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29 Juni 2017

Schulschluss auch für rund 2.000 schulpflichtige Flüchtlingskinder in Oberösterreich – Bilanz und Ausblick

Der Schulschluss steht vor der Tür – auch für die rund 2.000 Kinder und Jugendlichen mit Fluchthintergrund, die derzeit in Oberösterreich die Schule besuchen. Kinder im schulpflichtigen Alter haben ab Tag 1 in Österreich auch das Recht auf Schulunterricht. Gerade die letzten zwei Schuljahre, in denen die aktuelle Fluchtbewegung ihren Höhepunkt fand, waren Pädagog/innen, Schulen und Behörden gefordert, auch die schulische Integration möglichst rasch, möglichst dezentral und zum Wohle der Kinder zu verwirklichen. Dies ist in Oberösterreich durch enge Zusammenarbeit sehr gut gelungen.

Landesrat Rudi Anschober: „Kinder sind unsere Zukunft, gerade bei jenen, die mit so jungen Jahren oftmals Einschneidendes miterleben und ihre Flucht meistern mussten, haben wir es in der Hand, wieder eine Perspektive zu geben und den Grundstein für ein erfolgreiches Leben in Österreich zu legen. Danke an alle, die auf dem Weg der schulischen Integration mithelfen, allen voran ein großes Dankeschön allen Pädagoginnen und Pädagogen, die die neue Herausforderung tagtäglich toll meistern und neben Wissen auch Sprache, Orientierung und sozialen Halt mitgeben. Schule und Kindergarten, das sind die Orte, an denen Integration in OÖ am besten gelingt.“

Seit Anfang 2015 sind fast 20.000 Asylwerber/innen nach OÖ gekommen. Aktuell leben 11.950 Menschen in der Grundversorgung von Land und Bund bzw. im Privatverzug in Oberösterreich. Von den Landesgrundversorgten leben rund 7.300 Männer und 4.300 Frauen in 450 Quartieren, ihre Alters- und Herkunftsstruktur zeigen die Tabellen unten:

Ein paar hundert der gesamt 779 Kinder von 3-6 Jahren sind in Oberösterreich schon in die Kindergärten integriert.

 

Flüchtlinge im österreichischen Schulsystem

Laut Zahlen des Bildungsministeriums vom Jänner 2017 sind derzeit in ganz Österreich rund 15.000 Flüchtlingskinder in Pflichtschulen. Nach Wien (ca. 4.300 Schüler/innen) und Niederösterreich (3.200 Schüler/innen), liegt Oberösterreich an dritter Stelle mit gesamt rund 2.100 Schüler/innen in den Schulstufen 0 (Vorbereitungsklasse) bis 9. Die Mehrheit der oö. Schüler/innen mit Fluchthintergrund besucht noch die Volksschule (ca. 1.200), 800 die mittlere Schule.

Oberösterreich geht hier einen tollen Weg: Durch das Recht auf Schulbesuch schon für schulpflichtige Kinder und Jugendliche vor deren Asylbescheid und eine breite, dezentrale Verteilung in den bestehenden Klassen starten die Kids gleich ab Tag 1 mit Spracherwerb und Lernen durch. Gleichzeitig werden in der Schule Haltungen und Orientierung unserer Gesellschaft ganz automatisch vermittelt, die Kids bauen ihr eigenes soziales Umfeld auf, werden in der Mehrheitsgesellschaft verankert. So wird ein gutes Ankommen in unserer Gesellschaft geebnet, rascher Spracherwerb und Bildung öffnen Zukunftsperspektiven und gleichzeitig ist dies der wichtigste Ansatz zur Prävention von Radikalisierung der Jugendlichen.

 

Landesschulrat OÖ: Aktuelle Situation in der Beschulung von Flüchtlingen (Stichtag: 26.06.2016)

  • insgesamt 1537 Flüchtlingskinder im schulpflichtigen Alter
    (VS: 764, NMS/PTS: 773)
  • zusätzlich nicht mehr schulpflichtig: 564 (bis 18. Lebensjahr)
  • zusätzlich noch nicht schulpflichtig: 841 (ab 3. Lebensjahr)

Unser Grundsatz: LSR OÖ geht lösungsorientiert, professionell und pragmatisch an die Sache heran.

