27 April 2018

"Integration zahlt sich aus!“

Die Integrationsoffensive II für die erste Gruppe der schon lange in Oberösterreich lebenden Migrant/innen startet – für die Gruppe der Tschetschen/innen

Eine starke Integrationsoffensive wie aktuell seit 2015, z.B. mit geförderten Deutsch- und Orientierungskursen oder der Einbindung von Zivilgesellschaft und Freiwilligen für ein Miteinander, hat es bei früheren Flucht- und Migrationsbewegungen nicht gegeben. Auch aus diesem Grund sind zum Teil Fehlentwicklungen, wie fehlende Integration, Parallelstrukturen oder hohe Arbeitslosigkeit entstanden. Das oö. Integrationsressort von LR Anschober hat diese Herausforderung erkannt und erstmals eine zusätzliche Offensive auch für schon länger in (Ober-)Österreich lebende Migrant/innen gestartet – mit Fokus auf Tschetschen/innen.

Nach einer Austausch-Phase mit direkt Betroffenen der tschetschenischen Community sowie mit Vertreter/innen z.B. aus NGOs, Bildungs- und Beratungseinrichtungen wurde im Herbst 2017 eine erste Pilotphase gestartet: Angebote speziell für Tschetscheninnen standen am Programm, etwa Frauen-Cafés und Sprachkurse. Diese wurden nun evaluiert und in das Gesamtkonzept der Integrationsoffensive II eingearbeitet. Es hat sich gezeigt: seitens der in Oberösterreich lebenden Tschetschen/innen besteht großes Interesse an weiterer Integrationsarbeit.

Nun liegt das Gesamtkonzept „Integrationsoffensive II“ vor, enthält verschiedenste Maßnahmen, Ideen, Anregungen aus sieben Bereichen – nämlich Arbeit, Frauen und Männer, Freizeit und Sport, Kinder und Jugendliche, Mehrheitsgesellschaft, Sprache und Bildung, Wohnen.

Zeitgleich startet nun der große Aufruf an mögliche Träger/innen, ihre Projekte zum Thema Inklusion und Bewusstseinsbildung einzureichen – die Frist läuft bis 30. Juni 2018!

LR Anschober: „Erste kleine Erfolge und Fortschritte waren schon in der Pilotphase zu erkennen. Der Austausch mit der tschetschenischen Community war während der gesamten Erarbeitungsphase sehr positiv. Ich freue mich, dass wir diesen Schritt nun aufeinander zugehen, Angebote bieten einerseits und Bewusstsein beider Seiten fördern andererseits. Die Tschetschen/innen haben erkannt, dass das Angebot eine große Chance, eine ausgestreckte Hand für das Verwirklichen von Verbesserungen ist.“

 

Exkurs: Integrationsoffensive I zur aktuellen Fluchtbewegung ab dem 1. Tag, dezentral und flächendeckend

Oberösterreich ist bei der aktuellen Fluchtbewegung ab 2015 v.a. aus Kriegsgebieten in Syrien und Afghanistan den Weg der dezentralen Integration von Beginn an gegangen. So wurden bis heute z.B. schon über 20.000 Kursplätze in geförderten Deutschkursen ermöglicht, verteilt in ganz OÖ, Kurse zur Alphabetisierung, Beratung und Angebote zu Qualifizierung, Lehre in Mangelberufen, Orientierungskurse u.v.a.m. schon für Asylwerbende während des laufenden Asylverfahrens verwirklicht. Dies ermöglichte aktuell eine Teilhabe an der Gesellschaft für Flüchtlinge, die noch nie da gewesen ist.

LR Anschober: „Bei Asylverfahren, die ein, zwei oder gar drei Jahre lang dauern, Menschen währenddessen ohne Sprachkenntnisse, ohne Beschäftigung und ohne gesellschaftlichen Anschluss zu belassen ist unmenschlich und fahrlässig. Seit 2015 sind wir glücklicherweise einen anderen Weg gegangen –und kämpfen derzeit um die Beibehaltung dieses Wegs der Förderung und Forderung. Denn Menschen brauchen Perspektiven! Was passiert, wenn keine Integrationsmaßnahmen gesetzt werden, zeigen frühere Fluchtbewegungen, wo sich z.B. unter den Tschetschen/innen eine ausgeprägte Parallelgesellschaft gebildet hat – hier gab es keinerlei Angebote für leistbare Deutschkurse, für Orientierung in unserem Land, für Bildung oder für eine ausgeglichene Wohnungsvergabe. Das wollen wir mit der Integrationsoffensive II für schon länger hier lebende Personen nun nachholen – diese endlich „hören“ und einbinden.“

 

Hintergrund und Ausgangslage der Integrationsoffensive II

Aktuell leben über 3.500 Personen mit Staatsangehörigkeit „Russische Föderation“ in Oberösterreich, 32.018 Personen österreichweit. Die Statistik führt keine Angabe zur ethnischen Zugehörigkeit, wie zum Beispiel Tschetschenien.
Zwei militärische Konflikte zwischen Tschetschenien und Russland (1. Krieg 1994-1996, 2. Krieg 1999-2009) führten zu internationalen Fluchtbewegungen vieler Tschetschen/innen ab den späten 1990er, Anfang 2000er Jahren, auch nach Österreich. Die rasche Gründung diverser tschetschenisch-österreichischer Organisationen, bspw. der Europäisch-Tschetschenischen Gesellschaft war die Folge. Wichtige Werte innerhalb der Community der Tschetschen/innen sind Respekt, Loyalität, Gehorsam gegenüber Älteren und der Ehrbegriff.

