2 Oktober 2017

Integration als wichtigstes Thema (Ober-)Österreichs

OÖ startet erstmals Integrationsoffensive für schon länger hier lebende Gruppen: Tschetschen/innen. Hintergründe, Ziele, Maßnahmen

Erfolgreich wird aktuell in OÖ erstmals in der Landesgeschichte eine umfassende, flächendeckende Integrationsoffensive ab Tag 1 für die rund 20.000 Menschen der aktuellen Fluchtbewegung ab 2015 v.a. aus Syrien, Afghanistan, Irak und Iran umgesetzt. Bei früheren Fluchtbewegungen hat es das nicht gegeben. Auch aus diesem Grund sind Fehlentwicklungen wie u.a. Parallelstrukturen und hohe Arbeitslosigkeit entstanden. Nun startet das Integrationsressort von LR Rudi Anschober erstmals eine zusätzliche Offensive für auch schon länger in (Ober-)Österreich lebende Migrant/innen - zunächst für Tschetschen/innen.

LR Rudi Anschober: „Integrations-Lücken aus der Vergangenheit müssen genauso konsequent und offensiv angegangen werden – bundesweit! Hiermit starten wir in Oberösterreich ab sofort durch, mein Appell richtet sich aber auch an Integrationsminister Kurz eine bundesweite Initiative endlich anzugehen – das wurde bisher sträflich verschlafen.“

Nach umfassendem Austausch mit Expert/innen der tschetschenischen Community, mit deren Vertreter/innen, mit NGOs, Bildungs- und Beratungseinrichtungen starten die ersten Maßnahmen in Oberösterreich: Sprachkurse für Tschetscheninnen und Frauencafé mit Start in der kommenden Woche. Das Gesamtpaket wird parallel dazu präzisiert und fertiggestellt und wird ab Jänner/ Februar in Umsetzung gehen – auch bereits mit den Erfahrungen der aktuellen ersten Schritte.

 

Grundsätze der flächendeckenden Integrationsarbeit der aktuellen Fluchtbewegung

Bei der aktuellen Fluchtbewegung steht die Integrationspolitik vor einer großen Herausforderung, die wir bislang in OÖ in einer breiten Allianz recht gut schaffen:

  • erstmals gibt es eine Integrationsoffensive mit einem klaren Konzept, nach den Grundsätzen der dezentralen Integration ab Tag 1 in der Grundversorgung OÖ
  • erstmals gibt es ein flächendeckendes Angebot an Deutsch- und Orientierungskursen bereits für Asylwerber/innen, damit darf die Wartezeit bis zum Asylbescheid erstmals sinnvoll genutzt werden. Bisher wurden rund 16.500 Kursplätze für Asylwerber/innen in Oberösterreich seit Anfang 2016 angeboten.
  • erstmals gibt es ein umfassendes Netzwerk Integration samt Organisationsstruktur über Steuerungsgruppen: von über 10.000 privaten Helfer/innen über Mitarbeiter/innen der NGOs bis hin zu Dienstnehmer/innen des Amtes der Oö. Landeregierung, der Bezirkshauptmannschaften, von Bildungseinrichtungen oder Sozialpartnern bis hin zu den oö. Kirchen, Regionalen Kompetenzzentren für Integration und Diversität, oder Gemeindefunktionär/innen etc.
  • erstmals gibt es erweiterte Möglichkeiten für Asylwerbende, schon während ihres Verfahrens einer sinnvollen Beschäftigung nachzugehen, eine wesentliche Forderung von LR Anschober: OÖ nimmt Platz 1 bei den Lehrstellen für Asylwerbende in Mangelberufen ein, tausende Menschen arbeiten außerdem gemeinnützig, in Praktika, bei Hilfstätigkeiten, in Saisonarbeit o.Ä.

LR Rudi Anschober: „Wir haben erstmals eine flächendeckende, ab dem Beginn des Aufenthalts im Asylquartier startende umfassende Integrationsoffensive für alle Betroffenen gestartet. Das funktioniert positiv und wirkt."

 

Integration vs. Parallelgesellschaft von früheren Fluchtbewegungen in Oberösterreich

Bei vergangenen größeren Flucht- bzw. Migrationsbewegungen hat es das heutige Netzwerk Integration und umfassende Strategien und Maßnahmen nicht gegeben. Das macht sich bei Teilen bis heute bemerkbar.

Bereits seit Monaten plant das Integrationsressort von LR Anschober neben der aktuellen Fluchtbewegung einen zweiten Schwerpunkt der Arbeit: eine breit angelegte Integrationsoffensive auch für Menschen etwa aus Tschetschenien, die im Zuge früherer Flucht- oder Migrationsbewegungen nach Oberösterreich gekommen sind. Eine Offensive, die bereits in OÖ gestartete Maßnahmen verstärkt und ausweitet, die bundesweit als Modell gesehen werden können.

