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12 Februar 2018

Hürden bei Nostrifizierung

Trotz Ärztemangels wird vorhandenes Potenzial an Fachärzt/innen unter Flüchtlingen und Migrant/innen nicht genützt und die Berufsanerkennung für die Betroffenen zu jahrelangem Hürdenlauf – Beispiele aus OÖ und Forderungen

Österreich ist ein Land, das besonders Fachkräfte und Mitarbeiter/innen in Mangelberufen besonders dringend benötigt! Diese Problematik wird bereits anhand der Tausenden offenen Stellen in Mangelberufen deutlich aufgezeigt. Aktuelle Studien zeigen: 2020 werden Oberösterreich 29.000 Facharbeiter fehlen. Ein immer dramatischeres Problem für den Wirtschaftsstandort Oberösterreich. Bereits heute können 3.286 Offene Stellen und 3.219 Lehrstellen in Mangelberufen nicht besetzt werden. Dass in Österreich bereits ein großes Potential vorhanden ist, welches diesen Mangel abfangen und durch entsprechendes „know how“ wirtschaftlich bzw. gesellschaftlich entgegnen könnte, ist zwar bekannt, dem wird aber weiter durch massive Restriktionen im Berufsanerkennungsverfahren begegnet. Derzeit wird vielfach politisch verhindert, dass die gesuchten Mitarbeiter/innen auch in den Beruf und den Betrieb einsteigen können. Das Integrationsressort hat das Ziel, das blockierte Potential an Fachkräften und Gutqualifizierten zu heben und politische Behinderungen abzubauen. Wie dramatisch die Behinderungen und wie groß das Potential ist, zeigen einige Beispiele von Ärzten in Oberösterreich, einem Land des Fachärztemangels. Dem könnte aber zu einem gewissen Teil sogleich Abhilfe geschaffen werden indem die Ärzte, welche unter anderem im Zuge der Migrations- und Fluchtbewegung nun in Österreich leben, unter gewissen Voraussetzungen eine Arbeitserlaubnis erteilt wird und das Anerkennungsverfahren entsprechend rasch durchgeführt wird. Alleine bei Migrare Oö sind 34 Ärzt/innen und 17 Zahnärzt/innen in Beratung und stünden dem Arbeitsmarkt zur Verfügung.

LR Anschober: „Lange Verfahren führen neben der persönlichen Frustration, mitunter zu De-Qualifikationen und vermehrt zu einer Abwanderung in Nachbarstaaten, in denen die Nostrifikationsverfahren um ein vielfaches lockerer gestaltet sind. Dieses Phänomen ist in Österreich bekannt. Doch anstatt hinzusehen und die Attraktivität des österreichischen Arbeitsmarkts auch im Hinblick auf den drohenden Mangel in diversen Berufsspaten zu stärken, wird ein dringend notwendiger Barriereabbau im Bereich der Nostrifizierung in keiner Weise forciert.“

Da es eine Vielzahl an Erfordernissen und Möglichkeiten bei der Anerkennung von Qualifikationen gibt, wurden in Österreich 2013 die „Anlaufstellen für Personen mit im Ausland erworbenen Qualifikationen“ (AST) zur Unterstützung eingerichtet. Seit ihrer Gründung bis heute, haben Berater/innen der Anlaufstellen mehr als 35.000 Personen beraten. In Oberösterreich hat migrare – Zentrum für Migrant/innen OÖ diese Beratungen inne, rund 6.500 Personen wurden allein in OÖ beraten. Denn die Situation für die Betroffenen ist oftmals nicht einfach, wie drei Beispiele heute zeigen.

 

Erfordernisse und Möglichkeiten bei der Anerkennung von Qualifikationen

Grundsätzlich ist eine formale Anerkennung nur für die Ausübung von reglementierten Berufen (z.B. Gesundheitsberufe) notwendig. In diesen Fällen werden der Zugang und die Ausübung des Berufes durch gesetzliche Vorschriften geregelt.

 

Anlaufstellen für Personen mit im Ausland erworbenen Qualifikationen (AST)

Qualifikationsadäquate Beschäftigung ist ein wesentlicher Schlüssel für die persönliche und berufliche Integration.

