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&copy Land OÖ: Prof. Dr. Friedrich Schneider, Dr.in Elisabeth Dreer und LR Rudi Anschober stellen die neue Studie zum volkswirtschaftlichen Gewinn durch Arbeit von Asylwerbenden in Lehre vor

© Land OÖ: Prof. Dr. Friedrich Schneider, Dr.in Elisabeth Dreer und LR Rudi Anschober stellen die neue Studie zum volkswirtschaftlichen Gewinn durch Arbeit von Asylwerbenden in Lehre vor

7 Mai 2018

Initiative „Ausbildung statt Abschiebung“

Neue Studie der JKU berechnet erstmals volkswirtschaftlichen Gewinn durch die Arbeit von Asylwerbenden in Lehre und den Schaden im Fall von Abschiebungen

Ein Brüder-Paar im Alter von 15 und 19 Jahren, top-integriert durch Lehrplatz und Lehrplatzzusage in Ried wurde am Wochenende abgeholt und zur Abschiebung nach Afghanistan in Schubhaft genommen – trotz eines laufenden Beschwerdeverfahrens beim Bundesverwaltungsgerichtshof. Ein weiterer Tiefpunkt in der Abschiebepraxis von top-integrierten Menschen, die von der Republik Österreich trotz der täglichen Anschläge, der extrem gefährlichen Lage in Afghanistan, dorthin abgeschoben werden. Integrationslandesrat Anschober appelliert eindringlich an Bundeskanzler und Innenminister, dieses dramatische Unrecht zu stoppen!

Trotz der steigenden Zahl an Negativbescheiden – rund ein Drittel der Lehrlinge ist betroffen – wächst monatlich die Zahl der jungen Asylwerbenden in Lehre in Mangelberufen, wo Betriebe händeringend nach zukünftigen Fachkräften suchen. Das zeigt den enormen Bedarf der Betriebe nach Fachkräften der Zukunft! Jede Abschiebung ist aus menschlicher und wirtschaftlicher Sicht für die Unternehmen eine Katastrophe.

Doch was bedeuten die Investitionen in Lehrlinge bzw. die möglichen Abschiebungen aus volkswirtschaftlicher Sicht? Eine Studie der JKU Linz von Prof. Dr. Schneider und Dr.in Dreer stellt erstmals den volkswirtschaftlichen Gewinn durch Lehrlinge bzw. den Schaden durch Abschiebungen dar. Ergebnis: Die betriebswirtschaftlichen und die volkswirtschaftlichen Kosten summieren sich auf 77.500 Euro pro Asylwerbenden/r, der/die seine/ihre Ausbildung zur Fachkraft nicht abschließen kann!

LR Anschober: „Diese Studie beweist nun auch aus volkswirtschaftlicher Sicht die Unsinnigkeit von Abschiebungen unserer Lehrlinge. Ich werde die Studie an die Bundesregierung weitergeben mit dem dringenden Appell, endlich für eine gute Lösung für unsere Lehrlinge und Betriebe zu sorgen, wie in Deutschland schon eingeführt. Der Widerstand durch meine Initiative „Ausbildung statt Abschiebung“ geht weiter!“

www.ausbildung-statt-abschiebung.at

Österreichweit sind über 800 Beschäftigungsbewilligungen für Asylwerbende in Lehre erteilt (Quelle: AMS). Auf Oberösterreich entfallen mit Ende April 2018 mit 349 damit knapp die Hälfte aller Lehrstellen.

Von den aktuell 349 Asylwerbenden in Lehrlingsmangelstellen in OÖ sind 15 Mädchen, stammen 256 aus Afghanistan, die stärkste Altersgruppe ist die der 18- und 19-Jährigen.

In allen Bezirken Oberösterreichs arbeiten mittlerweile Asylwerbende in Lehrstellen, 65 in Linz (inkl. Urfahr-Umgebung), 34 in Perg, 32 in Gmunden, 29 in Rohrbach und 25 in Vöcklabruck.

Asylwerbende konnten mittlerweile in vielen der Mangel-Bereiche Fuß fassen, wo sich nicht mehr genügend Bewerber/innen aus Österreich bzw. aus der EU finden, am stärksten im Bereich der Gastronomie (38%). In den einzelnen Lehrstellen selbst führt mit Abstand der Lehrberuf des Kochs/der Köchin (78 Asylwerbende), Bäcker/in (15), Tischler/in (19), Friseure (13), Einzelhandelskauffrauen/männer (16), Gastronomiefachmann/frau (20),  Elektrotechniker/in (28) und Metalltechniker/innen mit diversen Schwerpunkten (28) etc.

 

Initiative „Ausbildung statt Abschiebung“: Drei Schwerpunkte
www.ausbildung-statt-abschiebung.at

Die Petition „Ausbildung statt Abschiebung“ wurde mittlerweile von über 49.000 Bürger/innen unterzeichnet – und läuft final noch bis 15. Mai mit dem Ziel 50.000 Unterstützer/innen für einen Abschiebestopp bei Lehrlingen zu bündeln.

