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Foto: v. l. : Werner Blöchl (Geschäftsführer OX-Steaks & Grill PlusCity) Landesrat Rudi Anschober, Mag.a Michaela Aigner-Zemsauer (Geschäftsführerin Kräuter Paul), Thomas Scheubmayr (Geschäftsführer ABC Dachlackierer & Maler GmbH)

Foto: v. l. : Mag.a Michaela Aigner-Zemsauer (Geschäftsführerin Kräuter Paul), Landesrat Rudi Anschober, Werner Blöchl (Geschäftsführer OX-Steaks & Grill PlusCity)

5 Februar 2019

Der Fachkräftemangel in OÖ wird zur massiven Standortgefährdung - Auswirkungen auf und Konsequenzen für die Integrationspolitik

Oberösterreichs Wirtschaft brummt und dennoch droht ein massives Standortproblem, das immer dramatischer wird und das nur mit einem Mix von entschlossenen offensiven Maßnahmen gelöst werden kann. Dazu benötigt es auch die Integrationspolitik und dafür müssen ideologische Tabus beendet werden. Es braucht einen Grundkonsens in der Landespolitik. Denn:

  • Facharbeiter/innen fehlen in vielen Firmen, dazu kommt, dass immer stärker attraktive Großfirmen Facharbeiter/innen und Lehrlinge abwerben. Klein- und Mittelbetrieben fehlt besonders stark das Personal. Schon jetzt müssen Aufträge abgelehnt, Umsatzeinbußen hingenommen und damit Wohlstand reduziert werden.
  • aktuell gibt es in OÖ 1.387 offen gemeldete, sofort verfügbare Lehrstellen, österreichweit sind es 5.314 (AMS Jänner 2019)
  • aktuell fehlen in Oberösterreich an die 30.000 Facharbeiter/innen
  • bis 2030 droht der Fachkräftemangel laut offizieller Prognose auf unfassbare 127.000 zu steigen 

Integrationslandesrat Rudi Anschober: „Die Prognosen dürfen nicht Wirklichkeit werden, es braucht daher einen Kraftakt der Landespolitik. Die Situation droht sich dadurch weiter zu verschärfen, dass der Fachkräftemangel in vielen Regionen Europas immer drastischer wird. Schon jetzt sind in Deutschland 1,2 Mio. Stellen unbesetzt, deshalb schrillen etwa auch in Polen die Alarmglocken, weil die Abwanderung von 500.000 „Gastarbeiter/innen“ aus der Ukraine nach Deutschland befürchtet wird. Es geht längst nicht mehr so, dass eine Lösung gegen die andere ausgespielt werden darf, sondern wir brauchen alle Lösungen, um einen dramatischen Verlust von Wertschöpfung zu vermeiden. Es braucht Asylwerbende genauso wie Asylberechtigte, es braucht Österreicher/innen genauso wie Migrant/innen. Es darf keine Tabus und keine ideologischen Scheuklappen mehr geben. Und wir müssen uns ganz auf die Qualifizierung konzentrieren und dürfen nicht noch mehr Menschen für die Hilfsarbeit „produzieren“. Denn dort herrscht Konkurrenz und Arbeitslosigkeit.“

Anschober schlägt daher eine neuen Grundkonsens aller Parteien in Oberösterreich vor, der auf fünf Säulen aufbaut:

  1. Es braucht eine Attraktivierung der Lehrstellen
  2. Es braucht in Österreich ein klares Zuwanderungsgesetz, mit dem politisch gesteuerte Zuwanderung gegen den Fachkräftemangel verwirklicht wird
  3. Es braucht bei Asylberechtigten Ausbildung und Qualifizierung, um ihr Potenzial für die Bekämpfung des Fachkräftemangels zu nützen 
  4. Es braucht eine Wiederöffnung des Zugangs zur Lehrstelle für Asylwerber/innen und eine massive Verkürzung der Verfahrensdauer
  5. Es braucht Sicherheit für Asylwerber/innen in Lehre statt Abschiebungen von engagierten Mitarbeiter/innen