Da es in Österreich keine einheitliche Regelung zur Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen gibt, wurde Anfang 2012 unter Federfühlung des Bundesministeriums (BMASK) für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz die Arbeitsgruppe „Anerkennung von ausländischen Qualifikationen“ mit ca. 100 nationalen und internationalen Expert/innen gebildet. Als Ergebnis wurden Anlaufstellen und weitere Maßnahmen zur Anerkennung und Bewertung von im Ausland erworbenen Qualifikationen etabliert.

Anfang 2013 starteten österreichweit die Anlaufstellen für Personen mit im Ausland erworbenen Qualifikationen (AST).. migrare – Zentrum für MigrantInnen OÖ führt die Anerkennungsberatung für OÖ und Salzburg durch. http://www.anlaufstelle-anerkennung.at/anlaufstellen

 

AST OÖ Jahresbericht 2017

Im Jahr 2017 wurden in der AST OÖ insgesamt 1.342 Personen in 2.991 Kontakten beraten. Von diesen Personen waren 57% weiblichen Geschlechts.

Von den 1.342 beratenen Personen sind 39% Bürger und Bürgerinnen aus einem EU/EWR Staat waren. Die größten Bevölkerungsgruppen innerhalb der EU/EWR-Staaten stellen Personen aus Rumänien (23%), Kroatien (15%) und Ungarn (13%) dar. Die restlichen Personen sind Drittstaatangehörige (61%). In dieser Kategorie zeigte sich bzgl. der Staatsangehörigkeit, dass hier die drei größten Bevölkerungsgruppen Personen aus Syrien (26%), Bosnien und Herzegowina (16%) und aus dem Iran (9%). Insgesamt sind etwa 50% der Drittstaatangehörigen Asylberechtigte, Asylwerber/innen und Personen mit subsidiärem Schutz.

Bei der Analyse des Sozialstatus der 1.342 Personen ist zu erkennen, dass 34% davon eine Arbeitslosenversicherungsleistung beziehen, beim AMS ohne AlV-Leistung gemeldet sind oder eine Leistung aus der Bedarfsorientierten Mindestsicherung beziehen. Etwas weniger, nämlich 30%, sind unselbstständig beschäftigt. Die restlichen Personen sind z.B. Schüler, in einer Ausbildung, selbstständig beschäftigt.

Die von der AST OÖ beratenen Personen brachten in 44% der Fälle eine akademische Ausbildung (Universität mit Abschluss) als höchste abgeschlossene Ausbildung aus dem Ausland mit. 38% konnten eine höhere Ausbildung vorweisen (AHS, BHS, Kolleg, oÄ.). Die kleinste Personengruppe, nämlich 11%, brachte eine mittlere Ausbildung mit (Lehre, BMS).

 

Aktuelle Situation von Personen mit Fluchtgeschichte

Die Anzahl an Beratungen für Menschen mit Fluchtgeschichte und arabischer Muttersprache hat zugenommen. Geflüchtete Menschen kommen vielfach mit guten Qualifikationen nach OÖ. Die Anerkennung von mitgenommenen Qualifikationen setzen jedoch oft ein langwieriges Verfahren – unter anderem oder in Klammer oder für reglementierte Berufe „Nostrifizierung“ – in Gang.

 

Aktuelle Situation bei Ärzt/innen

Laut Thomas Fiedler, Kurienobmann der niedergelassenen Ärzt/innen, sind von den oberösterreichischen Allgemeinmediziner/innen 66 Prozent über 50 Jahre alt. Bei den Fachärzt/innen sind es 60 Prozent. Obwohl der Ärzt/innenmangel immer akuter wird, gibt es in OÖ - im Gegensatz zu Wien und NÖ - kaum Maßnahmen um die notwendige Nostrifizierung rasch abzuschließen und diese vor allem finanziell zu überstehen.

Nach ersten Schätzungen könnten aktuell in OÖ über 50 Ärzt/innen mit Fluchtgeschichte gut gebraucht werden. Trotz großen Engagements der Ärztekammer dauern die Nostrifizierungsverfahren sehr lange an, häufig 2-3 Jahre. In diesen und anderen Nostrifizierungsverfahren braucht es einen langen Atem und finanzielles Durchhaltevermögen. Der Kahlschlag bei der Mindestsicherung wird in etlichen Fällen zum Abbruch und damit zum Verschleudern der Potenziale und Qualifikationen führen.

