22 Juni 2015 ,

Jetzt geht es los: Bürgerinitiative für mehr Ernährungsbildung an Österreichs Schulen

"105.000-mal essen wir im Lauf unseres Lebens. Mit unserer Ernährung entscheiden wir ganz wesentlich über unsere Gesundheit, über Umwelt, Böden, Grundwasser und Klima, über die Struktur und die Zukunftschancen der Landwirtschaft, über gerechten Handel und vieles andere mehr. Vielfach haben wir in den letzten Jahren den Bezug zu Lebensmitteln, zum Essen, zum eigenen Geschmack verloren. Viele haben nie kochen gelernt und sind dem Einheitsessen der globalen Lebensmittelindustrie wehrlos ausgeliefert. Aber es beginnt eine Gegenbewegung, die in Oberösterreich stark vom Umweltressort unterstützt wird. An vielen Orten beginnen neue Projekte, Essen und Ernährung wird zum politischen Thema, vielfach engagieren sich auch in den Schulen Pädagog/innen und Eltern sehr und die Kids sind mit großem Interesse bei der Sache. Dieses  Engagement für Kochen und Themen wie Ernährung und Konsument/inneninformation braucht mehr Unterstützung, mehr Platz und einen besseren Stellenwert in unseren Schulen", fordert Oberösterreichs Konsument/innenschutz-Landesrat Rudi Anschober. "Deshalb habe ich die parlamentarische Bürgerinitiative Ernährungsbildung gestartet, damit es eine breite Plattform für dieses Ziel gibt und sich der Nationalrat im Herbst damit auseinandersetzen muss.“

In der von LR Anschober vor wenigen Wochen initiierten Bürgerinitiative für mehr Ernährungsbildung an Schulen wurden seit April in der Vorbereitungsphase bereit über 1.200 Unterstützer/innen gefunden– damit ist die Hürde von 500 Unterschriften zur Einreichung im Nationalrat bereits vor dem offiziellen Start geknackt. Heute aber geht es erst so richtig los: Online-Unterstützung ist ab sofort unter unten angeführter Adresse bis September möglich.

Im Ausschuss für Petitionen und Bürgerinitiativen des Nationalrats wird das Thema behandelt – Stellungnahmen von Ministerien und anderen Institutionen können eingeholt, Hearings mit Expert/innen durchgeführt werden. Unterstützungserklärungen sind hier möglich:
http://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXV/BI/BI_00074/index.shtml

Anschober: „Aber ich hoffe auf eine sehr starke Unterstützung, nur dann wird der politische Druck spürbar zunehmen, damit vom Nationalrat auch gehandelt wird.“

 

Stand der Ernährungsbildung an den Schulen

In Volksschulen und AHS-Unterstufen ist derzeit kein eigenes Fach vorgesehen. „Ernährung und Haushalt“ ist lediglich in der Neuen Mittelschule (NMS) Pflichtgegenstand, allerdings wurde dieser Gegenstand mit der Überführung der Hauptschulen in NMS vielfach stark ausgedünnt. Laut Lehrplanverordnung für die NMS muss in zumindest einem der vier Schuljahre mind. 1 Stunde bis max. 4 Stunden pro Woche das Unterrichtsfach „Ernährung und Haushalt“ angeboten werden. In vielen Schulen wird derzeit das Minimum angeboten.

 

Ziele der Parlamentarischen Bürgerinitiative betreffend Lebenskompetenz Ernährung im Schulsystem

Der Nationalrat wird ersucht, dass im Bereich der Lebenskompetenzen Ernährung, Kochen, Gesundheit und Verbraucher/innenbildung

1. das Unterrichtsangebot an Volksschulen und allen Schulen der Sekundarstufe I inklusive der AHS-Unterstufe sukzessive mit dem Ziel eines eigenen, obligatorischen Unterrichtsfaches ausgebaut wird.

2. an den Pädagogischen Hochschulen und den Universitäten eine umfassende und praxisnahe Ausbildung der Pädagoginnen und Pädagogen im Hinblick auf die genannten Lebenskompetenzen sichergestellt wird.