„In der Sitzung der Landesregierung am Montag vergangener Woche haben wir einen Antrag einstimmig beschlossen, der die Investition von 3 Mio. Euro für das Werben um potenzielle Facharbeiter/innen - auch international - vorsieht. Das ist ein richtiger Schritt, aber viel zu wenig. Die von mir heute vorgeschlagenen fünf Säulen zur Bekämpfung des Fachkräftemangels samt seiner Auswirkungen auf die Integrationspolitik werde ich in der Landesregierung zur Diskussion stellen und beantragen. Und dann müssen wir gemeinsam Druck bei der Bundesregierung machen. Denn die Zeit drängt, die Zukunft des Wirtschaftsstandortes steht am Spiel. Die Landesintegrationspolitik wird daher 2019 unter dem Schwerpunkt Arbeitsmarktintegration stehen. Das nützt der Wirtschaft und der Integration.“

1. Attraktivierung der Lehrausbildung, um auch verstärkt in Österreich geborene Jugendliche zum Antritt in Lehrstellen zu bewegen

Dafür liegen eine Menge von Vorschlägen von Gewerkschaften, Arbeitskammer und Wirtschaftskammer vor. Um diese zu verwirklichen und umzusetzen, braucht es einen gemeinsamen Dialog. Und es braucht ein Ausbildungsangebot für jene Arbeitslose, die maximal Pflichtschulabschluss haben: in Oberösterreich sind das 21.875 Personen - die Hauptgruppe von Menschen in Arbeitslosigkeit

 

2. Es braucht in Österreich ein klares Zuwanderungsgesetz, mit dem politisch gesteuerte Zuwanderung gegen den Fachkräftemangel verwirklicht wird

Es braucht in Österreich ein klares Zuwanderungsgesetz, mit dem politisch gesteuerte Zuwanderung - parallel zur Umsetzung der Genfer Flüchtlingskonvention - als zweite Schiene, mit der gesteuerten Zuwanderung gegen den Fachkräftemangel verwirklicht wird.

Dieses muss auf jeden Fall beinhalten:

  • einfache und unbürokratische Definition von Fachkraft, übersichtliche Regelung der Einwanderungsvoraussetzungen
  • Verhinderung von Lohndumping durch Prüfung, ob gleichwerte Beschäftigungsbedingungen bestehen
  • Förderung des Zuzugs von ausländischen Studierenden, Auszubildenden und Menschen, die sich in Österreich beruflich qualifizieren wollen
  • Ermöglichung des Wechsels des Aufenthaltsstatus für Asylsuchende
  • Erleichterung von Familiennachzug und Familienmitzug
  • Klares Unterbinden von problematischem Brain Drain

Als erster Schritt muss es zu einer umfassenden Reform der Rot-Weiß-Rot-Card kommen. Der gerade verwirklichte Reformschritt ist leider völlig unzureichend - noch immer ist das Verfahren viel zu bürokratisch und liegen die Einkommensgrenzen mit 2.078 Euro viel zu hoch.

3. Es braucht bei Asylberechtigten Ausbildung und Qualifizierung, um ihr Potenzial gegen den Fachkräftemangel zu nützen

Die aktuelle Kürzung des AMS-Budgets führt dazu, dass das allererste Ziel die kurzfristige Eingliederung der Betroffenen in den Arbeitsmarkt ist. Aktuell sind in Oberösterreich 1.804 Asylberechtigte arbeitslos gemeldet, lediglich 98 sind als lehrstellensuchend gemeldet. Es braucht jedoch einen Vorrang für Ausbildung und Qualifizierung, denn Oberösterreich braucht keine zusätzlichen Hilfskräfte, sondern Facharbeiter/innen. Das AMS muss das dafür erforderliche Budget erhalten.

