10 Dezember 2014

Appetit auf Zukunft: Bündnis von Konsument/innen und Produzent/innen ist großartig gestartet

Bereits rund 40 Initiativen in ganz Oberösterreich + mehr Sichtbarkeit für Einsteiger durch Landkarte und App. In den nächsten 5 Jahren sollen es 100 FoodCoops werden! Presekonferenz mit DI Günther Humer, Zukunftsakademie OÖ und Mag. Martin Tragler, BIO AUSTRIA OÖ

Direkte Allianzen zwischen Produzent/innen von Lebensmitteln und Konsument/innen sind in Oberösterreich im Vormarsch: Insgesamt rund 40 Projekte gibt es bereits in Oberösterreich, viele weitere sollen es werden – Konsument/innenschutz-Landesrat Rudi Anschober strebt 100 Allianzen in ganz Oberösterreich an – mit tausenden Mitmachenden. Konsument/innen bestellen, Produzent/innen liefern auf Basis von Direktverträgen. In Übernahmelagern erfolgt die Übergabe. Aber jedes Projekt ist anders, besitzt einen eigenen Charakter.

Beide Seiten profitieren: Die Konsument/innen erhalten hochwertige, regionale Lebensmittel und volle Transparenz, die Produzent/innen gute Preise und planbaren Absatz.

 

Hintergrund für das Bündnis „Appetit auf Zukunft“

Die Unzufriedenheit der Konsument/innen über die steigende Abhängigkeit von industriell hergestellten Lebensmitteln und vom Einheitsbrei der Lebensmittelmultis sowie die Sehnsucht nach regionalen Lebensmitteln und mehr Transparenz führt zu einem wachsenden Bedürfnis nach gesunden, ökologischen, bäuerlichen Lebensmitteln und nach Ernährungssouveränität. Weltweit entstehen daher immer mehr Initiativen und Bündnisse zwischen Konsument/innen und Produzent/innen, bei denen Produktion und Verteilung – vor allem biologischer – Produkte selbst übernommen werden. Die Konsument/innen schließen direkte Lieferverträge mit den Produzent/innen – beide profitieren!

Die Vorteile eines solchen Bündnisses:

  • Die Konsument/innen wissen, was sie kaufen – und später essen. Es herrscht absolute Transparenz über die Produzent/innen, deren Produktionsweisen und angebotenen Produkte. In den meisten Fällen ist es möglich, am Hof vorbeizuschauen, sich auszutauschen und selbst mitzuarbeiten. Es besteht eine besondere Verbindung zwischen Produzent/innen und Konsument/innen. Die Anlieferung der Produkte erfolgt trotzdem sehr einfach: zumeist an einer Übergabestelle werden die Produkte angeliefert und abgeholt, so können mehrere Produzent/innen verschiedenster Produkte dahin liefern und die Konsument/innen holen sich alles gemeinsam ab.
  • Der große Vorteil der Produzent/innen besteht in dem sicheren Absatzmarkt und einem guten Preis. Durch die Mitgliedschaft im Bündnis und teils wöchentliche Vorbestellungen der Produkte können sich die Produzent/innen ihres Absatzes sicher sein. Ohne die Zwischenschaltung des Einzelhandels erhalten sie zudem einen fairen Preis für ihre Produkte.

 

Internationale Vorbilder für Konsument/innen-Produzent/innen-Netzwerke

AMAP – Projekt in Frankreich

In Frankreich existiert das Kooperationskonzept unter dem Namen „Association pour le maintien de l'agriculture paysanne“, kurz AMAP, (Verbrauchervereinigung für die Beibehaltung der bäuerlichen Landwirtschaft) seit dem Jahr 2001. Entstanden ist es durch die Not von Landwirten, mit den niedrigen Preisen am Markt durch importierte Produkte nicht mithalten zu können, und der Idee aus den USA, sich mit interessierten Konsument/innen zusammenzuschließen.Im April 2001 verteilte der erste Landwirtschaftsbetrieb rund 40 Pakete an die Mitglieder der neu gegründeten, so genannten AMAP.

Heute handelt es sich bei AMAP um regional agierende Vereine, die der gesicherten Abnahme von landwirtschaftlichen Produkten aus deren Herkunftsregion durch ihre Mitglieder und Unterstützer dienen. Tausende Produzent/innen und noch viel mehr Konsument/innen machen das französische Modell der Solidarischen Landwirtschaft zu einem Vorzeigeprojekt. Lt. Angaben sind es derzeit mindestens 2.000 Projekte.

