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16 Dezember 2016

Ergebnisse des 1. Qualifikationschecks bei Asylwerber/innen in OÖ – Was bringen die Asylwerber/innen wirklich mit und was ist nun zu tun?

Seit August wurden über 5.200 Asylwerber/innen in der Grundversorgung des Landes OÖ über ihre Sprachkenntnisse, Ausbildung und berufliche Erfahrungen befragt. Dieser erste große Qualifikationscheck in OÖ zeigt: Viele Flüchtlinge sind besser ausgebildet als gedacht, dennoch besteht großer Handlungsbedarf.

Denn einerseits müssen wir versuchen, den gut Qualifizierten möglichst rasch auch eine Ausübung ihrer Ausbildungen durch rasche Nostrifizierungen zu ermöglichen – 25% haben Matura oder Uni-Abschluss. Und: 80% der Befragten sind alphabetisiert und besuchen auch Deutsch-Kurse in Oberösterreich, 20% wurden in ihrem Herkunftsland jedoch nicht alphabetisiert bzw. beherrschen die lateinische Schrift nicht. Hier ist also ein großer Handlungsbedarf, damit wir diese Gruppe fit machen für den oö. Arbeitsmarkt.

Aufbauend auf diesen Ergebnissen werden – gemeinsam mit Bildungs- und Wirtschaftsressort des Landes OÖ – ein Handlungsprogramm erarbeitet, maßgeschneiderte Maßnahmen und Angebote gesetzt. Vielfach brauchen wir aber auch die Bundesregierung im Boot.

LR Rudi Anschober: „Qualifizierung sowohl in der deutschen Sprache als auch in einem Berufsfeld wird der Schlüssel der Integrationsarbeit, nur so können die Menschen, die bei uns Schutz gefunden haben, auch am Arbeitsmarkt Fuß fassen und für ihren Lebensunterhalt sorgen. Mein Ziel ist es, erstens, die sehr gut Qualifizierten rasch in Oberösterreich in Arbeit zu bringen, da braucht es z.B. rasche und vereinfachte Nostrifizierungsverfahren. Zweitens, die Basisqualifizierung rasch umzusetzen, um eine Perspektive zu ermöglichen und weitere Konkurrenz am Billiglohnsektor zu vermeiden.“

 

Übersicht: Menschen in der Grundversorgung Oberösterreich

Mit aktuellem Stand befinden sich 13.250 Personen in der Grundversorgung von Land (12.829) und Bund (421) in OÖ. Seit einigen Wochen erfüllt Oberösterreich damit die bundesweite Quote zu 100%. Von den Menschen in der Landes-Grundversorgung sind 5.348 aus Afghanistan, 2.236 aus Syrien, 1.579 aus dem Irak, 855 aus dem Iran und 451 aus der Russischen Föderation, um die wesentlichsten Herkunftsländer zu nennen. Die Aufteilung der Geschlechter: 35% Frauen, 65% Männer. Hinsichtlich der Altersstruktur teilen sich die Menschen in der oö. Grundversorgung auf in 922 Kleinkinder bis 3 Jahre, 2.787 Kinder von 3 bis 15 Jahre, 1.043 Jugendliche bis 18, 7.873 Erwachsene und 204 Senior/innen.

 

Flüchtlinge am oö. Arbeitsmarkt – aktuelle Daten

Derzeit befinden sich 149 Asylwerber/innen in einem Lehrverhältnis in OÖ (im Vergleich mit 16.11.2016 befanden sich österreichweit 261 Asylwerber/innen in einem Lehrverhältnis). Alleine im Jahr 2016 (Stichtag 15.12.2016) wurden für Asylwerber/innen insgesamt (alle Kontingente und Lehre) 429 Beschäftigungsbewilligungen erteilt (im Vergleich zum Vorjahr 2015 188 Beschäftigungsbewilligungen). Auch ist beim AMS Oö ein deutlicher Abgang in die Arbeit vor allem unter Asylberechtigten (und Subsidiär Schutzberechtigten) erkennbar – waren es 2014 noch 853 und 2015 noch 926 Asylberechtigte, die in den Arbeitsmarkt eingestiegen sind, waren es heuer bereits (Stand Ende November) 1.313. Unter den Aufenthaltsberechtigten plus den Asylberechtigten und den subsidiär Schutzberechtigten konnte gesamthaft alleine gegenüber 2015 (mit Stand Ende November 2016) um 447 Personen mehr in Arbeit abgehen (Gesamt-Abgang 2015 1.216 Personen und 2016 (akt. Stand) 1.663 Personen).