4. Es braucht eine Wiederöffnung des Zugangs zur Lehrstelle für Asylwerber/innen und eine massive Verkürzung der Verfahrensdauer

Aktuell dauern Asylverfahren in Österreich skandalös lange. Erzwungene Untätigkeit für drei Jahre und mehr führt zum Verlust mitgebrachter Qualifikationen und der Tagesstruktur. Damit sind Asylwerber/innen mit dem Tag des Bescheides nicht mehr so fit für den Arbeitsmarkt, wie dies notwendig wäre. Teil dieses Fitnessprogramms muss neben einer Verkürzung der Verfahren auch ein Schwerpunkt ‚Ausbildung und Qualifizierung‘ sein (Alphabetisierung, Deutschkurse, Nachholen des Pflichtschulabschlusses, Wiederöffnung des Zugangs der Asylwerber/innen zur Lehrstelle - hunderte Unternehmen bieten Lehrverträge an). Weiters braucht es eine massive Aufstockung der Richterstellen in der zweiten Instanz, um die Verfahren endlich zu beschleunigen.

 

5. Es braucht Sicherheit für Asylwerber/innen in Lehre anstatt drohender Abschiebungen

Sicherheit ist einfach zu schaffen, falls der politische Wille vorhanden ist. Entweder durch eine kleine Korrektur im Aufenthaltsgesetz, im Niederlassungsgesetz oder durch die Übernahme der Deutschen 3plus2 Regelung. Es kann nicht sein, dass Österreich versucht, potenzielle Fachkräfte mit millionenschwerem Aufwand ins Land zu holen und gleichzeitig bereits in fortgeschrittener Ausbildung befindliche Menschen wieder des Landes verweist.

 

Statements von Unternehmer/innen und Unternehmern

Mag.a Michaela Aigner-Zemsauer (Geschäftsführerin Kräuter Paul)

„Ich bin seit 2001 selbständige Unternehmerin und betreibe das Kräuter Paul Naturreformhaus am Linzer Südbahnhofmarkt. Zusätzlich betreibe ich Marktstände auf Wochenmärkten und Traditionsmärkten in ganz Österreich. Ich bin Lehrlings - Ausbildnerin mit Herz und Seele, sowohl weil es mir Spaß macht Wissen weiterzugeben, als auch um meine eigene Zukunft als Unternehmerin zu sichern. Als Drogistin bekomme ich ganz schwer Lehrlinge, da es ein schöner, aber lernintensiver Lehrberuf ist. Fachkräfte sind gerade in gebundenen Gewerben wie dem des Drogisten sehr wichtig. Um den Mangel abzufedern, bilde ich nun auch Einzelhandelskaufleute mit Schwerpunkt Lebensmittelhandel aus, was vom schulischen Aufwand leichter ist. Seit einigen Jahren bin ich auch Prüferin für Lehrabschlussprüfungen am Wifi Linz und erhalte dadurch einen guten Eindruck auch abseits des eigenen Unternehmens. Ich habe im Rahmen meiner Tätigkeit bereits mehrere Lehrlinge ausgebildet - derzeit eine Quereinsteigerin (ohne Vor- Ausbildung, 28 Jahre) als Einzelhandelskauffrau. Ich bin sehr zufrieden und könnte jedem raten auch älteren Interessierten eine Chance zu geben.“

Besondere Erfahrungen mit Lehrlingen

„Mein erster Lehrling war eine Maturantin und Mutter von zwei Kleinkindern. Sie hat die schwierige Lehre zur Drogistin mit Auszeichnung absolviert, hat danach Jahre im Angestelltenverhältnis bei mir gearbeitet und ist nun seit ein paar Jahren als selbständige Unternehmerin tätig. Ohne diese Zusammenarbeit hätte sich mein Unternehmen nicht zu dem entwickelt, was es heute ist. Ich habe auch Erfahrung in der Ausbildung eines 16 jährigem Lehrlings mit Migrationshintergrund. Aufgrund der Religion mussten ich und meine Mitarbeiter neue Herausforderungen meistern. Aktiv an einem Miteinander beteiligt zu sein, ist aber auch eine sehr positive Erfahrung.“

