutsch, Mathematik,...) - ohne zusätzlichen Förderbedarf. Dazu werden derzeit die, durch NGOs gemeldeten Asylwerbenden vor Ort zu einem persönlichen Termin beim AMS OÖ eingeladen und die bestehenden Kenntnisse und Fähigkeiten erhoben.

 

Hintergrund: Legale Arbeitsmöglichkeiten während des Asylverfahrens

Asylwerbende dürfen – mit Ausnahme von 7 Teilbereichen – nicht arbeiten während ihrer Wartezeit auf einen Asylbescheid, dies ist in Österreich, anders als in anderen EU-Ländern bundesweit so festgesetzt.

Die sieben Ausnahme davon, also die Arbeits- und Beschäftigungsmöglichkeiten während des Asylverfahrens sind:

  1. Hilfstätigkeiten im Asylquartier
  2. Saisonarbeit
  3. Selbstständige Tätigkeit
  4. Gemeinnützige Tätigkeiten
    schon über 900 Asylwerbende in OÖ arbeiten in OÖ gemeinnützig
  5. Lehre für Jugendliche bis zum vollendeten 25. Lebensjahr (s.u.)
  6. Volontariate, Ferial- und Berufspraktika
    seit der Öffnung dieses Segments für Asylwerbende während ihres Verfahrens, wurden schon über 100 Volontariate in OÖ absolviert – so lernen sich Bewerber/in und Arbeitnehmer/in schon vorab kennen, die Tätigkeiten des Berufsfeldes können erfahren werden, usw.
  7. Dienstleistungsscheck für Asylwerber/innen (s.u.)

 

Lehre in Mangelberufen für junge Asylwerbende: Vorreiter Oberösterreich (Ausnahmeregelung 5)

Die Beschäftigung bedarf einer Beschäftigungsbewilligung durch das AMS, die Lehre ist nur in Mangelberufen möglich.

In Oberösterreich wird dies bereits sehr gut angenommen: 206 junge AsylwerberInnen machen aktuell eine Lehre in Mangelberufen in Oberösterreich (von 415 österreichweit, Stand Mai 2017). Darunter sind 194 junge Männer und 12 junge Frauen; 142 Personen aus Afghanistan, 17 Personen aus dem Irak und 14 Personen aus Syrien.

Hinsichtlich der regionalen Verteilung der Asylwerbenden in Lehre sind besonders folgende Bezirke hervorzuheben: Linz inkl. Urfahr-Umgebung mit 31 Personen, Rohrbach mit 24 (!), Gmunden mit 22, Grieskirchen mit 17, Perg und Steyr mit 16 sowie Braunau und Wels mit Wels-Land mit jeweils 14 Lehrlingen mit laufendem Asylverfahren.

Nach Wirtschaftssektoren teilen sich die Lehrlingsbeschäftigungen für Asylwerbende zu 42% auf Handel und Gewerbe, zu 38% auf Gastronomie und zu 20% auf die Industrie auf. Die Verteilung der Lehrstellen in Mangelberufen auf Asylwerbende in den fünf Hauptbereichen, ist in der Tabelle aufgezeigt. Daneben gibt es aber auch viele selten ausgeübte Lehrstellen für Asylwerbende, etwa als Bekleidungsfertiger/in, Tierpfleger/in, Textilgestalter/in, Lackiertechniker/in oder Berufsfotograf/in.

Lehrberufe

Anzahl

Koch/Köchin

58

TischlerIn

12

Gastronomiefachmann/-frau

11

Friseur/in und Perückenmacher/in (Stylist/in)

9

BäckerIn

8

u.v.a.m.

 

Quelle: AMS OÖ, Stand 10. Juli 2017

Obwohl Oberösterreich hier schon auf einem guten Weg ist, stehen allein in Oberösterreich weitere knapp 2.000 gemeldete freie Stellen sofort (416) bzw. später (1.543) zur Verfügung, v.a. in den Bereichen Gastronomie, Einzelhandel, Metall- bzw. Elektrotechnik.

Jene Asylwerbende in OÖ in Lehre besuchen auch die oö. Berufsschulen als ordentlich pflichtige Schüler/innen. Als Unterstützung werden für diese sowie andere Schüler/innen mit nicht-deutscher Muttersprache an insgesamt acht Standorten Sprachstartgruppen geführt.

 

Dienstleistungsscheck für Asylwerbende seit April offen – Nachfrage steigt (Ausnahmeregelung 7)

Seit 1. April 2017 hat die Bundesregierung die Dienstleistungsschecks auch für Asylwerbende freigegeben – d.h. diese dürfen Arbeiten in privaten Haushalten, wie etwa Gartenarbeit oder Putzen, legal durchführen. Diese Möglichkeit befindet sich noch in den Kinderschuhen, muss erst bei Asylwerbenden wie möglichen Interessierten bekannt werden, die Tendenz stimmt aber.

So wurden in ganz Österreich im April erste Arbeiten im Ausmaß von 495 Euro über den Dienstleistungsscheck verrechnet,  im Juni waren es dann schon 6.811 Euro, Oberösterreich an der Spitze mit 2.195 Euro.

Die Intention des Dienstleistungsschecks ist, Arbeiten in privaten Haushalten wie Putzen und Gartenarbeit, aber auch Dienstleistungen wie Babysitten, aus der Zone der Schwarzarbeit herauszuholen und in einen legalen Rahmen zu betten.

Mit dem Dienstleistungsscheck genießen Arbeitnehmer/innen den Schutz einer gesetzlichen Unfallversicherung für die Zeit ihrer Beschäftigung, und haben die Möglichkeit zu einer freiwilligen Kranken- und Pensionsversicherung.