 

Internationale Verbindung

In weiteren Ländern weltweit gründeten sich Initiativen und Verbände, was schließlich zur internationalen Organisation „URGENCI – The international Network for Community-based agriculture“ führte. Diese vernetzt CSA-Initiativen (Community supported Agriculture)  und Solidarlandwirtschaft von Japan über Europa bis Kanada. In all diesen und vielen anderen Orten der Welt finden sich aktive Konsument/innen und Bäuerinnen/Bauern zusammen und gründen lokale und solidarische Lebensmittelnetzwerke. Weltweit engagieren sich über eine Million Menschen in CSA-ähnlichen Netzwerken, so eine vorsichtige Schätzung des weltweiten CSA-Netzwerks „Urgenci“, die auf den Angaben der einzelnen Ländernetzwerke beruht.

 

Großartiger Start des Bündnisses „Appetit auf Zukunft“ in OÖ

Bei einer Startveranstaltung im September haben einige der insgesamt schon 38 in OÖ bestehenden Netzwerke sich und ihre innovativen Konzepte vorgestellt, etwa NETs.Werk, Solawi, Food Coops oder Güterwege. Aber auch viele kleinere Initiativen, die teils noch ganz am Anfang stehen, präsentierten sich beim anschließenden Marktplatz der Möglichkeiten den interessierten Gästen. In persönlichen Gesprächen wurden Anregungen und wertvolles Erfahrungswissen für weitere Projekte ausgetauscht.

Nach den Beratungen durch das Agenda-Netzwerk und die Regionalmanager/innen sowie die vielfachen Hilfestellungen der BIO AUSTRIA OÖ haben sich manche Projekte seither schon ordentlich weiterentwickelt und starten noch 2014 oder 2015 ihre Tätigkeit.

Die Initiativen und die wesentlichsten Infos zu jedem Netzwerk zeigt folgende Landkarte:

 

Außerdem sind die Betriebe auch im kostenlosen App „Gutes Finden“ des oö. Umweltressorts eingetragen – zum Download in den App-Stores von Apple und Android.

Landesrat Rudi Anschober: „Der Schwerpunkt Besser Essen in meinem Ressort beinhaltet Projekte, deren Ziele eine neue Beziehung zu Lebensmitteln und eine neue Wertschätzung sind. Die Allianz zwischen Konsument/innen und Produzent/innen bei ,Appetit auf Zukunft‘ ist dazu ein logischer Schritt. Konsument/innen kooperieren mit Produzent/innen aus der Region – für Transparenz und einen sicheren Absatzmarkt. Wie groß die Nachfrage mittlerweile nach guten Produkten und Ernährungssouveränität ist, zeigen das riesige Interesse und die zahlreichen Projektideen der Oberösterreicher/innen.“

 

Umsetzung und Unterstützung pilothafter FoodCoops im Rahmen des Agenda 21-Netzwerkes Oö.

In sechs Pilotprojekten in ganz OÖ werden Erfahrungen gesammelt und Erfolgskriterien sowie mögliche Stolpersteine sichtbar gemacht, die für zukünftige Initiativen aufbereitet werden.

 

Neukirchen an der Vöckla

Entstehung/Hintergrund:
Ein „Folgeprojekt“ des Agenda 21 Projekts „Gemeindewährung Neukirchen (NEUKI)“: Die Gemeinde Neukirchen an der Vöckla hat in den letzten zwei Jahren bereits erfolgreich eine Reihe von Projekten zu den Themen „Regionale Wertschöpfung/regionale Ressourcen bzw. Lebensmittel“ umgesetzt (Gemeindewährung, Fairteiler, …).

Ziele:

  • Förderung der lokalen landwirtschaftlichen Produktion mit dem Schwerpunkt „biologisch/ökologischer Anbau“
  • Beziehung zwischen Konsument und Produzent stärken – Bewusstein über die jeweiligen Bedürfnisse schaffen
  • Neue Kooperationen zwischen BürgerInnen, Landwirten und dem lokalen Nahversorger anstoßen, die Nahversorgungsstrukturen absichern und sogar ausbauen.
  • Impulse für gemeinsames Lernen in der Gemeinschaft (Workshops zum Thema Lebensmittelverarbeitung, Ernährung,…) im Rahmen des Projekts und auch die Schaffung eines regelmäßigen Treffpunkts zum sozialen Austausch in Neukirchen an der Vöckla.