 

Stabsstelle am LSR eingerichtet

Es wurde eine Stabsstelle am LSR OÖ (Pädagog/innen, Psycholog/innen, Jurist/innen, Schulaufsicht) eingerichtet, Chefkoordinator ist LSI Werner Schlögelhofer, zur Planung und Steuerung sowie Koordination bei auftretenden Problemen.

Auf Basis einer Liste mit allen schulpflichtigen Kindern mit aktuellem Flucht-Hintergrund ist die Einschulung vor allem im Bereich der Allgemeinbildenden Pflichtschulen (APS) passiert – und trotz großer Herausforderung in den letzten zwei Schuljahren sehr gut gelöst worden.

 

Umfangreiche Sprachförderung als Mittel zur Integration

Allen Beteiligten ist bewusst: Ausreichende Deutschkenntnisse sind die Basis für das Gelingen des Unterrichts und auch die Voraussetzung für die Integration dieser Kinder und Jugendlichen. Sie haben einen besonderen Förderbedarf. Sie sind zunächst oft kaum in der Lage zu kommunizieren, weil sie außerhalb ihrer Gruppe niemand haben, der sie versteht. Erst dann, wenn sie einigermaßen Deutsch können, funktioniert die Kommunikation.

Wir treten in dieser Frage gegen die drohende Sprachlosigkeit der Flüchtlingskinder ein. Es geht darum, mit speziellem Sprachunterricht zu verhindern, dass diese Kinder in Ghettos gedrängt werden bzw. auch darum, sie aus Ghettos herauszuholen, wenn solche entstehen.

Nach Erfahrungen – auch mit anderen Kindern mit Migrationshintergrund in Oberösterreich – benötigen die Flüchtlinge ein enorm hohes Maß an Zuwendung und Deutschförderung, bis der Großteil von ihnen dem Unterricht gut oder sehr gut folgen kann.

Der Großteil der schulpflichtigen Kinder aus dem arabischen Raum muss zudem erst alphabetisiert werden, weil die allermeisten in Wort und Schrift nur ihre arabische Sprache erlernt haben.

Die Pädagog/innen haben aber reichlich Erfahrung bei der Sprachschulung von Kindern, die noch kein Wort Deutsch oder Englisch sprechen. Das war in vielen Klassen bereits vor dieser außergewöhnlichen Flüchtlingsbewegung Alltag.

 

Lösungen vor Ort

Schulleiter/innen und Lehrer/innen gehen sowohl mit pädagogischer als auch mit organisatorischer Professionalität an die Sache heran. Die Beschulung der Flüchtlingskinder erfolgt im Pflichtschulbereich vor allem integrativ an jener Schule, in deren Sprengel das Kind untergebracht ist

  • keine Zentralisierung
  • keine langen Schulwege
  • altersgemäße Betreuung (max. 1 Jahr zurück)
  • wichtig für soziale Integration
  • wichtig für Berufs- bzw. Bildungsperspektive
  • wichtig für Spracherwerb – bei Kindern erfolgt 70 % des Sprachenlernens im ungelenkten Spracherwerb, nur 30 % durch dezidierten Sprachunterricht

 

Ausgereiftes Bildungskonzept

Oö. Schulen haben ein ausgereiftes Bildungskonzept für Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache – langjährige Erfahrungen durch frühere Krisen, die verstärkte Migration ausgelöst haben, bzw. durch laufende Binnenmigration (vor allem im Zentralraum):

