10 Juli 2018

OÖ blüht auf. Für Biene, Vogel, Schmetterling & Co.

Hoher Bodenverbrauch als Ursache für Insektensterben - Aktuelle Trendentwicklung und erforderliche Gegenmaßnahmen in Oberösterreich

Der Bodenverbrauch zählt europaweit zu den größten umweltpolitischen Herausforderungen und er entscheidet über die Zukunft von Biene, Vogel, Schmetterling & Co.– Nun liegen neue Zahlen & Fakten vor: Fast 13 Hektar Boden werden tagtäglich in Österreich verbaut und Natur, Umwelt und Lebensmittelproduktion entzogen. Damit ist der jährliche Zuwachs an Flächenverbrauch zwar leicht gesunken, bleibt aber auf dramatischen Niveau. Ende 2017 waren mehr als 230.000 Hektar Boden in Österreich versiegelt, der Versiegelungsgrad ist seit 2001 um 24 Prozent gestiegen. Pro Oberösterreicher/in sind bereits 297 m² versiegelt. Wenn wir so weitermachen, zerstören wir unsere Lebensgrundlagen. Mit der Kampagne „Oberösterreich blüht auf“ zeigt das Umweltressort die massiven Auswirkungen des Bodenverbrauchs auf, denn der Lebensraum für Bienen, Vögel und Schmetterlinge nimmt mit dem Zuwachs des Bodenverbrauchs und der Flächenversiegelung schrittweise ab. Bienenrettung braucht daher Bodenschutz als zentrale Voraussetzung.

Durch das Umweltressort werden viele Initiativen zum Bodenschutz bereits umgesetzt – von Bodenfunktionskarten über die Bodenbündnis-Gemeinden bis hin zu Förderungen. Doch es fehlt ein einheitlicher bundesweiter Masterplan: Bodenfunktionen müssen in die Gesetzgebung Eingang finden, Industriebrachen und Leerstände müssen genutzt werden und schließlich braucht es ein strategisches Flächenmanagement mit konkreten Zielwerten. Denn wenn uns der Boden ausgeht, dann geht er erst recht den Bienen aus. Je größer die Flächenverluste, desto größer der Nutzungsdruck für die Landwirtschaft, desto weniger Platz bleibt für Bienen, Vögel und Schmetterlinge.

LR Anschober: „Gesunde Böden und extensiv genutzte Flächen sind eine wichtige Säule für unsere Artenvielfalt. Je größer der Bodenverbrauch desto höher der Nutzungsdruck auf die Restflächen für die Lebensmittelproduktion und desto geringer vielfältige Lebensräume für Bienen und Insekten. Um das Insektensterben aufzuhalten müssen wir auch den Bodenverlust stoppen.“

 

Trendentwicklung Bodenverbrauch und Verursacherbereiche

Bodenverbrauch und Bodenversiegelung zählen europaweit zu den großen umweltpolitischen Herausforderungen. Und Österreich liegt hier im negativen Spitzenfeld: Im Jahr 2017 betrug der tägliche Bodenverbrauch 12,4 Hektar – davon beanspruchten Bau- und Verkehrsflächen 5,7 Hektar und Betriebsflächen bei 5,5 Hektar. Im Vergleich dazu liegt der Zielwert der österreichischen Nachhaltigkeitsstrategie bei einem Flächenverbrauch von maximal 2,5 Hektar pro Tag.

In Oberösterreich betrug der Bodenverbrauch (Flächeninanspruchnahme) im Jahr 2017 1.030 Quadratkilometer. Dies bedeutet den dauerhaften Verlust biologisch produktiven Bodens durch Verbauung für Siedlungs- und Verkehrszwecke, Freizeitzwecke oder Abbauflächen. Abbildung 1 zeigt die Entwicklung der letzten Jahre.

Abb. 1: Entwicklung Bodenverbrauch in Oberösterreich (Quelle: Land OÖ)

Zudem zu beachten ist der enorme Anstieg der versiegelten Flächen, d.h. der Boden wird mit einer wasserundurchlässigen Schicht abgedeckt. Von den täglich verbauten Bodenflächen werden 41,2 Prozent versiegelt. Dieser sogenannte Versiegelungsgrad ist seit 2001 um 24 Prozent gestiegen (Abb. 2 und 3.) und liegt für Oberösterreich 2017 bei 42 Prozent, d.h. 297 m² versiegelte Fläche pro Einwohner.