Besonderheiten:

  • Die geplante Verknüpfung der FoodCoop mit dem örtlichen Nahversorger (könnte unter Umständen die Ausgabestelle der FoodCoop sein). Win-Win-Situation für alle Beteiligten.
  • Integration des Neuki als Zahlungsmittel in der FoodCoop

Stand:
3. Dezember: Infoabend in Zipf mit 40 interessierten Personen
9. Dezember: GR-Sitzung zum Projekt
falls positiv: Start der Planungsworkshops mit Bio Austria im Jänner 2015, Start der Foodcoop im Herbst 2015

 

Rüstorf

Entstehung/Hintergrund:
Die Gemeinde Rüstorf erarbeitete 2013/14 ein Agenda 21 Zukunftsprofil. Ein sehr wesentliches Thema war dabei „Nahversorgung der Zukunft“.  Ziel der Agenda 21 Arbeitsgruppe, die sich mittlerweile im Verein „Gutes von daheim“  konstituiert hat, ist die wöchentliche Versorgung der Gemeinde Rüstorf mit ökologisch hochwertigen, lokalen und gesunden Lebensmitteln. Rüstorf verfügt über keinen eigenen Nahversorger mehr (wenn auch die Versorgung  für mobile Menschen durch die unmittelbare Nähe zu Schwanenstadt relativ gut gesichert ist). Das Projekt soll eine Möglichkeit darstellen, trotzdem eine hochwertige „lokale Versorgungsschiene“ aufzubauen.

Ziele:
Hauptziele sind die Schaffung von neuen Kooperationen zwischen Bürger/innen, Landwirt/innen und anderen Einrichtungen (bspw. Betreutes Wohnen Rüstorf). Der Aufbau alternativer Nahversorgungsstrukturen im Ort und auch die Schaffung eines regelmäßigen Treffpunkts zum sozialen Austausch in Rüstorf im Rahmen der Foodcoop (zB bei der Ausgabe der Kisten) und die Bewusstseinsbildung für einen gesunden und nachhaltigen Lebensstil in Rüstorf.

Stand:
Erste Treffen und Workshops bereits im Mai 2014 – Vereinsgründung im Oktober 2014. Die Planungen sind weit fortgeschritten, derzeit laufen noch die Suche nach weiteren Produzent/innen, Arbeiten an der Bestellsoftware und die Organisation der Räumlichkeiten für die Ausgabestelle. Der Probebetrieb der Foodcoop soll im Jänner/Februar 2015 starten.

 

Verein Regio Gut _ Nationalpark Kalkalpen

Entstehung/Hintergrund:
Im Regionalen Agenda 21-Prozess der LEADER Region Nationalpark Kalkalpen hat sich Anfang 2014 im Ennstal eine aktive Gruppe von Konsument/innen, Landwirt/innen und Gewerbetreibenden gegründet, die sich mit der Idee einer Konsument/innen- und Produzent/innengemeinschaft in der Nationalpark Region vertieft beschäftigt hat. Im Rahmen von Exkursionen wurden bereits gut funktionierende Projekte besichtigt, in mehreren Themenabenden wurde an möglichen Inhalten gearbeitet und im Herbst wurde schließlich der Verein Regio Gut_Nationalpark Kalkalpen gegründet. Dadurch wurde bewusst, dass die Region über enorme Naturraumpotenziale verfügt, die von zahlreichen kleinen gewerblichen sowie land- und forstwirtschaftlichen Betrieben In-Wert-gesetzt werden.

Ziele:

  • Aufbau einer FoodCoop, vorerst im mittleren Ennstal im Gebiet um Ternberg, Großraming, Laussa, Maria Neustift und Reichraming.
  • Stärken der regionalen bäuerlichen und gewerblichen Strukturen
  • Schärfen des Bewusstseins für Regionalität, Bio-Produkte und die Philosophie des Nationalparks Kalkalpen
  • Aufbau einer breiten regionalen Produktpalette mit Fokus auf permanenter Qualitätsverbesserung
  • Anreiz zur Entwicklung von neuen regionalen Spitzenprodukten, Absatzmöglichkeiten und Dienstleistungen

Stand:
Der neu gegründete Verein plant eine Info-Veranstaltung für Anfang 2015, erarbeitet dann die regionale Produktpalette und das Online-Tool und möchte ab Mitte 2015 mit der Warenausgabe starten. Das Projekt wird von der LEADER-Region Nationalpark Kalkalpen mitunterstützt. Ziel ist es, die Übergabestellen bei bestehenden Nahversorgern einzurichten, um diese zu stärken.