 

Hintergrund: Tschetschen/innen in Oberösterreich

*Datenabfrage über Statistik Austria, Stand 2016

Die Gruppe der tschetschenisch-Stämmigen in Oberösterreich umfasst aktuell über 4.000 Menschen*, davon besitzen 650 die österreichische Staatsbürgerschaft. Oftmals zeigt sich in dieser Gruppe ein Problem der Zentralisierung auf wenige Gemeinden, speziell in den Bezirken Linz-Land, Wels und Steyr, Clanbildung, und fehlende Deutsch-Kenntnisse, obwohl viele seit über 10 Jahren in Oberösterreich sind. Auffallend ist, dass rund zehn Jahre nach ihrer Ankunft viele noch nicht Deutsch sprechen und die Arbeitslosigkeit hoch ist. 

 

Neuer Schwerpunkt für frühere Fluchtbewegungen- Schritt 1: Tschetschen/innen

Die neue Integrationsoffensive verfolgt eine kontinuierliche Sichtbarmachung, Sensibilisierung und Förderung partizipativer Teilhabechancen der in Oberösterreich lebenden Tschetschen/innen. Dieses Ziel soll nachhaltig durch vielfältige Maßnahmen und Empfehlungen erreicht werden. Der Fokus wird auf die Bereiche Partizipation, Empowerment und Sichtbarmachung gelegt.

Der aktuelle Integrationsfokus auf die Gruppe der Tschetscheninnen und Tschetschenen ist ein aktives Zugehen auf eine Gruppe, die bisher nur vereinzelt vereinsmäßig organisiert ist und eine Einladung, Regelsysteme und bestehende Angebote in Oberösterreich (bspw. Schul- und Bildungssystem, Gesundheitssystem, Arbeitsmarktintegration, Vereinsgründung, …)  besser kennenzulernen und sich aktiv einzubringen.

Während in der ersten Phase Maßnahmen explizit für tschetschenische Frauen im Fokus stehen, sollen weitere Maßnahmen im weiteren Verlauf Männer und Frauen, sowie Jugendliche, als Zielgruppe erreichen – verstärkt auch Jugendliche der zweiten und dritten Generation.

 

Ziele und erste Maßnahmen: Frauen und Deutsch

In vielfältigen Gesprächsrunden in den letzten Wochen und Monaten mit Expert/innen aus der tschetschenischen Community, mit tschetschenischen Kulturvereinen, aber auch mit NGOs, Bildungs- und Beratungseinrichtungen sowie der Exekutive wurden die Lebensrealität der Tschetschen/innen sowie deren Herausforderungen kennengelernt. So sind die Bedarfe und Bedürfnisse der Community bewusst geworden.

Eine Sensibilisierung hinsichtlich Gleichstellung Frau/Mann sowie die Stärkung der Frauen, Deutschkenntnisse und Kenntnisse über die Möglichkeiten in Oberösterreich sind erste konkrete Ziele für die erste Phase der Integrationsoffensive. Diese sollen durch einen Deutschkurs für tschetschenische Frauen „Mama-lernt-Deutsch“, sowie durch die istOÖ begleiteten Frauencafés erreicht werden.

  • Kurs „Mama-lernt-Deutsch“ für Tschetscheninnen
    Der Kurs zielt auf die Förderung der deutschen Sprache und zugleich auf die gesellschaftliche Teilhabe von Tschetscheninnen, deren Erstsprache nicht Deutsch ist, ab. Neben dem Unterricht finden auch gemeinsame Ausflüge und Vorträge statt. Kursstart: 21. Oktober, vormittags; Kostenbeitrag 10 Euro. Gefördert von der Integrationsstelle OÖ.
  • Frauencafés für Tschetscheninnen
    Auf Einladung der Ist OÖ treffen Tschetscheninnen bei Kaffee und Kuchen zu einem Austausch und Kennenlernen zusammen, am 14. Oktober, 9 Uhr bei Arcobaleno in Linz, am 18. Oktober um 9 Uhr beim Frauenzentrum Olympe in Haid. Dabei wird über das neue Integrationspaket von LR Anschober informiert, Deutschkurse beworben und Frauen aktiv eingebunden.

Um lebensweltnah Bedürfnisse und Bedarfe der Community diskutieren zu können, wird eine Expert/innenfokusgruppe, mit Stakeholdern sowie Personen aus der Community, stattfinden, mit dem Ziel, weitere Herausforderungen in der Arbeit mit und für Tschetschen/innen zu identifizieren und den Austausch darüber zu ermöglichen.