3. das Angebot an Weiterbildungs- und Fortbildungsveranstaltungen (Lehrgänge) für Lehrerinnen und Lehrer entsprechend erweitert wird.

4. mittel- und längerfristig die Errichtung einer tertiären Bildungseinrichtung mit einem Schwerpunkt auf den genannten Lebenskompetenzen angestrebt wird.

 

Statements zur Bürgerinitiative

Prof. Dr. Thomas Mohrs, PH OÖ und Autor des Begründungstextes:

„Schon Platon wusste: Wenn man in einer Gesellschaft nachhaltig etwas verändern will, geht das nur über die Bildung, über die Kinderköpfe und das Bewusstsein, das sich in ihnen entwickelt. Kinder sind die Zukunft und ihnen gehört die Zukunft. Die Ernährungsweise der meisten Menschen im „Westen“, aber zunehmend auch in „Schwellenländern“ wie China, ist in ökologischer, sozialer und auch ökonomischer Hinsicht nicht nachhaltig, birgt unter Nachhaltigkeits-Gesichtspunkten sogar große Gefahren. Daher ist es dringend erforderlich, die Ernährungswende jetzt in Angriff zu nehmen und die Kinder – eben nicht zuletzt in der Schule – systematisch einzubeziehen, damit sie eine lebenswerte Zukunft haben können.“

 

Mag. Philipp Braun, Slow Food Linz:

„Essen ist weit mehr als Energiezufuhr. Genuss soll Spaß machen und Freude bereiten. Genuss hat jedoch auch eine Schwester: die Verantwortung.  Durch Geschmacksschulungen und Lebensmittelkunde kann das Bewusstsein für die Zusammenhänge von Umwelt, Landwirtschaft, Ernährung, Gesundheit, Klima und echtem Genuss geschaffen werden.  Erst mit dem Wissen, in welcher Region, wann, wie und von wem, unter welchen Bedingungen sowie unter wessen Kontrolle, etwas produziert und gegebenenfalls auch verarbeitet wurde, kann wahrer Genuss entwickelt werden. Falsche Ernährungsgewohnheiten zeigen sich unter anderem darin, dass viele Menschen quantitativ überernährt und qualitativ unterernährt sind, wobei auch die mangelnde Bewegung eine Rolle spielt.“

 

Hintergründe und Motivation für die Bürgerinitiative

Es steht außer Zweifel, dass „Ernährung“ eines der Mega-Themen des 21. Jahrhunderts ist, dessen Bedeutung für die Gestaltung einer lebenswerten Zukunft gar nicht überschätzt werden kann. Die eng miteinander verflochtenen Dimensionen dieses konkret-alltäglichen und zugleich extrem komplexen Themas reichen von Aspekten der individuellen Gesundheit und des Genusses über Fragen der Verantwortung gegenüber unseren Kindern, der regionalen und überregionalen Ernährungssicherheit und Ernährungssouveränität, der Ernährungsinfrastruktur samt Regional- und Stadtentwicklung bis hin zu Problemstellungen eines auf Dauer finanzierbaren staatlichen Gesundheitswesens und schließlich nicht zuletzt auch zu übergeordneten Fragen wie Klimaschutz, nachhaltige Entwicklung und globale Verantwortung und Solidarität. Dazu einige nähere Stichworte:

 

  • Gesundheit und Genuss

Eine ausgewogene Ernährungsweise, vorzugsweise auf der Basis frischer, reifer und möglichst naturbelassener Lebensmittel, ist eine der wichtigsten Säulen der Gesundheitsförderung und -erhaltung. Frische, Reife und Naturbelassenheit sind darüber hinaus aber auch die Grundlage wirklich schmackhafter Speisen. Eine gesunde, ausgewogene und genussvolle Ernährungsweise hat zudem wesentlichen Einfluss auf die Lebens-zufriedenheit sowie den ökologisch und ökonomisch orientierten Umgang mit Lebensmitteln.

