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&copy Land OÖ, v.l.: Samir (Asylwerber in Lehre am Hotel Bergergut), Petra Wagner (Bezugsperson von Samir), Eva-Maria Pürmayer (Geschäftsführerin Hotel Bergergut) und Integrations-Landesrat Rudi Anschober

© Land OÖ, v.l.: Samir (Asylwerber in Lehre am Hotel Bergergut), Petra Wagner (Bezugsperson von Samir), Eva-Maria Pürmayer (Geschäftsführerin Hotel Bergergut) und Integrations-Landesrat Rudi Anschober

28 September 2017

Initiative für eine stärkere Beachtung der geleisteten Integration

Beispiele: Arbeitsmarktintegration als Chance auch für die oö. Wirtschaft & unmenschliche Härte bei Langzeitintegration in Gemeinden – Betroffene berichten

Ein breit aufgestelltes Netzwerk Integration in OÖ arbeitet tagtäglich für ein gutes Miteinander, eine rasche Inklusion und für neue Chancen für neue Mitbewohner/innen ebenso wie für unsere bestehende Gesellschaft.

Dazu hat sich OÖ für den Weg der dezentralen Integration ab Tag 1 in der Grundversorgung entschieden, das geht vom Wohnen in kleinen Quartieren in ganz OÖ, über flächendeckende Deutschkurse, Einbringung in bestehende Schulklassen bis hin zu spezifischen Beratungsangeboten und Orientierungskursen für den Arbeitsmarkt u.v.a.m.

Immer dramatischer zeigt sich aber in den vergangenen Wochen auch die Tatsache, dass in den Asyl-Bescheiden die geleistete Integration völlig unzureichend gewertet wird. 

Beispiel sind die Fälle jener Familien, die aufgrund viel zu langer Verfahren oft fünf oder sogar mehr Jahre in den Gemeinden leben und dann trotz hervorragender Integration abgeschoben werden. So zuletzt in Pfarrkirchen und in Walding und etlichen anderen Gemeinden geschehen.

Das zeigt sich aber auch bei manchen Asylwerbenden, die hervorragend Deutsch gelernt haben, eine Lehrstelle erreicht und sich in dieser sowie in der Berufsschule hervorragend bewährt haben. Auch hier liegen akuell einige Negativbescheide vor.

LR Anschober: „Ich fordere, dass Integrationsleistungen von Asylwerbenden viel stärker bewertet werden. Es kann nicht sein, dass Familien, deren Kinder in dieser neuen Heimat aufgewachsen sind, die die Sprache der früheren Heimat ihrer Eltern gar nicht kennen und dort niemanden kennen, trotz hervorragender Integration aus ihrer neuen Heimat gerissen und abgeschoben werden. Es kann nicht sein, dass die Integrationsarbeit von Lehrlingen und die Unterstützung ihrer Chefs nicht belohnt wird. Das demotiviert und entmutigt alle, auch die engagierten Unternehmer/innen in Oberösterreich, die bereit wären, Lehrstellen anzubieten. Es ist auch volkswirtschaftlich völlig kontraproduktiv, die Betroffenen aus ihrer Ausbildung zu reißen. Das schadet allen: den Betroffenen, den Unternehmen und unserer Wirtschaft und Gesellschaft. Es braucht daher ein Umdenken: Asylbescheide, in denen die Integrationsleistung eine wesentliche Rolle einnimmt. Wer sich gut integriert und umfassender Teil unserer Gesellschaft wird, soll belohnt werden. Das würde die Betroffenen, ihre Unterstützer/innen und Helfer/innen und die Unternehmer/innen motivieren und zu verstärkten Bemühungen anspornen. Ich werde bei der nächsten Flüchtlingsreferent/innenkonferenz in vier Wochen eine entsprechende Initiative starten und hoffe auf die Unterstützung der anderen Bundesländer."

