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&copy Land OÖ: LR Rudi Anschober stellt die Maßnahmen der zweiten Integrationsoffensive des Landes Oberösterreich vor

© Land OÖ: LR Rudi Anschober stellt die Maßnahmen der zweiten Integrationsoffensive des Landes Oberösterreich vor

23 November 2018

Die erste Integrationsoffensive für schon lange in Oberösterreich lebende Migrant/innen

Eine starke flächendeckende Integrationsoffensive wie aktuell seit 2015, z.B. auf Basis dezentraler kleiner Quartiere, mit geförderten Deutsch- und Orientierungskursen, aktiver Jobintegration und der Einbindung von Zivilgesellschaft und Freiwilligen für ein Miteinander, hat es bei früheren Flucht- und Migrationsbewegungen nicht gegeben. Auch aus diesem Grund sind in einigen Bereichen zum Teil Fehlentwicklungen, wie fehlende Integration, fehlende Deutschkenntnisse und in Teilbereichen hoher Arbeitslosigkeit entstanden. Das oö. Integrationsressort von LR Anschober hat diese Herausforderung erkannt und erstmals eine zusätzliche Offensive auch für schon länger in (Ober-)Österreich lebende Migrant/innen gestartet – in einem ersten Schritt mit Fokus auf die Gruppe der Tschetschen/innen.

Nach einer Dialog-Phase mit direkt Betroffenen der tschetschenischen Community sowie mit Vertreter/innen z.B. aus NGOs, Bildungs- und Beratungseinrichtungen wurde im Herbst 2017 eine erste Pilotphase gestartet: Angebote speziell für Tschetscheninnen standen am Programm, etwa Frauen-Cafés und Sprachkurse. Diese wurden nun evaluiert und auf diesen Erfahren aufbauend ein Gesamtkonzept der Integrationsoffensive II erarbeitet. Es hat sich gezeigt: seitens der in Oberösterreich lebenden Tschetschen/innen besteht großes Interesse an weiterer Integrationsarbeit - an Stärkung, Ausbildung und Qualifizierung, Einbeziehung und Miteinander, Sprachausbildung und Jobintegration.

Das Gesamtkonzept „Integrationsoffensive II“ sieht Maßnahmen, Ideen, Anregungen aus sieben Bereichen vor – nämlich Arbeit, Frauen und Männer, Freizeit und Sport, Kinder und Jugendliche, Mehrheitsgesellschaft, Sprache und Bildung, Wohnen.

Insgesamt werden 18 Projekte verschiedener Projektträger/innen im Rahmen der Integrationsoffensive II gefördert und ab sofort startend vor allem 2019 und teilweise 2020 umgesetzt. Zwei dieser Projekte werden heute als Beispiele im Detail vorgestellt.

LR Anschober: „Der Austausch mit der tschetschenischen Community war während der gesamten Erarbeitungsphase sehr positiv. Erstmals hat es einen breit angelegten Dialog darüber gegeben, was es braucht. Ich freue mich, dass wir mit diesem Schwerpunkt nun aufeinander zugehen, Angebote bieten einerseits und Bewusstsein beider Seiten fördern andererseits. Die Tschetschen/innen haben erkannt, dass das Angebot eine große Chance, eine ausgestreckte Hand für das Verwirklichen von Verbesserungen ist. Es ist ein erstmaliger Versuch. Funktioniert er, dann werden wir die Integrationsoffensive II auf weitere Gruppen ausdehnen.“

 

Exkurs: Integrationsoffensive I zur aktuellen Fluchtbewegung ab dem 1. Tag, dezentral und flächendeckend

Oberösterreich ist bei der aktuellen Fluchtbewegung ab 2015 v.a. aus Kriegsgebieten in Syrien und Afghanistan den Weg der dezentralen Integration von Beginn an gegangen. So wurden bis heute z.B. schon über 20.000 Kursplätze in geförderten Deutschkursen ermöglicht, verteilt in ganz OÖ, Kurse zur Alphabetisierung, Beratung und Angebote zu Qualifizierung, Lehre in Mangelberufen, Orientierungskurse u.v.a.m. schon für Asylwerbende während des laufenden Asylverfahrens verwirklicht. Dies ermöglichte aktuell eine Teilhabe an der Gesellschaft für Flüchtlinge, die noch nie da gewesen ist.