Durch den Austausch mit Expertin Maynat Kurbanova, tschetschenische Journalistin und Mit-Gründerin einer Vernetzungsplattform für tschetschenische Communities in Wien, mit in Oberösterreich lebenden Tschetschen/innen sollen Austauschmöglichkeiten geschaffen und das Interesse und Engagement erkannt und gebündelt werden. Der Erfahrungsaustausch stellt eine wichtige Basis für die Strukturierung des eigenen Engagements dar. Die Erkenntnisse und Informationen dieser ersten Phase werden laufend in die weitere Planung eingearbeitet und weiterentwickelt.

 

Herangehensweise sowie weitere Planungen: 2. Phase

In der zweiten Phase der Integrationsoffensive ist eine Evaluierung der im Herbst realisierten Meilensteine angedacht, um mit diesen Zwischenresultaten Ende Jänner 2018 eine Beschlussfassung der Schwerpunktoffensive Tschetschen/innen zu erlangen.

Weitere Fokusgruppen mit Vertreter/innen der Community (Jugendliche; Männer; Frauen) sind angedacht, sowie die Unterstützung in der Einrichtung einer Jugend – und Frauensektion in den bestehenden Vereinen tschetschenischer Gruppen. 

 

Exkurs: Erfahrungen von Maynat Kurbanova aus der Arbeit mit Tschetschen/innen

Der Verein „Netzwerk Tschetschenischer Mütter in Österreich“ wurde im Jahr 2015 von tschetscnenischen Aktivistinnen in Wien gegründet. Das Hauptziel des Vereins ist die Hilfe und Unterstützung für tschetschenische Frauen und Jugendliche bei der Integration in Österreich, aktive Unterstützung bei der Partizipation der Frauen in der Gesellschaft, sowie Brückenbauen zwischen Tschetschen/innen und Mehrheitsgesellschaft. Die Frauen, die bei der Gründung des Vereins mitgewirkt haben, hatten alle zu diesem Zeitpunkt viel Erfahrung bei den ehrenamtlichen Aktivitäten innerhalb der tschetschenischen Community, sie haben Flüchtlinge und Asylwerber/innen bei Behördengänge, bei Bildungsfragen und Deutschlernen begleitet und beraten. Die Notwendigkeit der Gründung eines eigenen Vereins wurde aber besonders klar, als ungefähr seit 2013-2014 die tschetschenische Community in Österreich immer wieder in den negativem Berichterstattung in Medien, insbesondere in Boulevardmedien gefallen ist - im Zusammenhang mit der Radikalisierung der Jugendlichen und der Ausreise einiger Tschetschenen nach Syrien.

Mit dem Verein sollte die Arbeit gegen die Radikalisierung auf den Weg gebracht werden.

Der Verein wird nach außen durch die Vorsitzende vertreten, Maynat Kurbanova. Kurbanova ist Journalistin und Autorin aus Tschetschenien. Sie hat die Universität in Grozny abgeschlossen (Journalistik und Philologie), absolviert derzeit das Masterstudium Islamische Religionspädagogik an der Uni Wien. Kurbanova lebt seit 7 Jahren in Wien und ist an vielen Projekten beteiligt, die die Arbeit mit Frauen und Jugendlichen betreffen. Außerdem arbeitet sie weiterhin als Journalistin und Autorin.

 

Auftrag und Appell von LR Anschober: Bundesweite Integrationsoffensive für Menschen früherer Migrations- und Fluchtbewegungen

In OÖ wird hier abermals, wie schon bei der flächendeckenden Integration ab Tag 1 für die aktuelle Fluchtbewegung, ein Vorreiter-Projekt gestartet. Problemfelder zeigen aber, dass es diese breit angelegte Integrationsoffensive bundesweit braucht für die Zielgruppe der schon länger Zugewanderten, auch mit folgenden Punkten:

  • Deutschkursoffensive für alle Gruppen mit problematischen Deutschkenntnissen, gemischt mit Orientierungsschulungen
  • niederschwellige Angebote vor allem für Frauen, für die das Fehlen deutscher Sprachkenntnisse teilweise ein Ausgrenzungsinstrument ist
  • gezielte Qualifizierungs- und Bildungsarbeit
  • Arbeitsmarktoffensive
  • verstärkter Einsatz des Verfassungsschutzes gegen extremistische Gruppen
  • effiziente Kontrolle der Umsetzung des Islamgesetzes durch die Moscheegemeinden
  • Werteorientierung wie Gleichstellung von Mann und Frau, Pluralität und Demokratie werden im Mittelpunkt der geförderten Zusammenarbeit mit Migrantenorganisationen in den nächsten Jahren stehen
  • Dialog mit den Moscheevereinen und den Imamen, z.B. mit dem Ziel von Predigten in deutscher Sprache und gezielter Transparenzmaßnahmen
  • Öffnung der Migrantenorganisationen und Vereine in allen Bereichen, Abschottung auch im medialen Bereich thematisieren und reduzieren
  • zukünftig mehr und bessere politische Steuerung der Integrationsarbeit