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3 Oktober 2017

So funktioniert Integration! OÖ als Modellregion für Asylwerbende in Lehre

aktuelle Zwischenbilanz der Erfolgsgeschichte – die ersten weiblichen Lehrlinge berichten, Vorschau auf Österreichs erste Lehrlingskonferenz für Asylwerbende

Erfolgsgeschichte: Bereits 264 junge Asylwerbende in Oberösterreich schaffen eine Lehre in Mangelberufen, um möglichst rasch den Fuß in Ausbildung und auf den Arbeitsmarkt zu setzen – und somit ein selbstbestimmtes Leben zu starten. Darunter sind auch 13 Mädchen, zwei Beispiele werden heute geschildert. Das ist ein toller Erfolg des Netzwerks Integration, v.a. aber natürlich von jeder/m Lehrling und den engagierten Unternehmen.

Durch Forderungen an die Bundesregierung, v.a. zum Abbau von Hürden, wie der fehlenden Freifahrt zu Berufsschule und Lehrstelle oder der Abschiebe-Möglichkeit ohne Anerkennung der geleisteten Integration, will LR Anschober die Chancen durch Lehre noch viel stärker ausbauen – Chancen für die Lehrlinge, aber auch Chancen für die heimische Wirtschaft, die ihre Stellen in Mangelberufen oft nicht besetzen kann. Dies zeigen aktuell 1.160 offene Lehrstellen in Mangelberufen in OÖ.

Lehrstellen für Asylwerbende bringen also für alle eine Chance: für die Betroffenen ist es ein Riesenschritt in Richtung Integration, es werden Lebensperspektiven geschaffen, es entstehen Freundschaften und Know-how und es werden die Deutschkenntnisse weiter verbessert. Und die Wirtschaft erhält in Bereichen mit großem Lehrlingsmangel engagierte neue Mitarbeiter/innen.

Österreichs erste große Lehrlingskonferenz in Linz am 5. Oktober soll Asylwerbende in Lehre mit Unternehmen und Einrichtungen zusammenbringen, um Interessierten die Chancen, Abläufe und kleine Schwierigkeiten näher zu bringen, um diese Möglichkeit zu bewerben und die positiven Seiten für Betroffene, Gesellschaft, Unternehmen und Volkswirtschaft darstellen sowie eine Vernetzung zu starten.

LR Anschober: „Fast täglich legen wir mit neuen Lehrstellen zu, mein Ziel ist es, diesen erfreulichen Trend weiter zu verstärken und bis Ende 2018 500 Asylwerbende in Lehrstellen zu bringen. Die Lehrlingskonferenz soll dazu einen wichtigen Impuls liefern und vor allem die Wirtschaft (in Mangelberufen) ermutigen und weiter motivieren!"

 

Integration von Asylwerbenden und Asylberechtigten am Arbeitsmarkt: Hintergrund

Asylwerbende dürfen – mit Ausnahme von 7 Teilbereichen – nicht arbeiten während ihrer Wartezeit auf einen Asylbescheid, dies ist in Österreich, anders als in anderen EU-Ländern bundesweit so festgesetzt.

Die sieben Ausnahme davon, also die Arbeits- und Beschäftigungsmöglichkeiten während des Asylverfahrens sind: Hilfstätigkeiten im Asylquartier, Saisonarbeit, Selbstständige Tätigkeit, Gemeinnützige Tätigkeiten, Lehre für Jugendliche bis zum vollendeten 25. Lebensjahr, Volontariate sowie Ferial- und Berufspraktika und Dienstleistungsschecks für Asylwerber/innen, der in Oberösterreich schon von rund hundert Personen pro Monat genutzt wird.

Haben Flüchtlinge einen positiven Asylbescheid, sind Asylberechtigte, entsteht ihnen voller Zugang zum Arbeitsmarkt. Die erste Job-Suche ist oftmals eine Herausforderung, auch, wenn durch Deutschkurse ab Tag 1 die Sprachbarriere schon verringert ist und umfassende Beratungsangebote z.B. des AMS OÖ – etwa www.wegweiser-integration-arbeit.at, eine mehrsprachige Info-Broschüre zum Arbeitsmarkt oder die AMS-Jobbörse für Lehrlinge zur Verfügung stehen.