  • keine Unterscheidung in Bezug auf den Asylstatus
  • keine klare Unterscheidung in Bezug auf das Herkunftsland
  • Alphabetisierung (tw. Hilfe durch VS-Lehrer/innen am Schulstandort)
  • Unterscheidung Umgangssprache – Hochsprache – Bildungssprache
  • bis zu 2 Jahre außerordentliche/r Schüler/in nicht deutscher Muttersprache
  • anschließend bis zu 4 Jahre ordentliche/r Schüler/in nicht deutscher Muttersprache
  • einerseits Erlernen der deutschen Sprache (sowohl ungelenkt, als auch dezidiert)
  • andererseits sprachsensibler Unterricht in allen Unterrichtsfächern
  • integrative Sprachförderung
  • Sprachförderkurs parallel zum Unterricht ab 8 Kindern im Ausmaß von 11 Stunden/Woche (ungelenkten Spracherwerb beachten: ME, BE, WE, BSP, …)
  • bei geringerer Anzahl Einzelförderstunden
  • bedarfsgerechte Vergabe dieser Ressourcen über LSR
  • max. 2 Stunden dezidierter Sprachunterricht pro Tag + ev. 1 Förderstunde pro Woche
  • insgesamt auch 5 Standorte mit offenen Sprachklassen (VS 2, NMS 3)
  • temporär in offener Sprachklasse, dann integrativ in Regelklasse
  • bestehendes System (z.B. Linz) hat uns einerseits bei der Flüchtlingsthematik geholfen
  • andererseits neue Klassen (z.B. Bad Kreuzen) in Unterbringungsorten mit großer Fluktuation
  • Lehrer/innen mit Zusatzausbildung Deutsch als Zweitsprache
  • ein/e verantwortliche/r Lehrer/in für Sprachförderung an jedem Schulstandort
  • ein/e verantwortliche/r Lehrer/in als Expert/in in jeder Bildungsregion (Austausch, Koordination, Fortbildung, professionelle Lerngemeinschaft)– Lehrgang an der PHOÖ

 

Zusätzliche Ressourcen

  • heuer keine Relevanz, da kein Anstieg der Flüchtlingszahlen während des Schuljahres
  • keine einzige Stunde aus dem regulären Stellenplankontingent
  • keine Benachteiligung „unserer“ Schüler/innen

 

„Brückenklassen“ für nicht mehr schulpflichtige Flüchtlingskinder/-jugendliche

  • zwei unterschiedliche Lehrgangstypen: Lehrgang zur Vorbereitung auf den Einstieg in mittlere/höhere Schulen bzw. in das duale System bzw. Lehrgang zur Vorbereitung auf den Pflichtschulabschluss
  • entsprechende Lehrpläne für jeden der beiden Lehrgangstypen
  • Finanzierung über BMB an Bundesschulen
  • Kooperation mit Pflichtschulen (2 NMS, 2 PTS)
  • 11 Standorte (222 Schüler/innen) zur Vorbereitung auf mittlere/höhere Schulen
  • 8 Standorte (173 Schüler/innen) zur Vorbereitung auf den Pflichtschulabschluss

 

Erwachsenengerechter Pflichtschulabschluss

  • erwachsenengerechte Form
  • Attraktivitätssteigerung und bessere Zielgruppenerreichung
  • Nachhaltige Stärkung der Schlüsselkompetenzen von bildungsbenachteiligten Personen
  • Verbesserung der Chancen am Arbeitsmarkt
  • Beitrag zur Integration und positiv erlebter Interkulturalität
  • Prüfungsumfang: 4 Pflichtfächer + 2 Wahlfächer
  • Erwachsenengerechter Pflichtschulabschluss: insgesamt 6 Prüfungsfächer
  • Externistenprüfung bisher: 13 Prüfungsfächer
  • 4 Pflichtfächer:
    • Deutsch – Kommunikation und Gesellschaft
    • Englisch – Globalität und Transkulturalität
    • Mathematik
    • Berufsorientierung
  • 4 Wahlfächer (2 zu wählen):
    • Kreativität und Gestaltung
    • Gesundheit und Soziales
    • Weitere Sprachen
    • Natur und Technik
  • Prüfungskommission an einer Neuen Mittelschule
  • Kooperation mit Erwachsenenbildung
  • kein „Geschenk“, sondern klarer Nachweis der geforderten Kompetenzen erforderlich

 

Weitere Unterstützungsangebote für Lehrer/innen vom Landesschulrat

  • Handout der Schulpsychologie für Lehrer/innen – Umgang mit Traumatisierung (soziales Engagement der Lehrer/innen)
  • Leitfaden zum Thema Sprachförderung / sprachsensibler Unterricht
  • Liste mit Kontaktdaten von Ansprechpersonen der zuständigen unterstützenden Organisationen
  • Kooperation mit der PH OÖ und der PH der Diözese Linz – Fortbildungsangebote bzw. Beratungszentrum an der PHDL
  • Linksammlung für Unterrichtsmaterialien
  • Sprach-Lern-App
  • interkulturelles Beratungsteam: 8 Lehrer/innen (Muttersprachenlehrer/innen) mit eigenem Aufgabenprofil „rund um die Schule“ – Anforderung über Bildungsregion
  • mobiles interkulturelles Team (BMBF): 10 Personen (Pädagog/innen, Psycholog/innen, Sozialarbeiter/inn) – Start im April 2016 – Ergänzung unseres IKBT

