24 Januar 2017

Kopftuch und Schleier. Alle reden darüber, doch was denken die Betroffenen? Ein Gespräch mit und nicht über Betroffene.

Frauen erzählen, warum sie die Kopfbedeckung tragen oder nicht und wie sie die öffentliche Debatte empfinden.

Aktuell gibt es viele Themen, die in Gesellschaft oder Politik von Männern diskutiert werden, aber in erster Linie Frauen betreffen – etwa das Engagement im sozialen Bereich, von Kindergarten und Schule bis hin zu Pflege und Flüchtlingshilfe, Gleichberechtigung oder auch über das Tragen von Kopftuch oder Schleier. LR Rudi Anschober will mit dieser Gesprächsrunde zum Thema „weibliche Kopfbedeckung“ gezielt die betroffenen Frauen in den Mittelpunkt stellen, ihre Sicht der Dinge hören. Reden wir mit den Betroffenen, nicht nur über sie!

Es soll keine pro-contra-Kopftuch-Diskussion sein. Sondern vielmehr die Vielfalt an Frauen und Motiven für eine der vielen traditionellen Kopfbedeckungen aufzeigen: Von der Goldhaube über das Kopftuch bis hin zum Schleier, durch alle Religionen, Gesellschaftsschichten oder Epochen. Wer trägt die traditionelle weibliche Kopfbedeckung? Warum bzw. warum nicht? In welcher Form? Wie fühlen sich die Frauen? Haben sie Änderungen durchgemacht? Wie würden sie ein Verbot empfinden? Also einen Einblick in die ganz persönlichen Beweggründe der Frauen für ihre ganz persönliche Entscheidung für oder gegen die Kopfbedeckung.

Wie vielfältig die Betroffenen sind zeigt allein die Auswahl der Gesprächspartnerinnen: Wir werden Geschichten erzählen und Bilder schaffen zur Vielfalt in Österreich.

 

Teilnehmerinnen der Gesprächsrunde:

Arij Abdullah, 19 Jahre, aus Syrien lebt seit 4 Monaten in Andorf und besucht dort die Übergangsklasse für Asylwerberinnen an der Fachschule Andorf.
Arij Abdullah: „Ich trage das Kopftuch, weil ich meine Religion respektiere und es mir persönlich wichtig ist. Der Koran berichtet uns über das Kopftuch in mehreren Suren (Sure Al-Ahzáb Nr. 33 Aya 59 und Sure An-Núr Nr. 24 Aya 31).
Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in einem Land wie Österreich verboten wäre, ein Kopftuch zu tragen. Ich würde das von einem demokratischen Land nicht erwarten. Hier respektiert man die Freiheit der Menschen und der Religion. Es wird nicht unterschieden zwischen Rasse, Religion oder Geschlecht. Das weiß ich über Österreich.“