 

Drei weitere Gemeinden in der Vorbereitungsphase

Zwei weitere Gemeinden – im Salzkammergut und im Innviertel – haben bereits Interesse angemeldet und planen erste Informationsabende.

Eine Mühlviertler Gemeinde strebt noch vor Weihnachten den Gemeinderatsbeschluss an und möchte im Jänner 2015 mit dem Projekt starten.

 

Geförderte Beratungen von BIO AUSTRIA OÖ über Pilotprojekte hinaus

Über diese sechs ausgewählten Modellprojekte im Zuge des Agenda21-Prozesses hinaus, kann eine Beratung und Begleitung beim Aufbau eines Prosument-/innen-Projekts durch Bio Austria erfolgen – dank der Förderung durch das oö. Umweltressort von LR Anschober. Ziel ist natürlich, dass alle interessierten Gruppen oder Gemeinden die bestmögliche Unterstützung erhalten.

Daraus ist etwa ein Projekt in St. Florian entstanden: der Gemeinschafts-unterstützte Obstgarten der Familie Friedl am Lederbauernhof. Seit vielen Jahren wird der Hof nach biologisch-dynamischen Richtlinien geführt, der direkte Kontakt zur Kundschaft wird groß geschrieben. Im Hofladen wurden schon bisher zweimal in der Woche Milchprodukte und eine große Vielfalt verschiedener Obstsorten angeboten. Nun soll der nächste Schritt gemacht werden: Ziel ist, ab dem nächstem Jahr mit einer Gruppe engagierter Konsument/innen die Obstbäume gemeinsam zu betreuen.

Aber auch die bereits bestehenden Initiativen profitieren vom Beratungsangebot der BIO AUSTRIA: Durch die Förderung ist eine Tätigkeit als allgemeine Beratungsstelle möglich – dieses Angebot wird schon stark angenommen.

 

Foodcoops:  In welchen Bereichen wird Beratung nachgefragt?

Rechtliches: Diese komplexe Thema ist für die Vereine viel Aufwand und lässt sich gut standardisieren – etliche Informationen wurden hier von uns zusammengetragen. Fast jede Foodcoop war schon wegen Vereinsstatuten, Steuerfragen etc.  bei uns.

Produktsuche: Durch den prinzipiellen Verzicht auf den Großhandel wird durch die Foodcoops deutlich, wie viel bzw. wie wenig Produkte es in den Regionen noch direkt von den Höfen gibt. Es ist kaum noch möglich, alle Grundnahrungsmittel auf diesem direkten Weg zu beziehen. Wir haben darum mit der Direktvermarktungsabteilung von BIO AUTRIA OÖ begonnen, die Nachfragen zu sammeln, und leiten sie dann gebündelt an unsere Mitglieder weiter. Auf diese Weise wollen wir Betriebe zur Direktvermarktung motivieren und so auf Produktionsseite die Voraussetzungen für eine flächendeckende Versorgung mit bioregionalen Lebensmitteln erreichen.

Interne Organisation und Gruppendynamisches: Aufnahmekriterien in den Verein, Aufteilung der anfallenden Arbeiten, Entscheidungsfindung, Kommunikation nach außen.

Herausforderungen: Jede Gruppe hat  ihre ganz eigenen Ideen und Bedürfnisse – was sehr bereichernd ist und wodurch die Initiativen ständig voneinander oder auch miteinander lernen können, aber auch für uns heißt das, dass wir nicht die Standardvorlage hernehmen können, es braucht individuelle Beratung.

Man merkt, dass das Thema immer mehr Leuten unter den Nägeln brennt, aber auch dass es ein sehr neuer Weg ist, wo es noch nicht viele Orientierungspunkte gibt.

 

Weitere Erfolge bzw. Entwicklungen

Anfang 2015 geht die speziell entwickelte Foodcoop-Software von Mario Rothauer (Mitglied beim Fairteiler Scharnstein) in Serie – für eine einfache Abwicklung der Bestellungen.

Mehr Infos auf http://www.rothauerwebsites.com/ unter dem Reiter foodcoopshop.com

Im November fand in Wien ein österreichweites Foodcoop Vernetzungstreffen statt, einige Vereinsmitglieder aus OÖ waren mit dabei.

Das nächste Vernetzungstreffen soll im Februar/ März 2015 in Oberösterreich stattfinden.