Die aktuellen Arbeitsmarkt-Daten des AMS OÖ zeigen für Asylberechtigte und Subsidiär Schutzberechtigte, also jene Gruppe, die für den Arbeitsmarkt insgesamt zugelassen ist, folgende Suchende mit Ende September:

  • 1.782 Personen sind als arbeitslos gemeldet, über 800 davon mit Herkunft Syrien, davon knapp 700 Frauen und 1.100 Männer,
  • 1.180 Personen sind in Schulung,
  • 68 junge Asylwerbende und Subsidiär Schutzberechtigte suchen eine Lehrstelle.

 

Oö. Erfolgsgeschichte: Asylwerbende in Lehre

Die Beschäftigung bedarf einer Beschäftigungsbewilligung durch das AMS, die Lehre ist nur in Mangelberufen möglich.

In Oberösterreich wird dies bereits sehr gut angenommen: 264 junge Asylwerber/innen machen aktuell eine Lehre in Mangelberufen in Oberösterreich (von 685 österreichweit). Darunter sind 182 Personen aus Afghanistan, 18 Personen aus dem Irak und 12 Personen aus Syrien. Besonders erfreulich: Aktuell sind schon 13 Lehrmädchen.

Hinsichtlich der regionalen Verteilung der Asylwerbenden in Lehre sind besonders folgende Bezirke hervorzuheben: Linz mit 40 Personen, Gmunden mit 26, Rohrbach mit 25, Perg mit 21 Lehrlingen mit laufendem Asylverfahren.


Die Verteilung der Lehrstellen in Mangelberufen auf Asylwerbende:

Quelle: AMS OÖ, Stand 2.Oktober 2017

Nach Wirtschaftssektoren teilen sich die Lehrlinge auf 43% im Handel und Gewerbe, 36% in der Gastronomie und 21% auf die Industrie auf.

Obwohl Oberösterreich hier schon sehr gut arbeitet, ist immer noch ein sehr großes Potential offen: 816 weitere Lehrlings-Mangelstellen in OÖ sind als frei und sofort verfügbar beim AMS gemeldet, mit jenen schon vorgemeldeten Lehrstellen, die zu einem späteren Zeitpunkt besetzt werden können sind es 1.160 offene Stellen. Die Branchen: Gastronomie, Lebensmittel-Einzelhandel sowie Metall- und Elektrotechnik und Friseur/in.

 

Erfahrungsbericht: Zwei der 13 oö. Lehrmädchen & ihre Arbeitgeber erzählen

Modehaus Kutsam: MMag. Johannes Behr-Kutsam und Shehab H.

Shehab H. ist seit 1. Juli als Lehrling beschäftigt. Wir hatten nicht aktiv nach einem Lehrling gesucht. Eine Freiwillige aus Bad Hall hatte uns im Frühjahr gefragt, ob wir H. ein "Volontariat" ermöglichen würden. H. war dann 3 Monate als Volontärin bei uns im Haus und hat sich als engagiert und lernwillig gezeigt. Aufgrund der zu Beginn eingeschränkten Sprachkenntnisse half H. hauptsächlich in der Logistik. Die Annahme von Paketen, die Auszeichnung von Ware gehören zu ihren Aufgaben. Im Geschäft geht sie freundlich und offen auf Kunden zu, wenn auch die Sprache für ein ausführliches Beratungsgespräch noch nicht reicht. Ich bin überzeugt, dass H. durch die Arbeit bei uns täglich mehr Deutsch und österreichische Kultur lernt, als sie in jedem Kurs lernen könnte und dass sie schon bald auch Kundengespräche wird führen können. 

 

Alten- u. Pflegeheim Bad Goisern: Küchenleiter Heinz Müller &Morsal

Morsal ist 18 Jahre alt, stammt aus Afghanistan, lernt seit einem Jahr Köchin im Evang. Alten- und Pflegeheim Bad Goisern. Über ein Praktikum während der Schule hat sie Gefallen an einer Kochlehre gefunden – mit Unterstützung von Küchenleiter Heinz Müller.

„Wenn man gar nicht weiß, wie lange das Asylverfahren dauert, wie lange man auf Interview und Bescheid warten muss, ist das sehr belastend. Unser Verfahren dauerte fast 4 Jahre, wir haben zuerst 2,5 Jahre auf’s Interview gewartet und dann nochmals 1 Jahr und 2 Monate auf den Bescheid, der letzte Woche positiv gekommen wurde.