Damit haushaltsnahe Dienstleistungen in Zukunft noch öfter legal abgesichert werden, wurde die Abwicklung rund um den Dienstleistungsscheck in den letzten Jahren deutlich entbürokratisiert und vereinfacht.

  • Eine einmalige Anmeldung begründet ein Dienstverhältnis zwischen Arbeitgeber/in und Arbeitnehmer/in.
  • Der DLS ist problemlos online bestellbar unter www.dienstleistungsscheck-online.at.  Weiters können Schecks in Trafiken und in Postämtern in variablen Beträgen bis max. € 100,- pro Dienstleistungsscheck gekauft werden.
    Der Preis des Schecks liegt 2% über dem Wert, damit bezahlt die Arbeitgeber/in den Beitrag zur Unfallversicherung (1,3%) und einen Verwaltungskostenanteil (0,7%).
  • Mit dem Dienstleistungsscheck arbeitsberechtigt sind Österreicher/innen, EU Bürger/innen, sowie Personen mit besonderen Nachweisen.
    Neuregelung für Asylwerber/innen : Seit 1. April 2017 können auch Asylwerber/innen, die seit drei Monaten zum Asylverfahren zugelassen sind, mit dem Dienstleistungsscheck beschäftigt werden.  Die Zulassung zum Asylverfahren wird mit der Aufenthaltsberechtigungskarte (weiße Karte) nachgewiesen.
  • Der Lohn ist unter Berücksichtigung der Mindestlohntarife und der Geringfügigkeitsgrenze pro Arbeitnehmer/in frei vereinbar.
  • Der Dienstleistungsscheck wird nach Verrichtung der Arbeit an die Arbeitnehmer/in als Lohn für die Tätigkeit übergeben.
  • Die Arbeitnehmer/in muss den Dienstleistungsscheck spätestens bis Ende des Folgemonats über DLS-Online einlösen, oder den Scheck persönlich oder am Postweg bei der Versicherungsanstalt für Eisenbahnen und Bergbau in 8010 Graz, Lessingstr. 20 einreichen. Zusätzlich besteht auch die Abgabemöglichkeit bei den GKK.
  • Der Lohn wird dann entweder auf ein Konto überwiesen, oder postbar ausgezahlt.

Die Versicherungsanstalt für Eisenbahnen und Bergbau betreut die gesamte Abwicklung rund um den Dienstleistungsscheck im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz. Alle Infos unter der Service-Hotline 0810 555666 oder unter dienstleistungsscheck@vaeb.at

 

Praxis: Dienstleistungsscheck. Hennadiy X. & Dr.in Gehmacher erzählen

Hennadiy X., geboren 1979 in der Ukraine, ist im Jänner 2015 mit seiner Familie aus der Ostukraine nach Österreich geflüchtet. Er hat schon einige Monate gemeinnützig im Seniorenheim Strasswalchen ausgeholfen, ist Mitglied der freiwilligen Feuerwehr und dann auf den neuen Dienstleistungsscheck auch für Asylwerbende aufmerksam geworden. Diesen nutzt er nun seit zwei Monaten, um in der Gemeinde oder bei Privatpersonen auch bezahlte Tätigkeiten zu verrichten.

Dr.in Adelheid Gehmacher hat Hennadiy X. in der Volksschule, die deren Kinder jeweils besuchen, kennengelernt. Die Nachfrage nach einer Unterstützung im Garten ist mit dem Willen zur Arbeit und der Möglichkeit über den Dienstleistungsscheck zusammengetroffen. 

Dr.in Gehmacher: „Ich informierte mich dann genauer über den Dienstleistungsscheck in der Trafik und es wurde mir bewusst: das ist eine Möglichkeit für mich! Herr X. hat mir nun schon zweimal zu meiner vollsten Zufriedenheit den Rasen gemäht (3.000m2 Grund). Er ist sehr freundlich, verlässlich, pünktlich, fleißig und ordentlich. Ich bin sehr dankbar für die Einführung des DLSs, denn dadurch habe ich als alleinerziehende Mutter auch die Möglichkeit legal und unter fairen Bedingungen Hilfe zu erhalten und für Herrn X. bietet diese Möglichkeit auch viele Vorteile (Versicherung, Arbeit, Entlohnung...), u.a. auch die Chance in unserer wunderbaren Gemeinde integriert zu werden.“

 

Forderungen an die Bundesregierung im Bereich Arbeitsmarkt-Integration

  • die kontrollierte Öffnung des Arbeitsmarktes bei Mangelberufen ab dem 6. Aufenthaltsmonat: Laut AMS OÖ stehen derzeit rund 1.200 Arbeitsplätze in Mangelberufen frei, für die eben keine bzw. nicht genügend Arbeitnehmer/innen aus Österreich oder der EU gefunden werden, v.a. Dreher/innen, Maschinenbau-Techniker/innen oder Datenverarbeiter/innen, aber auch Krankenpfleger/innen würden gesucht.
  • Jugendcolleg mit möglichst flächendeckender Clearing Phase, Beratung und konkreten Angeboten (Deutsch, Basisbildung, PSA, Berufsorientierung)
  • Gleichstellung von Asylwerber/innen bei Lehrlingstickets und Schüler/innen-Freifahrt, für eine leistbare Anfahrt zu Ausbildung und Lehrplatz
  • Vereinfachung für Hochqualifizierte durch eine Beschleunigung der Nostrifizierungsverfahren
  • ausreichend Basisbildungsangebote sowie Angebote zum Nachholen des Pflichtschulabschlusses