Abb. 2: Entwicklung der Versiegelung in Österreich (Quelle: Umweltbundesamt)

Abb. 3: Versiegelte Fläche/EW in m² (Quelle: Umweltbundesamt/Copernicus Programm)

Den größten Anteil an der Versiegelung haben Verkehrsflächen, vor Bau- und Betriebsflächen. Mit Ende 2017 sind mehr als 230.000 Hektar Boden in Österreich versiegelt, um 43.000 Hektar mehr als im Jahr 2001 (Abb. 4).

Abb. 4: Versiegelung nach Detailkategorien (Quelle: Umweltbundesamt)

 

Es braucht einen Masterplan Bodenschutz

Dieser Entwicklung muss endlich wirksam entgegen gesteuert werden. Dazu braucht es eine bundesweite Steuerung in Form eines Masterplans Bodenschutz, der in den Landesgesetzen zu verankern ist. Denn vielfach ist der notwendige Bodenschutz in den Köpfen angekommen und zu einem Thema geworden, eine konsequente Umsetzung der Maßnahmen findet jedoch noch nicht statt.

 

Aktuelle Grundverkehrsgesetz-Novelle geht nach Meinung des Umweltressorts in die falsche Richtung

Ziel des Oö. Grundverkehrsgesetzes ist die Wahrung öffentlicher Interessen wie u.a. eine geordnete Siedlungsentwicklung, die Sicherung der bäuerlichen Land- und Forstwirtschaft sowie die sparsame, widmungsgemäße Verwendung von Grund und Boden.

Das Gesetz sieht vor, dass der Eigentumserwerb an land- und forstwirtschaftlichen Grundstücken (mit wenigen Ausnahmen) einer Genehmigung durch die jeweilige Bezirksgrundverkehrskommission bedarf. Land- und forstwirtschaftliche Flächen sollen von jenen erworben werden, die diese auch selbst bewirtschaften und nicht als bloße Vermögensanlage dienen.

Kürzlich wurde im Oö. Landtag die Novelle zum Grundverkehrsgesetz beschlossen und damit die eigentlichen Ziele des Gesetzes zum Schutz unserer Flächen gänzlich aufgeweicht:

So wurde eine Bagatellgrenze von 1.000 m² beim Ankauf von land- und forstwirtschaftlichen Flächen eingeführt, wenn diese unmittelbar an Flächen des Erwerbers angrenzen. Bei rund 1.000 Grundverkehrsfällen in Oberösterreich im Jahr bedeutet dies, dass in Zukunft bis zu 100 ha Flächen ohne Prüfung aus der landwirtschaftlichen Nutzung genommen werden können.

Mit der allgemeinen Freigrenze werden die Mitgestaltungsmöglichkeiten zum Bodenschutz aus der Hand gegeben, eine vermehrte nicht-landwirtschaftliche Nutzung von Grundstücken, speziell an Siedlungsrändern wird stattfinden, ein Ausverkauf von Grundstücken in Seeuferschutzzonen ist zu befürchten. Ebenso wird sich der Druck auf die Gemeinden zu weiteren Umwidmungen im Grünland erhöhen.

LR Anschober: „Unter dem Deckmantel der Verwaltungsvereinfachung wird hier Bodenverbrauch weiter liberalisiert und der Spekulation auf unsere wertvollen Flächen Tür und Tor geöffnet. Hatten die Grundverkehrskommissionen bisher ein genaues Auge bei der Genehmigung von Grundverkäufen, sind ihnen nun bei problematischen Fällen die Hände gebunden. Verantwortliche, zukunftsfähige Politik zur Sicherung unserer Ressourcen sieht anders aus!“

 

Kein Platz für Bienen, Schmetterlinge und Co – wann geht uns der Boden aus?

Österreich verliert jährlich 0,5 % seiner Agrarflächen, d.h. in 200 Jahren gäbe es bei Fortschreiten dieser Entwicklung so gut wie keine Agrarflächen mehr in Österreich. Im Vergleich: Deutschland und die Schweiz verbauen 0,25 %, Tschechien 0,17 %.

