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&copy Land OÖ/ Grilnberger

14 Dezember 2016

Lokalaugenschein im Libanon

Wie meistert ein Land, so groß wie Oberösterreich, den Schutz für rund 2 Millionen Flüchtlinge? Gibt es eine Perspektive für 1 Million Flüchtlingskinder?

Ein Land, flächenmäßig so groß wie Oberösterreich, mit rund 4 Millionen einheimischer Bevölkerung, beherbergt aktuell rund zwei Millionen Flüchtlinge. Der Libanon. Damit bietet der Libanon im Verhältnis zur eigenen EinwohnerInnenzahl den meisten Vertriebenen weltweit Schutz, Betroffene sind hauptsächlich SyrerInnen und PalästinenserInnen. 50% der Schutzsuchenden sind Kinder.

Während eines viertägigen Lokalaugenscheins hat sich LR Rudi Anschober einen Überblick verschafft: Wie stemmt ein Land diese Herausforderung? Welche Unterstützung braucht es von der Weltgemeinschaft vor Ort? Ist die Bevölkerung mit an Bord? Welche Belastungen bedeuten ein  plötzliches Bevölkerungsplus von 2 Millionen Menschen für öffentliche Versorgung, Bildungssystem, Arbeitsmarkt? Und kann für die rund eine Million Flüchtlingskinder eine Perspektive geschaffen werden – haben diese eine Zukunft?

 

Tag 1: Fact Finding mit der österreichischen Botschaft im Libanon

  • Der Libanon hat ursprünglich rund 4 Millionen EinwohnerInnen, beherbergt dazu aktuell rund 2 Millionen Flüchtlinge – auf zwei LibanesInnen kommt also ein Flüchtling.
  • Der Libanon ist seit Jahrzehnten von Bürgerkrieg und kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Nachbarstaaten betroffen.
  • Die politischen Ämter werden zwischen Religionen und Clans aufgeteilt, die Bevölkerung hat kaum Vertrauen in die staatlichen Institutionen.
  • Hauptreligionen sind Christen, Sunniten und Schiiten > insgesamt gibt es 18 anerkannte Religionsgemeinschaften
  • Die Arbeitslosenquote unter den LibanesInnen liegt bei 38-40%
  • 1,1 Millionen LibanesInnen leben unter der Armutsgrenze
  • Von den 22,6 Millionen EinwohnerInnen Syriens sind mittlerweile 7,6 Millionen innerhalb des Landes vertrieben, 4,8 Millionen Menschen über die Grenzen geflüchtet – weit über 1 Million davon fand im Libanon Schutz.
  • Die Hälfte der Schutzsuchenden im Libanon sind Kinder.

 

Tag 2: Bildungsprojekte geben Flüchtlingskindern eine Chance

Im Caritas-Vorschulprojekt Beth Aleph in Beirut lernen aktuell libanesische Kinder aus armen Verhältnissen und Kinder mit Fluchthintergrund gemeinsam – und bekommen so eine Chance.

Die Schule St. Vinzenz der Barmherzigen Schwestern in Broumana wurde früher als christliche Privatschule und Internat für bedürftige und von Gewalt betroffene Kinder geführt. Durch die Kriege in den Nachbarländern wurden in den letzten drei Jahren auch Irakis und SyrerInnen aufgenommen. Heute sind 117 syrische Flüchtlinge in die Klassen integriert. Damit sie sicher etwas zu Essen haben, bekommen sie mit den Internatskindern gemeinsam Mittagessen, bevor es am Nachmittag weiter in die Nachhilfe für Französisch, Mathe oder Wissenschaft geht. Auch psychologische Hilfe oder Sprachtherapie steht für die Kinder zur Verfügung. Die Schulleiterinnen sind von der Entwicklung der Flüchtlingskinder beeindruckt: „Zuerst war es für die LehrerInnen harte Arbeit, nachdem im Libanon auch Hauptgegenstände in Französisch und Englisch unterrichtet werden, die syrischen Kinder kaum Fremdsprachen beherrschen. Heute ist das anders: Durch unsere Förderung haben die Kinder rasch die Sprachen erlernt und sind jetzt genauso wie ihre Eltern sehr dahinter: Sie schreiben jetzt richtig gute Noten“.

Schutz für Frauen und Kinder im größten Frauenhaus des Nahen Ostens
Neue Hoffnung zu geben und in einem friedlichen Umfeld ein neues Leben beginnen zu können, diesen Versuch wagen die acht Hauptmitarbeiterinnen des größten Frauenhauses im Nahen Osten, in Rayfoun tagtäglich. Aktuell werden hier über 100 Frauen und deren Kinder betreut, die von schwerer häuslicher Gewalt, sexueller Ausbeutung oder Menschenhandel betroffen waren. Unfassbares Leid und Fassungslosigkeit treffen hier auf das zarte Pflänzchen der Hoffnung auf ein sicheres Leben möglichst weit weg vom bisherigen Gewaltumfeld.

 

Tag 3: Umwelt, Infrastruktur, politisches System vor dem Kollaps? Mittel fehlen!