 

Unterstützung durch externe Partner

  • viele freiwillige, sozial engagierte Personen im Betreuungseinsatz am Schulstandort
  • OÖ-weites Netzwerk pensionierter Lehrer/innen (organisiert über CLV)

Landesschulinspektor Werner Schlögelhofer: „Lernerfolge lassen sich nicht erzwingen. Hier ist viel Geduld nötig – sowohl von Seiten der Kinder und Eltern, als auch der Lehrpersonen. Den Kindern muss die nötige Zeit gegönnt werden, damit sie die deutsche Sprache lernen. Besser sie erreichen die Lernziele später, als sie verlieren durch mangelnde Erfolge die Freude am Lernen. Die Lehrer/innen engagieren sich mit hoher fachlicher und sozialer Kompetenz.“

 

Konkrete Erfahrungen aus dem Schulalltag – zwei Direktorinnen berichten:

  • Christine Huber, NMS 12 Harbachschule Linz: Lehrgang für jugendliche Flüchtlinge
  • Irmgard Thanhäuser, VS Ottensheim

 

Ausblick von Integrations-Landesrat Rudi Anschober

„Der Bildungsbereich ist eine der Säulen offensiver Integration. Für das Gelingen von Integration muss es unser Bestreben sein, bestehende Barrieren wegzuräumen. Bildung darf kein Privileg sein, sondern muss für alle zugänglich sein. Daran arbeiten wir derzeit gemeinsam“, so Integrations-Landesrat Rudi Anschober.

 

Erfolg: Freiwilliges 10. Schuljahr für ao. Schüler/innen beschlossen

Ein großer Erfolg für die Bestrebungen von LR Anschober und Landesschulrat OÖ ist die gestern im Nationalrat beschlossene Veränderung des Schulautonomiegesetzes hinsichtlich einer Legalisierung des freiwilligen 10.Schuljahres für Flüchtlingskinder als außerordentliche Schüler/innen. Mit Schulstart im September sollte das freiwillige 10. Schuljahr nun also allen offen stehen.

 

Im Gesetzestext heißt es dazu:

Höchstdauer des Schulbesuches

§ 32. [...]

(2a) Schüler, die während der Schulpflicht oder nach Weiterbesuch der Schule in einem freiwilligen zehnten Schuljahr § 18 des Schulpflichtgesetzes 1985) die 4. Klasse der Hauptschule oder der Neuen Mittelschule oder die Polytechnische Schule nicht erfolgreich abgeschlossen haben, dürfen in einem freiwilligen zehnten bzw. elften Schuljahr die Hauptschule, die Neue Mittelschule oder die Polytechnische Schule mit Zustimmung des Schulerhalters und mit Bewilligung der zuständigen Schulbehörde besuchen, sofern sie zu Beginn des betreffenden Schuljahres das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet haben.

Dem § 32 Abs. 2a wird folgender Satz angefügt:

„Unter denselben Bedingungen sind Schüler, die eine im ersten Satz genannte Schule im neunten Jahr der allgemeinen Schulpflicht als außerordentliche Schüler beendet haben, berechtigt, die Schule ein weiteres Jahr zu besuchen.“

 

Weitere Forderungen bzw. Bestrebungen

  • Gleichstellung von Lehrlingen mit Flucht-Hintergrund und österreichischen Jugendlichen bei Lehrlingstickets durch die Bundesregierung, damit die Anfahrt zu Berufsschule bzw. Arbeitsplatz kostengünstig bzw. kostenlos möglich ist
  • Qualifizierungspaket: Haben wir aktuell in Oberösterreich das Angebot von jährlich 500 Basisbildungsplätzen und 240 Plätzen für den Pflichtschulabschluss, so zeigen die hochgerechneten Bedarfe aus den ersten in OÖ durchgeführten Qualifizierungschecks, dass wir den Bedarf für 3.500 Basisbildungsplätze und 2.000 Pflichtschulabschlüsse haben würden.
  • Achtung auf das Wohl des Kindes auch bei Abschiebungen durch die vollziehenden Behörden, es kann z.B. nicht sein, dass Kinder kurz vor Zeugnisverteilung aus dem Regelunterricht rausgerissen werden, kein Zeugnis bekommen, sich nicht verabschieden können.