 

Beispiele: Nicht-Beachtung der Integrationsleistung ein schwerer Dämpfer

a) OÖ als Top-Region bei der Integration von Lehrlingen mit Asylstatus – Negativbescheid als Rückschlag für Wirtschaft und Mensch

LR Rudi Anschober: „Lehrstellen und Ausbildungsplätze sind die beste Chance, um jungen Asylwerbenden eine neue Perspektive zu geben.“

Die Lehre in Mangelberufen für junge Asylwerbende ist einer jener 7 Ausnahmebereiche am Arbeitsmarkt, die schon während des Asylverfahrens offen stehen, wie auch gemeinnützige Arbeit, Dienstleistungsscheck, Selbstständigkeit, Praktika, Hilfstätigkeiten im Quartier oder Saisonarbeit. Unter den Lehrberufen sind die Nummer 1 klar Koch und Köchin bzw. Gastronomiefachfrau bzw. -fachmann mit gemeinsam über 80 Plätzen und schließlich viele Lehrberufe aus dem Bereich der Facharbeiter/innen.

Für Unternehmen bietet die Möglichkeit der Lehre in Mangelberufen für Asylwerbende Risiko und Chance zugleich: Natürlich ist es eine Hürde, einen jungen Asylwerbenden einzustellen, dessen Deutsch-Kenntnisse noch mittelmäßig sind, bei dem noch nicht klar ist, ob er in unserem Land bleiben kann – aber die Chance ist, die Lehrstelle endlich besetzen zu können mit voll motivierten jungen Menschen, da sich am heimischen Markt aktuell keine Interessent/innen finden – und Solidarität zu leben.

Das Beispiel des deutschen Unternehmens Vaude zeigt die Zwickmühle bei derzeitiger Rechtslage auf: Angesichts des Wunsches einen Beitrag zu leisten und der Notwendigkeit, Mitarbeiter/innen in Mangelstellen neu zu besetzen, wurden 9 Asylwerbende eingestellt – und tatkräftig bei Deutsch, Integration und Job unterstützt. Fünf Personen haben nun einen negativen Bescheid bekommen, die Abschiebung steht teils kurz bevor. Das ist für das Unternehmen auch aus wirtschaftlicher Sicht äußerst schwierig: Produktionsrückgänge werden befürchtet, damit Umsatzrückgänge, zusätzlich neue Kosten für Einstellung und Einschulung sowie vergebene Chancen mit den schon eingelebten Mitarbeiter/innen. Das Unternehmen beziffert den Verlust hochgerechnet auf 250.000 Euro- „Geld, das zusätzlich zu öffentlichen Geldern einfach verpufft“ – obwohl die Integration schon so vielversprechend angelaufen ist.

 

Beispiel: Samir ist Lehrling im Culinariat by Hotel Bergergut

Aus der unternehmerischen Sich von Frau Geschäftsführerin Eva-Maria Pürmayr, Geschäftsführerin des Hotels Bergergut, ist eines dringend notwendig: „Der aktuelle Zuzug durch die „Flüchtlings-Welle“ darf nicht nur als Problem gesehen werden, sondern auch dessen Chancen müssen erkannt werden. Gut funktionierende Integrations-Beispiele sind hervorzuheben & von allen Seiten zu unterstützen.

Gerade die Integration durch Arbeit macht sowohl für Arbeitnehmer, als auch für den Arbeitgeber und für den gesamten Staat, sowie die Gesellschaft sehr viel Sinn. In und mit unserer Branche Tourismus, Gastronomie & Hotellerie, die bekanntlich große Schwierigkeiten hat engagierte, gute Lehrlinge zu gewinnen, sehe ich das als große Chance.

Wie auch das Beispiel mit unserem Lehrling im 1. Lehrjahr Samir bestens belegt. Im Vorjahr wurden wir von Samirs Betreuer-Team angesprochen, ob ein Lehrling der um Asyl ansucht und in seiner Heimat bereits in der Küche gearbeitet hat für unser Unternehmen ein Thema wäre. Wir haben bejaht und um ein persönliches Vorstellungsgespräch & Probetag (wie bei jedem anderen Bewerber auch) gebeten. An diesem Tag hat Samir in unseren 2-Haubenküche durch seine handwerkliche und engagierte Leistung überzeugt.