 

  • Verantwortung gegenüber unseren Kindern

Geschmacksvorlieben sowie Grundlagen des Ernährungsverhaltens und des Umgangs mit Nahrungsmitteln werden von der frühen Kindheit an geprägt, weshalb es gerade im frühen Kindesalter immens wichtig ist, dem Thema Essen und Ernährung einen hohen Stellenwert zu geben. Hier wird der Grundstein für eine gesunde und klimaschonende Ernährungsweise im späteren Lebensverlauf gelegt. Wenn es für die Kinder bereits früh selbstverständlich ist, regelmäßig und unter Verwendung frischer und qualitativ hochwertiger Lebensmittel selbst zu kochen, werden sie dies auch im Erwachsenenalter viel eher beibehalten und diese Kompetenzen ihrerseits an ihre Nachkommen weitergeben. Ein besonderes Augenmerk sollte daher auf die Ernährungsbildung in Horten/Krippen, Kindergärten und Volksschulen gelegt werden. Dies auch vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die Leistungsfähigkeit des Gehirns – und folglich auch die Lernfitness unserer Kinder während ihrer gesamten Bildungslaufbahn – in hohem Maße von der Ernährung abhängig ist.

 

  • Verantwortung gegenüber dem sozialen Umfeld und kulinarischer Infrastruktur

Da die Kriterien für eine gesunde, ausgewogene und genussvolle Ernährung – Frische, Reife und Naturbelassenheit – am ehesten von regionalen (Bio-)Qualitätsprodukten erfüllt werden können, besteht ein hohes Interesse an der Bewahrung (bzw. Wiederherstellung und Steigerung) eines möglichst hohen Maßes an regionaler Ernährungssicherheit, Ernährungssouveränität und Transparenz der Lebensmittelproduktion. Die Bildung eines Bewusstseins bei Konsumentinnen und Konsumenten, dass sie durch ihr Einkaufs- und Konsumverhalten mit darüber entscheiden, ob in der Region (oder auch der Stadt und der städtischen Umgebung), in der sie jeweils leben, entsprechende Lebensmittel produziert und vermarktet werden können, ist daher von zentraler Bedeutung.

Zudem sind Aspekte der kulinarischen Infrastruktur bei allen Regional- und Stadtentwicklungsplanungen („urban gardening“, „transition towns“) systematisch mit zu bedenken.

 

  • Gesamtgesellschaftliche (staatsbürgerliche) Verantwortung

Nachweislich bestehen kausale Zusammenhänge zwischen der Ernährungsweise und „Zivilisationskrankheiten“ wie Diabetes Mellitus 2, „leaky gut“-Syndrom, Reizdarm, Arteriosklerose, Allergien, Adipositas, Alzheimer, Parkinson, diversen Krebsarten usw. Die enorme Bedeutung von Mangel- und Fehlernährung für die Kostenexplosion im Gesundheitswesen ist somit denkbar evident. Mangel- und Fehlernährung (im interdependenten Zusammenhang mit der demographischen Überalterung) tragen folglich auch einen wesentlichen Teil dazu bei, dass das Gesundheitssystem in der bestehenden Form in absehbarer Zeit womöglich nicht mehr finanzierbar sein wird. Die Erhaltung eines funktionierenden und leistungsstarken Gesundheitssystems hängt daher im Umkehrschluss maßgeblich mit der Änderung des Ernährungsverhaltens nach den Kriterien von Gesundheit und verantwortlichem Genuss in unserer Gesellschaft zusammen.

 