 

Beispiele von Flüchtlingen in OÖ mit Nostrifizierung

Dr. Ali Akil: ist 1969 in Damaskus/Syrien geboren, verheiratet und hat drei Kinder. Das Studium der Allgemeinmedizin legte er an der Staatlichen Medizinischen Universität „Maksiem Gorky“, Donezk/Ukraine ab. Danach war er lange als Facharzt tätig. In Österreich Teilnahme an diversen ärztlichen Fortbildungen. Derzeit arbeitet er unentgeltlich als Facharzt im Ordensklinikum Linz.

 

Prim. Univ-Prof. Dr. Martin Burian über Herrn Dr. Akil:

„Nach der Flucht der Familie von Hr. Dr. Akil aus Syrien und dann später aus der Ostukraine ist die Familie 2016 nach Österreich gekommen. Nach einer kurzen Zeit in Traiskirchen (sechs Wochen) wurde die Familie in Linz untergebracht. Im Dezember 2015 stellte sich Herr Dr. Akil an unsere Abteilung erstmals vor. Er ist ausgebildeter Hals- Nasen und Ohrenarzt sodass es logisch erschien an einer HNO-Abteilung um Mitarbeit an zu suchen. Wir konnten dann über die Ärztekammer Oberösterreich die Möglichkeit für eine unentgeltliche Mitarbeit erwirken. Im März 2016 fing Herr Dr. Akil an unsere Abteilung zu arbeiten an. In dieser Zeit konnten sich eine meine Mitarbeiter überzeugen, dass Herr Dr. Akil eine gute Facharztausbildung besitzt.

Im Frühling 2017 begann Herr Dr. Akil mit seiner Nostrifikation an der medizinischen Universität Wien. Es fehlt ihm noch eine Prüfung zum Abschluss der Nostrifikation.

Es muss darauf hingewiesen werden, dass die Arbeitsgenehmigung für Ärzte im Nachbarland Deutschland deutlich einfacher ist als in Österreich. Nimmt man nun die Tatsache her, dass derzeit in Österreich fünf Facharztstellen für HNO ausgeschrieben sind und nicht besetzt sind, so wäre eine Vereinfachung der Arbeitsgenehmigungen für ausgebildete Fachärzte in Österreich wünschenswert.“

Dr.in Balivada Srilakshimi hat in Indien ihre Schulausbildung abgeschlossen und anschließend 6 Jahre Humanmedizin in Weißrussland studiert. Als sie in ihr Heimatland zurückkehrte, musste sie zuerst ihre Ausbildung anerkennen lassen um als Ärztin in einem Krankenhaus arbeiten zu können. Da ihr Mann beruflich in Österreich als Techniker tätig wurde, übersiedelte sie 2013 nach Österreich. Sie lernte zunächst die Deutsche Sprache, absolvierte ein Praktikum als „Gastärztin“ in einem Linzer Ordensspital und stellte schließlich im Herbst 2015 den Antrag auf Nostrifizierung an der Universität Wien. Anfang 2016 legte sie den Stichprobentest ab. Sie musste insgesamt 7 Prüfungen in den verschiedenen med. Teilgebieten ablegen und schaffte dies innerhalb eines Jahres. Die Sprachprüfung bei der OÖ Ärztekammer legte sie im Jänner 2017 ab. Frau Dr.in Balivada schaffte die Nostrifizierung an der Universität Wien trotz Wohnsitz in Oberösterreich und ist während der Nostrifizierung auch noch Mutter eines Sohnes geworden ist. Mit 1. März 2018 wird Frau Dr.in Balivada in Vöcklabruck eine Stelle als Turnusärztin antreten.

Dr. Agaev Tamerlan ist ein in Braunau lebender Arzt der seit 14. Dezember 2011 nach der Flucht aus Russland in Österreich, eine neue Heimat gefunden hat. Er hat seinen Asylwerbestatus erfolgreich ändern können und hat im Jänner 2018 einen Aufenthaltstitel erlangt.

In Russland absolvierte er im Jahr 1993 das Medizinstudium an der Sankt Petersburger Medizin-Akademie und arbeitete von 1993 bis 2011 als Arzt.

Ab 2011 konnte er dieser Tätigkeit in Österreich nicht mehr nachgehen, da er in sein Medizinstudium nostrifizieren lassen musste. In den Jahren 2013 und 2016/17 war er als Volontär am Krankenhaus Braunau am Inn, tätig. Im Dezember 2016 stellte er den Antrag auf Nostrifizierung an der Uni Wien. Am 21. Februar 2017 absolvierte er den Stichprobentest. Nun ist er mit der Absolvierung der Ergänzungsprüfungen beschäftigt.