Samir hat sich innerhalb kürzester Zeit zu einem unserer besten Lehrlinge in der Küche entwickelt. Er ist geschickt, talentiert und herausragend engagiert. Auch seine angenehme, ruhige & vor allem dankbare Art sind sehr hervorzuheben. Wir haben die ersten Monate, so wie bei Lehrlingen üblich, viel Zeit und auch Kosten in seine Ausbildung investiert. Auch die Berufsschule hat er in den ersten Monaten bereits absolviert und sich durch die deutsche Unterrichtssprache „gekämpft“. Mehrmals wurde uns auch dort das Engagement seitens der Lehrer bestätigt.

Einen so wertvollen Mitarbeiter in der Lehre, ein bestes Beispiel von Integration, nach so kurzer Zeit und vor allem durch mangelnde, fehlerhafte und fadenscheinige Begründungen seitens des Staates Österreich, der ein paar Monate davor noch eingewilligt und das Arbeitsverhältnis gestattet hat, innerhalb von 14 Tagen zu verlieren, ist nicht nur menschlich sehr fragwürdig, sondern stellt auch für das Unternehmen große und unnötige Herausforderungen dar.“

Samir ist allein nach Österreich gekommen, seit Juli 2015 in Altenberg. Ursprünglich wollte er weiter nach Deutschland, wurde aber von der Polizei aufgrund des abgegebenen Fingerabdrucks nach Österreich zurückgeschickt – sämtliche Dokumente, Handy und Geld wurden dabei von Polizei und BFA abgenommen. Zu Beginn war die Situation schwierig, Samir war verstört und konnte kein Vertrauen zu seinen Bezugspersonen, Familie Wagner, fassen.

Die Suche nach einer Lehrstelle gestaltete sich sehr schwierig, vom AMS wurde eine Lehrstellenmangelliste angefordert, die Berufsausbildungs-assistenz vom Hilfswerk eingeschaltet. Im Sommer 2016 dann dank zweier Schnuppertage im Culinariat in Hellmonsödt die positive Wende: Samir hatte riesige Freude beim Kochen und auch sein Chef Thomas war von ihm begeistert. Die Lehre hat gestartet!

Aufgrund der veränderten Situation (Lehre ist gleich Verdienst) fiel Samir aus der Grundversorgung und hätte daher für sein Bett im Haselgraben ca. 400 €/ Monat zahlen müssen. So hat sich Familie Wagner entschlossen, dass er bei ihr wohnen kann.

Die nächste Hürde war das Jugend-Ticket. Ohne Familienbeihilfe kein Jugendticket. Die einfache Busfahrt von Afiesl nach Linz kostet 19,20 €.

Die Berufsschule ist eine große Herausforderung: 5 von 10 Fächern waren schon positiv und darauf sind Samir und Familie Wagner stolz. Auch beim Deutsch lernen geht es gut voran: die A1 Prüfung ist schon absolviert, demnächst folgt die A2-Prüfung.

Weitere Meilensteine sind Kurs und Prüfung für B1 sowie der Hauptschulabschluss – beides neben dem Beruf aber eine zusätzliche Herausforderung.

Aktuell hat Samir einen erstinstanzlichen ablehnenden Asylbescheid bekommen – die Beschwerde dagegen wurde eingebracht.

 

b) Freiwillige als Zugpferd für gelingende Integration in Gemeinden – Enttäuschung, Unverständnis und Demotivation bei Abschiebungen

Integration wird in Oberösterreich dezentral, ab Tag 1 in der Grundversorgung umgesetzt – das ist nicht nur ein menschlicher Zugang, sondern aufgrund der oft jahrelang dauernden Asylverfahren auch dringend nötig.