In den letzten 50 Jahren wurden bereits 300.000 Hektar Felder und Wiesen verbaut – so viel wie die gesamte Ackerfläche Oberösterreichs. Der Wiederaufbau eines 2,5 cm hohen fruchtbaren Bodens dauert rund 500 Jahre. Der zunehmende Bodenverbrauch führt in der Folge zu einem wachsenden Nutzungsdruck für die Landwirtschaft. Je mehr agrarische Gunstlagen verloren gehen, desto stärker der Druck auf die übrigen Agrarflächen, sowohl in der Intensität als auch der Quantität. Dies bewirkt eine Zerstörung und Verringerung von naturnahen Lebensräumen wie Bienenweiden und Brachflächen.

Dazu Renate Leitinger: „In Zukunft verstärkt sich der Druck auf die noch vorhandenen landwirtschaftlichen Flächen immer mehr, um unseren Bedarf an Lebensmitteln, Futtermitteln, nachwachsenden Rohstoffen und Bioenergie anbauen zu können. Hinzu kommt, dass der Siedlungsdruck im Zentralraum und damit die Verbauung, wo wir unsere besten Böden haben, besonders hoch ist.“

 

Maßnahmen in Oberösterreich zum Bodenschutz

  • Bodenfunktionskarten: Erstmals in Österreich können oö. Gemeinden flächendeckend die Leistungen ihrer Böden sichtbar machen, z.B. hinsichtlich Abflussregulierung oder Landwirtschaft, sodass die Karten als Grundlage der Raumplanung in Gemeinden und Ländern dienen sollen.
  • Ausbildung zu kommunalen Raumplanungs- und Bodenbeauftragten durch das Klimabündnis OÖ, mit dem Fokus: Werkzeuge zum Bodensparen der örtlichen Raumplanung, Parkplatzlösungen ohne Asphalt, bodenkundliche Baubegleitung.
  • Workshops für Gemeindevertreter/innen, Schulen, Interessierte
  • Förderaktionen für „Rasengittersteine“ sowie für „Schotterrasen für eine bodenschonende Oberflächenbefestigung“
  • 7 Bodenlehrpfade zum sanften Erlernen der Boden-Funktionen
  • Vernetzung und Öffentlichkeitsarbeit zum Thema, etwa auch durch Broschüren wie „Garteln ohne Gift“
  • Unterstützung Bodenbündnis OÖ: In Oberösterreich sind bereits 66 Organisationen, darunter 58 Gemeinden Mitglieder des Bodenbündnisses und arbeiten aktiv an Bewusstsein für den Schutz der endlichen Ressource Boden.

 

Gemeinsame Wende für Bodenschutz, Artenschutz und Landwirtschaft

Im Juni tagte das Europäische Bodenbündnis in Stuttgart, in seiner Jahreserklärung werden die Forderungen und notwendigen Weichenstellungen klar zusammengefasst:

Gemeinsame Lösungen für Bodenschutz, Artenschutz und Landwirtschaft sind gefragt. Es braucht neue Bewertungsverfahren, innovative Konzepte und den Blick über den Tellerrand des eigenen Fachgebietes – das Schutzgut Boden muss, einen wesentlich höheren Stellenwert erhalten. Während in der Schweiz bereits eine Trendwende eingeleitet ist, wurde dies in Deutschland und Österreich noch nicht geschafft.

LR Anschober: „Das Wissen um den Wert unserer Böden ist da, die Ziele sind formuliert, die Ideen liegen am Tisch – deshalb mein Appell an die Bundesregierung, den im Regierungsprogramm angekündigten Masterplan gegen Bodenversiegelung nun dringlich umzusetzen, damit wir die Lebensgrundlage für unsere Kinder und weitere Generationen sichern.“

Für Oberösterreich braucht es zusätzlich ein neues Raumordnungsgesetz, eine bessere Mobilisierung von bestehendem Bauland statt Neuwidmung, ein effizientes Nutzungskonzept für Industriebrache, Vorrangflächen für Bodenschutz und die Revitalisierung von Ortskernen.