 

Aktuelle Hürden und Forderungen – vor allem auch im Hinblick auf ÄrztInnen:

  • Vor dem Antrag sehr eingeschränkte Unterstützung seitens Universitäten, keine Informationen, keine Lernunterlagen etc.
  • Keine Angebote für fachspezifische Deutschkurse: V.a. qualifizierte Personen benötigen ganz gezielten Spracherwerb, um in ihren jeweiligen Beruf einsteigen zu können. Seit 2016 Angebot von Fachspezifischen Deutschkursen. Der DK Fachsprache Medizin wurde am 7.7.2017 abgeschlossen, ein weiterer Kurs auf Niveau C1 ist geplant. Weiterer Ausbau von Kursen, Qualitätssicherung der Kurse in Verbindung mit Praktika bzw. Fachbesuchen/Hospitation, usw. sollen ermöglicht werden.
  • Kosten: die Kosten für Bewertungen betragen bei NARIC (Zuständig für die Anerkennung von Hochschulabschlüssen) € 150,-- bzw. € 200,--. Die Bezahlung ist ausschließlich mit Kreditkarte möglich. Nicht allen Betroffenen stehen einerseits die finanziellen Mittel, andererseits das Medium Kreditkarte zur Verfügung. Es handelt sich daher um eine große Hürde in der Anerkennung von Hochschulabschlüssen. Derzeit besteht die Möglichkeit der Refundierung durch den ÖIF, jedoch sind bestimmte Gruppen ausgeschlossen (zB. EWR-Bürger/innen). Hilfreich wäre die Schaffung von weiteren Förderungsmöglichkeiten, vor allem eine Vorfinanzierung. Übersetzungskosten für alle Unterlagen (können ca. über € 600,-- sein, oder in manchen Fällen auch mehr – wenn Übersetzung der Diplomarbeit notwendig). Deutschkurse – für B2 Niveau wegen Stichprobentest – bis zu € 1.600,--. Studiengebühren während Nostrifizierung (€ 383,--); Fahrtkosten (SIP; Ergänzungsprüfungen, ...) va. Wien, Innsbruck, Graz.
  • Beglaubigungssituation: immer öfter werden beglaubigte Unterlagen angefordert. Insbesondere für geflüchtete Menschen ist die Einholung häufig nicht zumutbar, da sie aus Kriegsgebieten stammen, bzw. lange und komplizierte Wege/Reisen hierfür auf sich nehmen müssten.
  • Mindestsicherung: die Nostrifizierungsbemühungen werden als mindestsicherungsschädlich eingestuft und im Rahmen der Bemühungspflicht nicht anerkannt. Arbeitsmarktpolitisch ist das besonders bei reglementierten Berufen (Ärzt/innen usw.) problematisch. Ohne finanzielle Absicherung entscheiden sich daher viele Betroffene gegen eine Nostrifizierung ihrer Qualifikation und verbleiben somit entweder arbeitslos oder unter ihrer tatsächlichen Qualifikation beschäftigt.
  • Zugang zu Arbeit: Matching zwischen qualifizierten Migrant/innen und Arbeitgeber/innen ist ausbaufähig. Unternehmen wissen häufig nicht mit ausländisch erworbenen Qualifikationen umzugehen. Hilfestellungen könnten von Vorteil sein.
  • Praxiserwerb: Praktikumsmöglichkeiten sind nicht ausreichend vorhanden. Ohne österreichischen Praxisbezug wird häufig ein Einstieg in qualifikationsadäquate Beschäftigung erschwert. Eine vorläufige Berufszulassung unter Aufsicht (so wie in Deutschland) würde gute Abhilfe schaffen.

 

Vorschau Veranstaltungen organisiert von Migrare für ÄrztInnen zum Thema Nostrifizierung von ausländischen Ausbildungen:

  • Treffen organisiert für Ärztinnen aus der Humanmedizin für Freitag, 2. März 2018 von 13 – 16 Uhr in den Räumlichkeiten von migrare-AST, 4020 Linz, Humboldtstraße 49, 1. Stock
  • Treffen organisiert für Ärztinnen aus der Zahnmedizin für Freitag, 9.März 2018 von 13 – 16 Uhr in den Räumlichkeiten von migrare-AST, 4020 Linz, Humboldtstraße 49, 1. Stock.