 

Qualifikationschecks des Landes OÖ: Erhebung und Fragebogen

Von Anfang August bis Ende November 2016 wurden 5.220 Asylwerber/innen in der oö. Landes-Grundversorgung zu ihren Qualifikationen und bisherigen beruflichen Erfahrungen befragt. Der Fragebogen wurde von den Abteilungen Soziales/ Grundversorgung und Statistik des Landes OÖ erstellt und in Zusammenarbeit mit den NGOs und privaten Quartierbetreibern online in den Quartieren bearbeitet. Die Auswertung erfolgte durch die Abt. Statistik. Alle Angaben erfolgten anonym. Kontrollfragen wurden eingebaut. Die Ergebnisse sind glaubwürdig, weil vergleichbar mit anderen punktuellen Befragungen in Österreich und Deutschland. Jetzt aber liegt erstmals ein flächendeckendes Ergebnis in dieser Größenordnung vor.

Die wesentlich enthaltenen Bereiche des Fragebogens, die in insgesamt 7 Fragenkomplexen behandelt wurden:

  • Alphabetisierung in der Sprache des Herkunftslandes, lesen und schreiben in lateinischer Schrift, Deutschkenntnisse
  • Schulausbildung bzw. Nachweise und Dokumente
  • Berufsausbildung und Nachweise darüber, sowie
  • Erwerbstätigkeit

 

Qualifikationschecks des Landes OÖ: Ergebnisse

Die Analyse zur Qualifikation der Asylwerber/innen wurde in anonymisierter Form durchgeführt und bezieht Alter, Geschlecht, Herkunftsland und den Verfahrensstand mit ein.

Die Kernaussagen zu den statistischen Angaben:

  • Gut zwei Drittel der Befragten sind Männer.
  • Die größte Altersgruppe mit 2.255 Personen sind jene zwischen 26 und 40 Jahren (43 Prozent). Unter 15 Jahre sind 342 Kinder und Jugendliche (7 Prozent), zwischen 15 und 25 Jahre alt sind 1.876 Personen (36 Prozent), zw. 41 und 60 Jahre sind 663 Personen (13 Prozent), 84 Personen sind älter als 60 Jahre (2 Prozent).
  • Die meisten befragten Menschen kommen aus Afghanistan (2.182 Personen), Syrien (880 Personen), Irak (717 Personen) und Iran (425 Personen).
  • Mehr als die Hälfte (58 Prozent) sind im Familienverband nach Österreich gekommen.
  • Rund 94 Prozent der Menschen befinden sich in einem laufenden Asylverfahren.

 

Kernaussagen zu Alphabetisierung und Deutschkenntnissen:

  • 80% der Befragten geben an, alphabetisiert zu sein (in der Sprache des Herkunftslandes sowie Lesen/ Schreiben in lateinischer Schrift)
  • 20% der Befragten wurden in ihrem Heimatland nicht alphabetisiert, rund 62% von diesen stammen aus Afghanistan
  • über 80% der Befragten nutzen ein Deutschkursangebot in Oberösterreich (institutionell und/ oder ehrenamtlich)
  • Die folgende Grafik zeigt die unterschiedlichen Sprachniveaus (c) Land OÖ:

Kernaussagen zu Schulbildung und Abschlüssen:

  • 30% der Befragten geben auf die Frage nach der höchsten abgeschlossenen Ausbildung an, keine Schulbildung gehabt bzw. keinen Abschluss gemacht zu haben
  • 27% haben die Pflichtschule abgeschlossen
  • 14% haben Matura, knapp 11% eine universitäre Ausbildung

Kernaussagen zu Berufsausbildung und Erwerbstätigkeit:

Die Vielfalt an Berufen und Ausbildungen unter den befragten Asylwerber/innen aus der Grundversorgung des Landes OÖ ist groß. Die häufigsten Nennungen: Baugewerbe, KFZ und Maschinenbau, Textil und Mode, Soziales, Handel, Büro- und Kanzlei-Tätigkeiten.

 

Weitere Schritte: Was ist nach diesen Ergebnissen nun politisch zu tun?

Aufbauend auf den Ergebnissen des oö. Qualifikationschecks wird nun – gemeinsam mit dem oö. Bildungs- und Wirtschaftsressort – ein Handlungsprogramm erarbeitet, das maßgeschneiderte Maßnahmen und Angebote setzen wird. Vielfach brauchen wir aber auch die Bundesregierung im Boot.

Die Ziele zu Qualifizierung und Arbeitsmarktintegration von LR Anschober, nämlich einerseits sehr gut Qualifizierte rasch in Arbeit zu bringen, und andererseits die Basisqualifizierung rasch umzusetzen, um Perspektive und damit weitere Konkurrenz am Billiglohnsektor zu vermeiden, werden in der oö. Landesregierung von einer Mehrheit mitgetragen.

So konnte – über die Zuständigkeiten der oö. Landesregierung hinaus – eine Resolution an die Bundesregierung im September verabschiedet werden, die gleich mehrere Punkte zur Bildungs- und Arbeitsmarktintegration vorsieht, etwa rasche und vereinfachte Anerkennungsverfahren von Abschlüssen, eine Öffnung des Arbeitsmarktes für Asylwerber/innen ab dem 6. Aufenthaltsmonat in Mangelberufen, die Legalisierung von Schnuppertagen und Praktika für Asylwerber/innen, aber etwa auch einen gleichberechtigten Zugang zu gestützten Öffi-Tickets um die Qualifizierung leistbar zu halten, etwa Lehrlings-Freifahrt.