Auf der gemeinsamen Wirtschafts-Plattform fordern schon 300 Betriebe öffentlich schnellere Asylverfahren und eine Umsetzung der deutschen "3+2" Regelung zur Sicherheit für unsere Lehrlinge. Sie sagen: Die österreichische Wirtschaft kann sich Abschiebungen künftiger Fachkräfte schlichtweg nicht leisten – bei einem hochgerechneten Fachkräftemangel von 29.000 Personen bis 2020 allein in OÖ.

Schon viele Bürgermeister/innen und Gemeinden haben sich für den Verbleib von Asylwerbenden, speziell von Lehrlingen öffentlich eingesetzt. Nun fordern schon 30 Gemeinden im Zuge von Resolutionen ganz generell eine menschliche und wirtschaftliche Lösung für Asylwerbende in Lehre, darunter die Landeshauptstadt Linz, die Statutarstadt Steyr, Bezirkshauptstädte wie Kirchdorf, Ried im Innkreis, Schwanenstadt, Vöcklabruck oder Braunau und viele weitere Gemeinden, aber auch das Land Salzburg oder die Volksanwaltschaft Vorarlberg. Allein in Oberösterreich unterstützen Gemeinden mit rund 350.000 Bürger/innen diese Initiative.

 

JKU Linz/ Prof. Dr. Schneider, Dr.in Dreer: Ein Bleiberecht für Asylwerbende in Mangelberufen: Berechnung des volkswirtschaftlichen Nutzens für OÖ

In Oberösterreich haben derzeit (Stand 12. 01. 2018) 311 Asylwerbende eine Beschäftigungsbewilligung für eine Lehrausbildung. 38 negative Asylbescheide wurden bereits ausgestellt. Obwohl Fachkräfte dringend gesucht werden, können diese Lehrlinge entweder ihre Lehrausbildung nicht antreten oder müssen sie abbrechen. Dies verursacht betriebswirtschaftliche und auch volkswirtschaftliche Kosten.

Die betriebswirtschaftlichen Kosten betreffen die verlorenen Ausbildungskosten der Lehrbetriebe (Ausbildner/innen, Administration, Anlagekosten, Materialkosten und die Lehrlingsentschädigung, etc.). Abzüglich der bewertbaren produktiven Leistungen der Lehrlinge bleibt ein negativer Nettoeffekt von 2.609 Euro im 1. Lehrjahr. Würden alle 311 Asylwerbenden ausfallen, entstünde allein dadurch ein Schaden von rd. 811.000 Euro für oberösterreichische Betriebe (vgl. Tabelle 4.1).

Zudem kommen „erwartbare“ volkswirtschaftliche Kosten. Jeder Beschäftigte hat einen Anteil an der Bruttowertschöpfung des Betriebs. Würden 311 Asylwerber/innen nach der Ausbildung in den jeweiligen Branchen arbeiten, würde auf sie eine Bruttowertschöpfung zu Faktorkosten in Höhe von rd. 14 Mio. Euro entfallen. Die damit verbunden Einstiegsgehälter würden Steuerzahlungen von rd. 623.000 Euro und Sozialabgaben von 3,3 Mio. Euro bringen. Die Nettoeinkommen werden zum überwiegenden Teil für Konsum ausgegeben. Diese bringen einen direkten Nachfrageeffekt von 5,3 Mio. Euro. Diese wiederum induzieren Produktionseffekte in Höhe von rd. 7 Mio. Euro in Österreich.

Die betriebswirtschaftlichen und die volkswirtschaftlichen Kosten summieren sich auf 77.500 Euro pro Asylwerbenden/r, der/die seine/ihre Ausbildung zur Fachkraft nicht abschließen kann (Annahme: Die direkten UND die zu erwartenden zukünftigen Effekte werden ohne Abdiskontierung zusammengezählt). Für alle 311 Asylwerbenden in Oberösterreich mit Beschäftigungsbewilligung für eine Lehrausbildung fallen direkte und erwartete, zukünftige „Gesamtkosten“ von 24 Mio. Euro an. Rechnet man noch die induzierten Produktionseffekte dazu, beträgt der „Schaden“ rd. 100.000 Euro pro Lehrling und 31 Mio. Euro für alle 311 Asylwerbenden mit Beschäftigungsbewilligung für eine Lehrausbildung.

Diese doch beträchtlichen negativen Effekte für (Ober-) Österreich sollten zu einem Umdenken anregen. Die Einführung einer 3plus2-Regelung wie in Deutschland wäre dazu ein aus volkswirtschaftlicher Sicht sinnvoller Weg.

 

Tabelle 4.1: Zusammenfassung der Kosten, die durch den Abbruch von Lehrausbildungen in OÖ entstehen bzw. entstehen können

Anmerkung: * Die Kosten pro Kopf und Jahr basieren auf der Zuordnung der Asylwerbenden nach Beruf. Die Durchschnittswerte verändern sich je nach Zusammensetzung der Berufsgruppen.

Annahme für die Gesamteffekte: die direkten UND die zu erwartenden zukünftigen Effekte werden ohne Abdiskontierung zusammengezählt.

Die Aktualisierung auf den Stand Mai 2018 für 349 in Ausbildung befindliche Lehrlinge ist eine Hochrechnung der Ergebnisse für 311 Lehrlinge. Quelle: Eigene Berechnungen.