LR Anschober: „Bei Asylverfahren, die ein, zwei oder gar drei Jahre lang dauern, Menschen währenddessen ohne Sprachkenntnisse, ohne Beschäftigung und ohne gesellschaftlichen Anschluss zu belassen ist unmenschlich und fahrlässig. Seit 2015 sind wir glücklicherweise einen anderen Weg gegangen –und kämpfen derzeit um die Beibehaltung dieses Wegs der Förderung und Forderung. Denn Menschen brauchen Perspektiven! Was passiert, wenn keine Integrationsmaßnahmen gesetzt werden, zeigen frühere Fluchtbewegungen, wo sich z.B. unter den Tschetschen/innen eine ausgeprägte Parallelgesellschaft gebildet hat – hier gab es keinerlei Angebote für leistbare Deutschkurse, für Orientierung in unserem Land, für Bildung oder für eine ausgeglichene Wohnungsvergabe. Das wollen wir mit der Integrationsoffensive II für schon länger hier lebende Personen nun nachholen – diese endlich „hören“ und einbinden.“

 

Hintergrund und Ausgangslage der Integrationsoffensive II

Aktuell leben 3.500 Personen mit Staatsangehörigkeit „Russische Föderation“ in Oberösterreich, 32.018 Personen österreichweit. Die Statistik führt keine Angabe zur ethnischen Zugehörigkeit, wie zum Beispiel Tschetschenien. Zwei militärische Konflikte zwischen Tschetschenien und Russland (1. Krieg 1994-1996, 2. Krieg 1999-2009) führten zu internationalen Fluchtbewegungen vieler Tschetschen/innen ab den späten 1990er, Anfang 2000er Jahren, auch nach Österreich. Die rasche Gründung diverser tschetschenisch-österreichischer Organisationen, bspw. der Europäisch-Tschetschenischen Gesellschaft war die Folge. Wichtige Werte innerhalb der Community der Tschetschen/innen sind Respekt, Loyalität, Gehorsam gegenüber Älteren und der Ehrbegriff.

Die Tschetschen/innen in Oberösterreich sind eine heterogene Gruppe, deren Integrationsgrad von diversen Faktoren beeinflusst wird. Erkenntnisse und Maßnahmenempfehlungen der Offensive sind, dass die Gruppe in Oberösterreich noch gering formell institutionalisiert ist, jedoch großen Wunsch äußert, sich engagieren zu wollen. Aufgrund der Kriegswirren und instabilen Strukturen in Tschetschenien gibt es auch in Österreich Skepsis und Misstrauen gegenüber staatlichen Einrichtungen, Exekutive und Behörden, welche zögerliche Inanspruchnahme von Angeboten als Folge hat. Vertrauensaufbau in staatliche Systeme und Einrichtungen ist hier von Nöten.

 

Erfahrungen von Maynat Kurbanova aus der Arbeit mit Tschetschen/innen

Der Verein „Netzwerk Tschetschenischer Mütter in Österreich“ wurde im Jahr 2015 von tschetschenischen Aktivistinnen in Wien gegründet. Das Hauptziel des Vereins ist die Hilfe und Unterstützung für tschetschenische Frauen und Jugendliche bei der Integration in Österreich, aktive Unterstützung bei der Partizipation der Frauen in der Gesellschaft, sowie Brückenbauen zwischen Tschetschen/innen und Mehrheitsgesellschaft. Die Frauen, die bei der Gründung des Vereins mitgewirkt haben, hatten alle zu diesem Zeitpunkt viel Erfahrung bei den ehrenamtlichen Aktivitäten innerhalb der tschetschenischen Community, sie haben Flüchtlinge und Asylwerber/innen bei Behördengänge, bei Bildungsfragen und Deutschlernen begleitet und beraten. Die Notwendigkeit der Gründung eines eigenen Vereins wurde aber besonders klar, als ungefähr seit 2013-2014 die tschetschenische Community in Österreich immer wieder in den negativem Berichterstattung in Medien, insbesondere in Boulevardmedien gefallen ist - im Zusammenhang mit der Radikalisierung der Jugendlichen und der Ausreise einiger Tschetschenen nach Syrien.

 

Die geförderten Projekte der Integrationsoffensive II:

migrare

  • Zeit für Dich: Die offenen, begleiteten Frauengruppen „Zeit für dich“ gibt es in den Sprachen Dt./BKS und Dt./Türkisch sowie für tschetschenischen Frauen. Das vorrangige Ziel der offenen Treffen ist ein aktivierender Austausch und Vernetzung sowie die Aufarbeitung relevanter Themen für die Frauen.
  • Nachbarinnen: Die Nachbarinnen sind Mitarbeiterinnen von migrare und besuchen die Frauen zuhause um dort über ihre Anliegen sprechen.