Das Land OÖ unterstützt Asylwerbende so etwa mit einem flächendeckenden Angebot an geförderten Alphabetisierungs- und Deutschkursen, stellt die Umsetzung der Schulpflicht sowie den Zugang zu Kindergärten und Horten sicher, fördert ein buntes Miteinander durch Veranstaltungen im Zuge des „Jahres der Vielfalt“, kämpft für einen breiteren Zugang zum Arbeitsmarkt u.v.a.m

Wesentlich dabei sind auch die rund 10.000 Helfer/innen in ganz OÖ, die Integration tagtäglich gestalten und für neue Mitbewohner/innen von Beginn an eine große Unterstützung sind.

Auch gemeinsam wird nach Beschäftigungsmöglichkeiten, nach sinnvollen Tätigkeiten z.B. auch in den örtlichen Vereinen, bei sozialen oder Gemeinde-Hilfstätigkeiten gesucht.

Umso größer dann die Enttäuschung und das Unverständnis in der Gesellschaft, wenn gut Integrierte abgeschoben werden sollen – unabhängig von ihren bisherigen Integrationsleistungen, unabhängig von ihrer aktuellen Situation und möglicher aktueller Schwierigkeiten. Da werden die Betroffenen selbst, aber auch ihre Unterstützer/innen schlichtweg vor den Kopf gestoßen, wertvolle Arbeitsstunden verpuffen.

Margit Scherrer aus Pfarrkirchen erzählt von ihren Erfahrungen.

(c) Scherrer

 

Initiative LR Anschober für Beachtung der Integrationsleistung

Asylwerber/innen, die sich bereits während ihres laufenden Verfahrens mit Sprachqualifizierungsmaßnahmen, Arbeitsaufnahmen, Tätigkeiten in gemeinnützigen Vereinen etc. profilieren und sich bemühen, Teil der österreichischen Gesellschaft als auch selbsterhaltungsfähig zu sein, sollen nicht auf das Abstellgleis gestellt werden. Klar ist, dass Integration im klassischen Asylverfahren, wo es um die Überprüfung der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung bzw. bei der Überprüfung des subsidiären Schutzes geht, nicht bewertet werden kann.

Doch sollten – ganz konkret – Integrationsleistungen, wie z.B. ein aufrechter Lehrvertrag auch im Zuge der Überprüfung der Zulässigkeit der Rückkehrentscheidung nach asyl- und fremdenrechtlichen Kriterien als Bestandteil des Asylbescheids eine besondere Berücksichtigung finden und auch beim humanitären Bleiberecht. Bereits die Begrifflichkeit „Lehrlingsmangelstelle“ impliziert für sich die Engstelle im Bereich dutzender Lehrberufe, v.a. in der Gastronomie und bei Facharbeiter/innen, die durch arbeitswillige Personen – Asylwerbende - gedeckt werden kann (wie z.B. Samir mit seiner Lehrstelle als Koch).

Gefordert wird weiters, als erste Sofortmaßnahme eine stärkere gesetzliche Verankerung der Integrationsleistung, jedenfalls z.B. bei laufenden Ausbildungsmaßnahmen, wie etwa von in Lehre befindlichen Personen, eine allfällig durchsetzbare Rückkehrentscheidung vorerst auszusetzen, sowie ein Aussetzen der Außerlandesbringung bei seit Jahren besonders gut integrierten Familien samt Neuüberprüfung der Anträge auf humanitäres Bleiberecht.

Bleiberecht muss neben den integrativen Leistungen auch Personen gewährt werden können, aufgrund von besonders berücksichtigungswürdigen humanitären Gründen.

LR Anschober: „Es gäbe also durchaus darüber hinausgehende humane und pragmatische Wege vor Rückkehrentscheidungen, um diese auszusetzen oder ganz abzuwenden – für eine Win-Win-Situation für die Betroffenen und die oö. Gesellschaft. Dafür werde ich mich beim Innenminister auch weiterhin einsetzen.“