Die Tschetschen/innen in Oberösterreich sind eine heterogene Gruppe, deren Integrationsgrad von diversen Faktoren beeinflusst wird.
Erkenntnisse und Maßnahmenempfehlungen der Offensive sind, dass die Gruppe in Oberösterreich noch gering formell institutionalisiert ist, jedoch großen Wunsch äußert, sich engagieren zu wollen. Aufgrund der Kriegswirren und instabilen Strukturen in Tschetschenien gibt es auch in Österreich Skepsis und Misstrauen gegenüber staatlichen Einrichtungen, Exekutive und Behörden, welche zögerliche Inanspruchnahme von Angeboten als Folge hat. Vertrauensaufbau in staatliche Systeme und Einrichtungen ist hier von Nöten.

Weiter ist Respekt vor Exponiertheit und Öffentlichkeitswirkung charakteristisch für die Gruppe, hier ist auch Vertrauensarbeit, Geduld und Zeit für nachhaltige Veränderung wichtig. Diese vermeintliche Zurückgezogenheit der Community schürt Skepsis und Misstrauen in der oberösterreichischen Mehrheitsgesellschaft.

 

Umsetzungsstart der Integrationsoffensive II

Das Ziel dieser Integrationsoffensive II des Integrationsressorts auf Initiative  von LR Rudi Anschober, ist die Sichtbarmachung, Sensibilisierung und Förderung der Teilhabechancen, durch den Fokus auf Partizipation und Empowerment sowie Bewusstseinsbildung auch für die oö. Mehrheitsgesellschaft hinsichtlich der Zielgruppe, um Vorurteile sowie Vorbehalte zu hinterfragen.

Die Offensive stützt sich auf Ergebnisse einer fundierten Pilotphase seit Herbst 2017, die von diversen Maßnahmen zur Informationsgewinnung und Identifizierung der Kernanforderung und wichtigsten Themen, sowohl aus der Community selbst, als auch von der Sicht von Expert/innen, geprägt war. Die Ergebnisse der Maßnahmen dieser Pilotphase (u.a. Deutschkurs für tschetschenische Frauen in OÖ, Expert/innenfokusgruppe; Frauencafés; Gespräche, Abstimmungen mit Vertreter/innen, …) wurden evaluiert und diese nun im Konzept präsentiert.

Diese Pilotphase richtete sich bzgl. der Maßnahmen speziell an tschetschenische Frauen, nämlich durch einen Deutschkurs für tschetschenische Frauen „Mama-lernt-Deutsch“ sowie durch die istOÖ begleiteten „Frauencafés“ zur aktiven Einbindung und regen Austausch.

Die Chancen für das Gelingen der Offensive liegen im großen Interesse an der Offensive, der sehr guten Vernetzung und an den guten informellen Strukturen innerhalb der Community.

 

Sieben Themenfelder zur Umsetzung der Integrationsoffensive II

1) Arbeit (Auszug)

a. vor allem Frauen und junge Mütter unterstützen, ihre Ausbildungen zu nostrifizieren und geeignete Arbeit zu finden

b. Vorurteilen bzw. Vorbehalten gegenüber Tschetschen/innen bei Arbeitgeber/innen bzw. der Mehrheitsgesellschaft, aber auch auf arbeitssuchender Seite begegnen

c. Berufs- und Bildungsberatung für die Zielgruppe

d. Runder Tisch mit Vertreter/innen zum Thema Lehrlingsmöglichkeiten

Beispiel: Vertiefungskurs des ÖIF für Tschetschen/innen „Arbeit und Beruf“ am DO, 28. Juni 2018

 

2) Frauen und Männer (Auszug)

a. Erreichbarkeit und Zugänge zu Männern, außerhalb des Moschee-Verbandes, intensivieren

b. Für Frauen außerhalb der Community Begegnungsmöglichkeiten essentiell

c. bewusste Stärkung von Frauen und Mädchen

d. Unterstützung Gründung von Frauen- bzw. Jugendsektion innerhalb des Moscheevereins

e. Mehrheitsgesellschaft hinsichtlich Vielfalt und Diversität (z.B.: Kopftuch) sensibilisieren

Beispiel: Vertiefungskurs des ÖIF für Tschetscheninnen am DO, 28. Juni 2018

 