Volkshilfe FMB

  • KAdin: - Motivation, Peers und Mediation für Mädchen und Frauen aus Tschetschenien. Um die Zielgruppe Schritt für Schritt aus einer familiären Isolation rauszuholen, setzt das Projekt „KAdin“ auf mehreren Ebenen gleichzeitig an.
  • Sport-Peers, Ringerprojekt in Wels: Jugendliche, Regelmäßiges Training und sozialpädagogische Betreuung  in Zusammenarbeit mit Street Work
  • Aktivierende Nachbarschaftsarbeit: in Wels und Traun wird aktivierende Nachbarschaftsarbeit mit Schwerpunkt bei der tschetschenischen Community betrieben

Caritas für Menschen in Not

  • Paraplü: Integrationsarbeit für und mit tschetschenischer Bevölkerung in Steyr. Lernhilfe für tschetschenische Kinder; Frauenkonversationskurs; interkultureller Stadtteil-Treff am Tabor, aufsuchende Sozialarbeit im öffentlichen Raum, Begegnungsfest im Stadtteil, Bewegungs- und Freizeitangebot für tschetschenische Frauen)

Institut für Soziale Kompetenz ISK

  • Sommerwochenende für tschetschenische Jugendliche in Kooperation mit dem tschetschenischen Verein ÄRSU. Das ISK führte im August 2018 in Kooperation mit dem tschetschenischen Kulturverein ÄRSU ein Startwochenende für tschetschenische Kinder und Jugendliche im Life Camp Hinterstoder durch

arcobaleno

  • Interkultureller Frauentreff (Integrationsnetzwerk tschetschenischer Frauen)
  • Nähprojekt „Bunte Vielfalt mit Nadel und Zwirn“: Ziel ist es, dass die tschetschenische Community geöffnet wird für interkulturellen Austausch zwischen Frauen und Mädchen unterschiedlicher Herkunftsländer, das Erlernen und Verbessern von Nähfertigkeiten, Förderung beruflicher Widereinstieg sowie Teilnehmerinnenaufschließung für andere Projekte.
  • „Art of Arcobaleno“: Während mehrerer Kreativworkshops entsteht ein Kontaktaufbau der Mitarbeiterinnen des Arcobalenos zu den Workshop-Teilnehmerinnen, Heranführung an reguläre Angebote bzw. freiwillige Mitarbeit im Arcobaleno. Dadurch werden auch Unterstützungsangebote im Regelsystem vorgestellt und vermittelt, Themen für weitere Workshops geplant
  • Infoabende für die Mehrheitsgesellschaft: Durch Infoabende mit unterschiedlichen Schwerpunkten soll eine Sensibilisierung der Mehrheitsgesellschaft, Wissensvermittlung über tschetschenische Community sowie die Sichtbarmachung der tschetschenischen Community und Vereine erreicht werden.

uugot.it

  • Implementierung der russischen Sprache in die Lernsoftware uugot.it:
    uugot.it ist eine App für Smartphone bzw. Tablet die es ermöglicht, während des Fernsehens Deutsch zu erlernen bzw. zu verbessern und gleichzeitig tagesaktuelle Informationen zu sehen.

fürSPRACHE

  • Linguistische Begleitung für uugot.it: Überprüfung der automatisierten Übersetzungen von uugot.it und Identifizierung von fehlerhaften Übersetzungen durch eine Linguistin

Institut Interkulturelle Pädagogik der Volkshochschule OÖ

  • Workshop-Reihe Bildung und Beruf [Mama lernt Deutsch, Frühkindliche Sprachförderung , Lern- und Hausaufgabenbegleitung]: In Workshops soll die Heranführung und der Abbau von Skepsis gegenüber Regelsystemen, Unterstützung speziell von Frauen in Bezug auf Vereinbarkeit von Berufstätigkeit mit familiären Pflichten und Unterstützung von Eltern in Bezug auf den Bildungsweg ihrer Kinder erreicht werden.