Zehra Barackilic (heute leider erkrankt), ist Medienkünstlerin, nach dem Abschluss ihres Studiums an der Kunstuniversität Linz. Ihre Tätigkeit: aktuelle Gesprächsthemen in den Medien, Teile ihrer persönlichen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft künstlerisch umzusetzen und so manches zu verarbeiten.
Zehra Barackilic: „Ich trage die Kopfbedeckung schon eine lange Zeit. Damals war es nichts Außergewöhnliches. Meine Bekannten haben es willkommen geheißen, dass ich nun jeden Tag was Buntes auf dem Kopf trug. Meine persönliche Motivation, die Kopfbedeckung zu tragen, ist meine Religion. Ich habe sehr vieles hinterfragt. Durch meinen Glauben, durch das Praktizieren und durch die Überzeugung bin ich zu einem besseren Menschen geworden. Ich habe Ziele, ich habe Wünsche und Forderungen. 
Ich habe durch meine Religion und meine Kopfbedeckung (welche Teil meines Friedens ist) zur Kunst gefunden und Dialog mit Menschen aufbauen können. Durch meine Workshops in Schulen, Vereinen und Organisationen, haben Jugendliche viel gelernt, waren motivierter und haben mich als „role model“ gesehen, auch ihre Wünsche zu verwirklichen. Mit meiner Kopfbedeckung habe ich in der Arbeitswelt Positives bewirken und neues Wissen vermitteln können. Egal welche Religion, Überzeugung oder Aussehen diese Menschen haben, für sie bin ich die Medienkünstlerin.
Mit der Diskussion über das Kopftuch versucht man öffentlich durch „druck-Mittel“ einer Frau zu sagen, wie sie sich in der Öffentlichkeit zu kleiden hat. Das ist nichts anderes, als wenn man eine Frau dazu verpflichtet, das Kopftuch/Kopfbedeckung zu tragen. Mit einem Verbot würde man mir meine Überzeugung und meinen Frieden, den ich mir selbst aufgebaut habe, wegnehmen. Frauen müssen, egal wie ihr „Erscheinungsbild“ sein mag, die Möglichkeit haben, sich in der Gesellschaft zu zeigen, aktiv zu sein, ihr Wissen zu teilen und erfolgreich sein dürfen. Sie kennen mittlerweile meinen Background, was würde ich bei einem Kopftuch-Verbot machen? Was würden Sie mir damit wegnehmen?“

Schwester Angelika Garstenauer, Generaloberin der Franziskanerinnen in Vöcklabruck, erzählt, warum sie sich innerhalb ihres Ordens, der es freistellt, Kopfbedeckung zu tragen, für den Schleier entschieden hat.

Enas Mansour aus Syrien, ist als unbegleitete minderjährige Fremde nach Österreich gekommen und lebt seit Dezember 2015 in einer Wohngemeinschaft für jugendliche Asylwerberinnen von SOS Menschenrechte.
Enas Mansour: „Ich habe mit 14 Jahren selbst entschieden, mein Kopftuch zu tragen. Ich habe davor viel dazu gelesen und bin seither davon überzeugt.“

Sarah Momani arbeitet als Lehrerin beim VSG (Verein für Sozial- und Gemeinwesenprojekte) in Linz und macht ihren Master-Abschluss in "Educational Leadership" an der Donauuniversität Krems. In ihrer Freizeit  unterstützt sie die Jugendarbeit in der MJÖ.
Sarah Momani: „Es ist eine ewige und langweilige Debatte: (Vorwiegend) Männer wollen, wie sooft in der Geschichte, Frauen vorschreiben was sie zu tragen haben - oder eben was sie  nicht zu tragen haben. Um die Thematik gut verkaufen zu können, führt man die Diskussion unter Schlagwörtern wie "Freiheit", "Unterdrückung", "Integration" und "Werte".
Besorgniserregend ist, mit welcher Ernsthaftigkeit das Thema aufgegriffen wird. Meine 85-Jährige Oma erzählt mir gerade noch hässliche Geschichten aus ihrer Jugend, einer Zeit deren Gesellschaft von Hass, Hetze und Ausgrenzung geprägt war und kaum zwei Generationen später unterhalten wir uns allen Ernstes über ein Verbot, das lediglich eine Religionsgruppe unter dem Vorwand der Freiheit und Werte dazu zwingen soll, ein Kleidungsstück abzulegen, welches sie in keiner Weise daran hindert ihrer Arbeit weiterhin qualitativ nachzugehen. Wo sind wir gelandet?“ #MeinKopfgehörtmir

Sara Safarkhani, geboren 1981 in Teheran/ Iran, lebt seit Jänner 2013 in Österreich. Schon im Iran hat sie als Journalistin, Rettungsschwimmerin und Schwimmtrainerin gearbeitet, seit 2014 ist sie auch in OÖ Schwimmtrainerin für Kinder beim Askö Oedt.
Sara Safarkhani: „Ich bin der Meinung, dass das Kopftuch gegen meine Freiheit ist. Ich habe nichts zu verstecken - genau wie ein Mann! Aber trotzdem finde ich, dass es mein Kopf ist, und niemand  das Recht hat über meinen Kopf zu bestimmen!“