 

Übersicht über schon bestehende Angebote in OÖ

 

Deutsch-Kurse ab Tag 1 in der oö. Grundversorgung

Bei den Angeboten für Deutsch und Alphabetisierung ist Oberösterreich schon sehr gut aufgestellt: Seit diesem Jahr können Kurse schon für Asylwerber/innen ab Tag 1 in der Grundversorgung – nicht wie früher erst ab positivem Asylbescheid – gefördert werden. Damit verstreicht diese wertvolle Zeit nicht nutzlos und Vorbereitungen auf den Einstieg ins Berufsleben setzen gleich zu Beginn ein.

Seit Frühling 2016 konnten so institutionelle Deutschkurse für 3.600 Teilnehmer/innen – neben dem sensationellen Engagement tausender ehrenamtlicher Helfer/innen – finanziert werden. Seit September gibt es ein neues Förderpaket in der Höhe von 4,5 Millionen Euro (finanziert gemeinsam mit dem BMI) mit dem Ziel des flächendeckenden Angebots an Deutschkursen in Asylquartieren in ganz OÖ. Erstmals werden dabei die Fahrtkosten mitfinanziert und auch die Prüfungsgebühren.

 

Schulbildung und Zukunftschance für alle Kinder

Auch ist es im September bzw. in einer zweiten Etappe Mitte November gelungen, allen schulpflichtigen Kindern und Jugendlichen bzw. jenen, die ein freiwilliges 10. Schuljahr aus Sprachgründen zur Vorbereitung auf Lehre oder weiterführende Schule absolvieren wollten, den Eintritt in die oö. Schulen zu ermöglichen.

LR Anschober: „Ein herzliches Dankeschön an die täglichen Bemühungen so vieler Pädagoginnen und Pädagogen, die großartige Arbeit mit verstärkt interkulturellen Klassen leisten und allen Kindern und Jugendlichen nach schwierigen Erfahrungen und Erlebnissen nun wieder Hoffnung und eine Zukunft geben.“

 

Qualifizierungsprogramme in OÖ

Um Asylberechtigte in OÖ auf die konkrete Situation am ö. Arbeitsmarkt vorzubereiten, individuelle Qualifikationen und Interessen herauszufiltern, (Aus-/Um-/Weiter-)Qualifizierung einzuleiten und schließlich den Job-Eintritt zu schaffen, gibt es mehrere Anlaufstellen und Unterstützungsprogramme in OÖ:

 

  • CheckIn@Work und IdA – Integration durch Arbeit:

    Bei den beiden Projekten CheckIn@work (Organisation migare) und IdA – Integration durch Arbeit (Organisation Volkshilfe) handelt es sich um eine qualitativ hochwertige, intensive, mehrsprachige und muttersprachliche Betreuung und Beratung für Asylberechtigte und subsidiär Schutzberechtigte mit uneingeschränktem Arbeitsmarkt-zugang. Projektziele sind eine verbesserte Arbeitsmarktinklusion der Zielgruppen durch Beratung, Begleitung und Vermittlung zu Schulungen, Kursen, Qualifizierungsaktivitäten sowie zu Beschäftigung.
  • Projekt HomeRun der Volkshilfe:

    Seit 2011 coacht HomeRun junge Menschen in ganz OÖ auf ihrem Weg zum Lehrabschluss. Dieses Projekt wird durch das Sozialministeriumservice Landesstelle OÖ gefördert. Die Betreuung, Begleitung und Unterstützung während der gesamten Lehrzeit übernehmen die Mitarbeiter/innen von HomeRun.

 

Wegweiser Integration und Arbeit: Enorme Nachfrage

Der Wegweiser ist ein gemeinsames Projekt des oö. Integrationsressorts und des AMS OÖ, online unter www.wegweiser-integration-arbeit.at/ und soll den Zugang von Flüchtlingen und Migrant/innen zu Arbeitsmarkt und Qualifizierung unterstützen. Erstmals in Österreich werden auf dieser Website explizite Anlaufstellen für Asylwerber/innen, Asylberechtigte und Migrant/innen für deren Weg in den Arbeitsmarkt gesammelt und via Landkarte regional angezeigt – in zehn Sprachen. Die Angebote: Deutschlernen & Orientierung, Beratung, Aus- und Weiterbildung sowie Anlaufstellen für rechtliche Informationen.

 

Asylwerber/innen als Lehrlinge

Eine frühzeitige Qualifizierung und Ausbildung für Jugendliche gibt es durch die Möglichkeit der Lehre in Mangelberufe für junge Asylwerber/innen. Oberösterreich ist dabei bei der Umsetzung bereits die klare Nummer 1 der Bundesländer: derzeit gibt es schon 149 Lehrlinge aus dem Bereich der jungen Asylwerber/innen.