Persönliches Fazit

„Gerade für uns ‚Kleine‘ ist Kundenbindung das A und O. Diese erreiche ich nur durch Fachkompetenz. Die Entwicklung beim Fachpersonal, die ich in der Praxis im Unternehmen und als Prüferin am Wifi sehe, macht mir als kleine Unternehmerin Angst. Neue Herausforderungen versuche ich offen zu begegnen: z.B. darf der heutige Lehrling auch älter sein. Auch Unternehmer/innen sind gefordert. Ich bin auf Mitarbeiter/innen mit Fachwissen angewiesen - ohne diese auszubilden, kommt nichts nach! Meine Aufforderung: Der Unternehmer muss mutig sein. Alter, Geschlecht oder Herkunft dürfen kein Hindernis sein um fachliche Kompetenz zu fördern. Die Politik soll diesen Mut unterstützen.“

 

Thomas Scheubmayr (Geschäftsführer ABC Dachlackierer & Maler GmbH)

Seit drei Jahren sucht A B C Dachlackierer & Maler aus Linz verzweifelt Lehrlinge, die zu Lackierarbeiten auf den verschiedensten Dächern ausgebildet werden. Der Arbeitsbereich ist hauptsächlich im Freien, in der Höhe und unter der Sonne – gewisse körperliche Voraussetzungen gilt es da mitzubringen.

Durch Zufall hat sich dann Herr L. beim Betrieb vorgestellt, der aus Afghanistan geflüchtet ist – nach ein paar Schnuppertagen wurde er aufgenommen.

„Seit einem Jahr arbeitet Herr L. bei uns, er spricht perfekt Deutsch, ist ein aufgeschlossener, strebsamer und verantwortungsbewusster, junger Mann, höflich, nett, hilfsbereit, eine extreme Bereicherung für unseren Betrieb. Auf Grund seines Verhaltens haben wir noch zwei weitere afghanische Lehrlinge aufgenommen, von denen wir ebenfalls begeistert sind. Die Burschen arbeiten gemeinsam mit meinen beiden Söhnen auf den Baustellen. Durch die Lehrlinge haben wir Hoffnung, dass sich unser Betrieb entwickeln kann und Qualität durch qualifiziertes Fachpersonal garantiert“, so Inhaber Thomas Scheubmayr.

„Für unseren Betrieb wäre es absolut fatal, wenn man diese Lehrlinge abschiebt“, so Scheubmayr abschließend.

 

Werner Blöchl (Betriebsleiter OX-Steaks & Grill PlusCity)

„Nach über 40 Jahre Gastronomie habe ich in den letzten Jahren die Erfahrung gemacht, dass es immer schwieriger wird qualifizierte Fachkräfte zu bekommen. Wir müssen daher unsere Fachkräfte selbst ausbilden und langfristig an die Betriebe binden. Das Schwierigste ist im Moment allerdings junge Menschen zu finden, die solch eine praxisnahe Fachausbildung anstreben. Ein Teil kann über sogenannte Höhere Fachschulen (z.B. Tourismusschule Bad Leonfelden) rekrutiert werden. Unser Ziel sollte es sein, aus dem großen Topf der Asylwerbenden unseren Nachwuchs langfristig zu sichern. Ich habe im OX nur beste Erfahrung mit Migrant/innen, egal ob mit Syrern, Afghanen oder sonst woher. Im Moment bilden wir zwei Afghanen aus. Beide sprechen schon sehr gut Deutsch. Sie sind überaus intelligent und lernfreudig. Ahmad, ein Restaurantfachmann im 3. Lehrjahr, hat schon einen positiven Aufenthaltstitel. Der Zweite, Yasin ist im 1. Lehrjahr und versucht gerade seine Aufenthaltsbewilligung zu bekommen. Seinen negativen Asylbescheid konnten wir fürs Erste erfolgreich in eine 2. Instanz abwenden. Unsere Sorge, ihn aber doch wieder zu verlieren ist jedoch groß. Es ist betrüblich, dass bestens integrierte Jugendliche, trotz eines aufrechten Lehrverhältnisses und einwandfreiem Leumund abgeschoben werden können. Ein weiterer Aspekt ist eher humanitär. Diese jungen Menschen haben bei uns eine Perspektive. Bei uns könnten sie sich eine hervorragende Zukunft aufbauen. In ihren Herkunftsländern wird das vermutlich nicht möglich sein.“