3) Freizeit und Sport (Auszug)

a. Vereine als Ansprechpartner/innen in die Community, Unterstützung und Sichtbarmachung

b. Austausch und Begegnung mit weiteren ehrenamtlichen, bekannten Vereinen ermöglichen

c. Sport als Möglichkeit, Fähigkeiten zur konstruktiven und gewaltfreien Lösung von Konflikten voranzutreiben

d. Verbindung von Sport und pädagogischen Zielen

Beispiel: Besuch von Trainingseinheiten des Sportvereins SK Ondalla Latar durch Landesrat Anschober

 

4) Kinder und Jugendliche, Familien (Auszug)

a. z.T.: Stigmatisierungs- und Diskriminierungserfahrungen bei tschetschenischen Jugendlichen

b. Orientierungslosigkeit durch Identitäts- und Vertrauensvakuum, fehlende Aggressionsbewältigungsmöglichkeiten können zu Gewalt führen

c. Vertrauensarbeit durch Multiplikator/innen als Radikalisierungsprävention essentiell

d. aufsuchende, kulturspezifische Familien- und Elternarbeit durch Weiterbildungen zur gewaltfreien Erziehung und Kinderstärkung

e. Herkunftslandinformationen mit Einbindung von tschetschenischen Vereinen

Beispiele:

  • Elternarbeit durch Weiterbildungen, gewaltfreie Erziehung und  Kinderstärkung von Anfang an, "Kinder stark machen für ein suchtfreies Leben", 30.06.2018, Stadtteilzentrum Auwiesen
  • Herkunftslandinformation mit Einbindung der tschetschenischen Vereine, 27.04.2018, Arcobaleno Linz

 

5) Mehrheitsgesellschaft (Auszug)

a. offene, sensibilisierte Mehrheitsgesellschaft als Voraussetzung für gelingende Integration

b. Wissensvermittlung hinsichtlich Geschichte, Gesellschaft, Herkunft der Tschetschen/innen für Regelsysteme und Mehrheitsgesellschaft relevant

c. kontinuierliche Reflexion und Austausch über Angebote und Maßnahmen, unter Einbindung der Community

Beispiel: Informations- und Bewusstseinsarbeit: Vortrag "Geschichte der Tschetschen/innen und ihre Bedeutung für die Situation dieser Ethnie in Österreich", 20.06.2018

 

6) Sprache und Bildung (Auszug)

a. heterogenes Sprachstandniveau innerhalb der Community, Defizite z.T. bei älteren Personen und jungen Müttern (durch geringes Praktizieren der deutschen Sprache)

b. fehlende Praxis führt zu Hemmschwellen

c. niederschwellige Deutschkurse mit Kinderbetreuung wichtig

d. Begegnungsmöglichkeiten schaffen, Beteiligung am öffentlichen Leben wichtig

Beispiel: Frühkindliche Sprachförderung (in der Muttersprache) für tschetschenische Kinder in OÖ durch IIP der VHS OÖ, Stadtteilzentrum Auwiesen , seit 08.04.2018

 

7) Wohnen (Auszug)

a. leistbarer Wohnraum für kinderreiche Familien als Herausforderung, kaum Kontakt zu österreichischen Nachbar/innen

b. Zusammenleben durch fehlende gemeinsame Sprache herausfordernd

c. Ein- und Auszugsbegleitung, um Dialog zu fördern und Konflikten vorzubeugen

d. Piktogramme für Hausregeln und -kommunikation, um Zusammenleben besser zu gestalten

Beispiel: Piktogramme für Hausregeln und -kommunikation, um Zusammenleben besser zu gestalten auf der Webpage der istOÖ zum Download

 

Aufruf: Einreichung von Projekten zur Integrationsoffensive II bis 30. Juni 2018

Die aufgebaute Struktur und Vernetzung des Netzwerks Integration in Oberösterreich birgt gute Chancen zur Implementierung diverser Integrationsmaßnahmen, wie der Integrationsoffensive II. Die kontinuierliche Arbeit mit intensiver Einbindung der Zielgruppe ist essentiell, um Parallelgesellschaften zu vermeiden. Ein Schlüssel zum Erfolg sind kultursensibilisierte Regelsysteme sowie die Bereitschaft zur kontinuierlichen Weiterarbeit auf Augenhöhe.

Zur Zielerreichung werden potenzielle Projektträger/innen eingeladen, Projekte in den sieben Themenfeldern, anhand eines vorgestellten Fördermodells, einzureichen. Einreichungen sind bis 30. Juni 2018 möglich.

Der Start der Projekte ist zum Teil sofort, Großteils ab Herbst 2018 geplant.

Alle Informationen sind auf der Webpage der Integrationsstelle des Landes Oberösterreich zum Download bereit: http://www.integrationsstelle-ooe.at/

LR Anschober: „Es ist ein erstmaliger Versuch. Funktioniert er, dann werden wir die Integrationsoffensive II auf weitere Gruppen ausdehnen.“