An der Universität Beirut zeigt Dr. Nadim Farajalla auf, wie sehr Infrastruktur und Umwelt unter dem plötzlichen Bevölkerungsplus leiden und wie sehr der Klimawandel die Situation noch verschärfen kann. Trinkwasser ist extrem knapp, wird aktuell schon aus teils verunreinigten Quellen in Tanklastern verkauft. Trotz entsprechender Gesundheitsgefahr liegt bei Haushalten, Betrieben und öffentlicher Hand noch kein Bewusstsein für Wassersparen oder Umweltschutz vor. Die Müllentsorgung ist zusammengebrochen, teils giftiger Müll lagert gleich neben Straßen oder Siedlungen. Der Klimawandel wird die Situation noch verstärken: mehr Hitze, mehr Dürre, weniger Regen wird die Wasserreserven bald ganz zum Versiegen bringen.

Auch die Stromnetze sind völlig überfordert, tagtäglich um 18 Uhr fällt der Strom aus, weitere Unterbrechungen passieren unvorhergesehen.

Doch bei Gesprächsrunden mit EU-Botschaft und UN-Organisationen zur internationalen Geber-Koordinierung wird deutlich: Geld für die allernötigste Unterstützung fehlt an allen Ecken und Enden, die Fonds zur Hilfe im Libanon sind bei weitem nicht ausreichend – und vor allem nicht nachhaltig gesichert.

 

Tag 4: Immer noch Hoffnung in den Flüchtlingslagern der Bekaa-Ebene

Fährt man über das Libanon-Gebirge hinunter in die Bekaa-Ebene zeigt sich bald die große Fläche, auf der dutzende verschiedene Zeltlager errichtet wurden. Rund 80% der syrischen Flüchtlinge haben sich hier, ein paar Kilometer von ihrer Heimat entfernt, nur von Zelten, Planen und Aludecken gegen die Winter-Schneestürme geschützt, niedergelassen. Sie werden nach wie vor von Hilfsorganisationen mit Lebensmitteln beliefert – sofern es die verfügbaren Mittel der Organisationen zulassen; zahlen für die Grundfläche ihres Zeltes teils mit Elektrizität und Wasser rund 100-300 Euro im Monat. Feste Unterkünfte dürfen sie nicht errichten. Fast alle hier leben illegal im Libanon, die Registrierung können sie sich nicht leisten, somit werden Arbeitssuche, Gesundheitsversorgung oder das Aufeinandertreffen mit Behörden zum Spießrutenlauf.

Viele Flüchtlinge von Kinderbeinen an arbeiten tagsüber für ein paar Dollar in der Landwirtschaft, damit sie ihre Mietkosten begleichen können. Die größte Last hängt an Frauen und Kindern, die rund 78% der BewohnerInnen in den Zeltstädten ausmachen.

Dank der Anstrengungen von UNICEF und anderen Hilfsorganisationen können aktuell rund 200.000 der gesamt 300.000 Flüchtlingskinder in der Bekaa-Ebene eine Schule besuchen – auch, wenn sie illegal im Land sind. Aus Ressourcengründen aber nur im Schichtbetrieb, oftmals nur für wenige Stunden pro Woche, der Transport ist inklusive. Wichtig für die Nachmittagsstunden für Flüchtlingskinder ist nicht nur die Sprach- und Wissensvermittlung bzw. das Aufrechterhalten eines halbwegs normalen Lebens, sondern auch der Kontakt mit den SozialarbeiterInnen in der Schule, die als Brücke zu den Familien arbeiten. Sie versuchen auch die bisherigen von Gewalt geprägten Erfahrungen der Kinder aufzuweichen und durch neue Rollenbilder und Verhaltensmuster zu ersetzen.

Luciano Calestini von UNICEF und Schulleiter Ihsan Araji sind sich einig: „Unsere Investition in diese SchülerInnen ist eine Investition in die Zukunft. Denn diese Generation hier in der Schule wird für den Wiederaufbau in Syrien verantwortlich sein – dafür braucht es Perspektive, Handwerkszeug, Wissen.“

LR Rudi Anschober abschließend: „Es ist gigantisch, was der Libanon und seine Bevölkerung beim Schutz für rund 2 Millionen Flüchtlinge aus den Nachbarländern hier seit Jahre leistet. Klar ersichtlich ist aber auch, dass es nun knapp wird – Wasser wird knapp, Strom fällt aus, die Arbeitslosigkeit steigt für Libanesen drastisch, die einfach durch illegal arbeitende SyrerInnen ersetzt werden, die Mietpreise steigen aufgrund der großen Nachfrage extrem. Das sorgt nach und nach für Spannungen unter der zuerst so aufgeschlossenen Gesellschaft. Für mich ganz klar: Wir müssen die nötige Unterstützung für den Libanon aufbringen, es geht nicht, dass die internationalen Gelder für UN-Projekte abermals nur zur Hälfte gefüllt sind. Denn wenn der Libanon kollabiert, erwächst auch in Europa ein Riesenproblem. Was wir brauchen ist eine historische Kraftanstrengung, mein Ziel ist eine Partnerregion für Oberösterreich im Libanon zu finden, die nicht nur finanziell, sondern auch mittels Wissenstransfer als Hilfe zur Selbsthilfe funktioniert.“