BFI OÖ

  • EMMA: In mehrtätigen, aufeinander aufbauenden Workshops sollen für junge Mütter die Festigung und der Ausbau sprachlicher Kompetenzen, die Stärkung und Erweiterung sozialer und interkultureller Kompetenzen sowie die Ermöglichung der aktiven Teilnahme am gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben erreicht werden.  
  • Imagines: In je zwei Workshops mit Personen mit und ohne Migrationsbiografie werden Alltagserfahrungen aufgegriffen und grafisch-künstlerisch umgesetzt um danach im öffentlichen Raum medienwirksam in einer Ausstellung dargestellt zu werden.
  • Berufs- und Bildungsberatung: Aufsuchende, niederschwellige Bildungsberatung mit Peers bzw. Kulturvermittlerinnen für Frauen mit Migrationsbiografie insbesondere Frauen tschetschenischer Herkunft

SOS Menschenrechte & RedSapata

10+10 Brücken

Das Projekt 10+10 Brücken ist aus der Idee entstanden, Menschen mit und ohne Fluchterfahrung zusammen zu bringen und ihnen mit Hilfe eines kreativen Zugangs in den Bereichen Tanz und Theater zu ermöglichen, gemeinsam etwas zu (er)schaffen. Das Projekt wurde seit 2016 bereits zwei Mal erfolgreich durchgeführt. Diesmal soll der Fokus auf eine andere Zielgruppe gelegt werden: Jugendliche und junge Erwachsene mit und ohne tschetschenischem Hintergrund sollen durch professionell angeleitete Arbeitsprozesse in den Bereichen Tanz und Theater die Möglichkeit bekommen, ihre Erfahrungen aus dem Alltag darzustellen und auf künstlerische Weise zu verarbeiten. Die Teilnehmer*innen können spielerisch eigene Fähigkeiten und somit weitere Ressourcen entdecken, die im Sinne des Empowerments langfristige Wirkung zeigen.

Außerdem sollen die Teilnehmer*innen mit Hilfe von Methoden aus der Menschenrechtsbildung zu Themen wie Diversität, Rassismus und Partizipation sensibilisiert werden. Das Projekt 10+10 Brücken schafft einen sicheren Raum, um Begegnung und Austausch innerhalb der Gruppe zu ermöglichen. Bei der Abschlussaufführung im Rahmen des tanzhafenFESTIVALs 2019 werden die gemeinsam erarbeiteten Ergebnisse nach außen getragen und tragen so zur Sichtbarkeit der Teilnehmer*innen innerhalb der Mehrheitsgesellschaft bei.

 

Stadtgemeinde Ansfelden und Verein SK Ondalla Latar (Umar Chekarbiev)

Train Body & Brain

Train Body & Brain ist verbindet zwei Mal wöchentliche Sport-Training (Ringen) mit einem Lerntreff. Im Rahmen des Ringertrainings wird als Vorprogramm ein Lerntreff angeboten. Dort werden die Kinder und Jugendlichen bei den schulischen Herausforderungen professionell durch einen Lehrer des Instituts für interkulturelle Pädagogik begleitet. Aber nicht nur schulische Angelegenheiten finden dort Platz, die Kinder und Jugendlichen haben hier auch eine Ansprechperson für ihre Sorgen.

Das Training im Ringen durch die tschetschenische Ringerlegende Umar Chekarbiev bringt den Jugendlichen Entwicklungsmöglichkeiten für Alltag, Beruf und Schule. Gerade Kindern und Jugendlichen, die in Phasen der Verunsicherung und Belastung nicht selten mit körperlichen Auseinandersetzungen reagieren, bietet der Sport Chancen zur Persönlichkeitsentwicklung in den Bereichen Fairness, Selbstdisziplin und der Interaktion mit anderen. Denn Miteinander zu Ringen, heißt gemeinsam zu handeln, sowie Kooperationsbereitschaft und Vertrauen zu entwickeln. Rücksichtname ist wichtig und die Grenzen des Gegenübers sind zu respektieren. Das Erlernte wird in der Öffentlichkeit durch Showtrainings präsentiert.

Einmal im Monat findet ein Elterncafé für die Eltern der Teilnehmer/Innen von Lernunterstützung und Ringer-Training statt.

 

Kommunale Integrationsarbeit

Generelles Ziel der Integrationsarbeit ist es, zusätzlich zur Integration der aktuellen Fluchtbewegung auf Probleme von länger hier lebenden Gruppen zuzugehen. Dabei werden auch Oberösterreichs Gemeinden immer stärker eingebunden und bei ihrer Arbeit gestärkt und unterstützt. Dies ist auch der Hauptgrund für die erste Kommunale Integrationskonferenz, die am kommenden Montag in Linz stattfinden wird.