  • Aspekte globaler (weltbürgerlicher) Verantwortung

Dokumente wie der Weltagrarbericht oder der Bericht der UNCTAD „Wake up before it is too late!“, der jährliche Report zum Welthunger sowie zahlreiche Publikationen der FAO und der WHO weisen eindringlich auf die komplexen Zusammenhänge zwischen dem Ernährungs- und Konsumverhalten der Menschen in den industrialisierten Ländern der Erde einerseits und Hunger, Verelendung sowie weit reichenden ökologischen Zerstörungen in anderen Teilen der Welt andererseits hin, ebenso auf Zusammenhänge mit der Zerstörung kleinbäuerlicher (Subsistenz-)Strukturen, der Vernichtung des Regenwalds in Amazonien, rasanter Bodendegradation, Desertifikationsprozessen, massiven Biodiversitäts-verlusten, Überfischung der Weltmeere, Vernichtung der Meeresfauna, gefährlicher Trinkwasserverknappung und insgesamt dem Phänomen des Klimawandels. Dbzgl. stellt die intensive, industrielle Weltlandwirtschaft – insbesondere die industrielle Tierhaltung und Fleischproduktion sowie die Milch- und Milchprodukteproduktion – sogar die mit Abstand größte Gefahr für eine nachhaltige Entwicklung dar, sei es im Hinblick auf Klimagasemissionen, Biodiversitätsverlusten oder der Verknappung lebenswichtiger Ressourcen wie Wasser und fruchtbarem Ackerboden.

Man erkennt: „Ernährung“ ist eine politische Kategorie von überragender (Zukunfts-)Bedeutung. Dieser Bedeutung muss auch im Bildungssystem in angemessener Weise Rechnung getragen werden, weshalb die Schaffung umfangreicher Unterrichts- und Bildungsangebote im Bereich der Lebenskompetenzen Ernährung, Kochen, Gesundheit und Verbraucher/innenbildung im Sinne dieser Petition ein dringliches Gebot zukunftsorientierter Bildungspolitik ist! Vor diesem Hintergrund erscheint es als außerordentlich bedauerlich und korrekturbedürftig, dass das Thema „Ernährung“ in seiner ganzen Komplexität und immensen faktischen Relevanz im Prozess der Neuentwicklung von Curricula im Rahmen der Umsetzung von „Pädagog/innenbildung NEU“ im Primarstufenbereich und erst recht im Sekundarstufenbereich geradezu sträflich vernachlässigt wurde.

Dabei ist allen aufgeführten nachhaltigkeits- und zukunftspolitischen Argumenten aus pädagogischer Hinsicht hinzuzufügen, dass es sich bei den Themen „Ernährung“, „Kochen“, „Gesundheit“ und „Verbraucher-bildung“ nicht um abstrakten Schul-„Stoff“ handelt, sondern über das kognitive Wissen hinaus in erster Linie um echte Lebenskompetenzen, die zudem moderne, fächerübergreifende, partizipative, lernseitig- und handlungsorientierte Lehr- und Lernformen nicht nur in vielfältigster Weise ermöglichen, sondern diese nachgerade fordern.

 

OÖ Initiativen für mehr Bewusstseinsbildung zu Ernährung an Schulen

Von Umwelt- und Konsument/innenschutz-Landesrat Rudi Anschober laufen aktuell gerade folgende Initiativen, um schon Kinder und Jugendliche für das Thema Ernährung und dessen umfassende Auswirkungen zu sensibilisieren:

  • „Besser Essen – MEHR bewegen!“

Klimabündnis OÖ, Bio Austria, Slow Food und die PH OÖ begleiten ein Jahr lang fünf Schulen und einen Hort mit Workshops auf ihrem Weg zum „Besser Essen“.

  • „Gustls Kochwettbewerb – So schmeckt’s mir UND dem Klima“:

Bei diesem Kochwettbewerb reichen Schüler/innen ein klimafreundliches und nachhaltiges Menü ein – das beste gewinnt.

  • Schulobstaktion

Der Biohof Achleitner liefert frisches, regionales, Bio-Obst an teilnehmende Schulklassen, finanziert durch EU und Land OÖ.

  • Schulgartenwettbewerbe (Bodenbündnis)
  • Info-Kochshow „Kochtopf statt Mistkübel“ bei Kinderunis

Bei der Info-Kochshow „Kochtopf statt Mistkübel“ zur Vermeidung von Lebensmittelmüll kochen LR Anschober und Co erstmals auch bei den oö. Kinderuni-Terminen mit Produkten, die im Handel nicht mehr verkäuflich wären, auf. Kinder und Jugendliche unterstützen tatkräftig.