Ich bin jetzt sehr froh, einen Beruf zu erlerne, mit dem ich in Zukunft gute Arbeitschancen habe und gut leben kann.“

Heinz Müller: „Schon der Info-Abend für Bad Goisern fand in unserem Haus statt – vor nun fast 3 Jahren, da gab es ein erstes Zusammentreffen mit den Asylwerber/innen und ich hatte von Anfang an keine Berührungsängste. In der Lehrlingsausbildung habe ich gewisse Vorstellungen, auf die ich großen Wert lege – das gilt für einheimische wie für „zuagroaste“ Lehrlinge gleichermaßen. Ich verlange neben grundlegenden Werten wie Höflichkeit und Pünktlichkeit auch „gut zuhören“, Freude am Lernen, Interesse und vor allem TEAMGEIST – gerade jetzt habe ich Morsal zum Seminar „Teamplayer“ spezielles Seminar für Lehrlinge angemeldet, eben, weil es mir so wichtig ist!“

Morsal hat ihre Chance vom Küchenchef und Heimleiter ergriffen und bisher toll umgesetzt. Besonders hervorheben möchte ich noch, dass Morsal die erste Klasse Berufsschule mit ausgezeichnetem Erfolg abgeschlossen hat,  für mich als Ausbildner eine große Freude! Immerhin muss sie dem Unterricht in Nicht-Muttersprache und mit wenig relevanter Schulbildung im Heimatland folgen!

Ich ertappe mich manchmal dabei, völlig zu vergessen, dass Morsal ja eigentlich einen schwereren Start ins Erwachsenen- und Berufsleben hat als andere Jugendliche, die in ihrem ewig gleichen Umfeld leben können. Als riesige Belastung stelle ich mir vor, dass Morsal sicher immer wieder an einen möglichen Bescheid dachte.

Und genau das ist auch mein größtes Problem– an dem Morsal aber natürlich gänzlich unschuldig ist! Im Vergleich mit einheimischen Jugendlichen muss auch ich immer damit rechnen, dass mir mein Lehrling mitten in der Lehrzeit – und dann womöglich noch sehr kurzfristig – abhanden kommen könnte!  Ich bilde sie aus, stecke all meine Motivation und mein Interesse hinein, dass Morsal auch wirklich viel und gut lernt, zeige ihr alle meine Fertigkeiten und möchte ihr auch meine Tipps und Tricks mitgeben auf ihrem  3-jährigen Berufsweg.
… und dann kommt eventuell ein negativer Bescheid und sie muss die Lehre abbrechen und zurück gehen nach Afghanistan…

Abgesehen davon, dass das unmenschlich diesem Mädchen gegenüber ist, müsste auch ich wieder ganz von vorne – nämlich mit der mühseligen Lehrlingssuche – beginnen. Alle Mühen und Monate/Jahre wären dann umsonst gewesen!

Ich würde mir schon sehr wünschen, dass im Falle einer genehmigten Lehre diese auch beendet werden könnte. Da braucht es sicher geeignete Rahmenbedingungen, auch im Sinne der Mangelberufe – da sind unsere Politiker gefordert!

Abschließend ist es mir ein Anliegen, eines zu sagen: Jeder, der Lehrlinge sucht, sollte auch den Asylwerber/innen eine faire Chance geben, sich zu beweisen. Oftmals hat man Angst vor dem Fremden… aber das lässt sich ganz leicht überwinden… gehen wir alle offen auf diese Menschen zu und lassen sie zeigen, wozu sie imstande sind… positive Überraschungen inklusive!

 

Vorschau: Erstmals große Lehrlingskonferenz für Asylwerbende am 5. Oktober

Auch die heutigen Beispiele zeigen also: in der Wirtschaft besteht eine große Nachfrage für Lehrlinge in Mangelberufen. In diesem Bereich ist auch für Asylwerber/innen der Zugang zum österreichischen Arbeitsmarkt möglich und Oberösterreich ist mit aktuell bereits 264 Lehrlingen an der Spitze der Bundesländer. Aber hunderte weitere Lehrstellen wären möglich – zum Nutzen der Betroffenen, der Integration und der Wirtschaft.

Den aktuellen Weg, Möglichkeiten eines weiteren massiven Ausbaus, den Abbau von noch bestehenden Hürden sowie eine umfassende Vernetzung sind Teil der ersten großen Lehrlingskonferenz für Asylwerbende am 5. Oktober 2017 ab 18:00 Uhr in den Linzer Redoutensälen.

 

LR Anschober freut sich, dass u.a. folgende Expert/innen mit dabei sind:

  • Dr. Johannes Kopf LL.M., Vorstand des AMS Österreich
  • Iris Schmidt, Stv. Landesgeschäftsführerin AMS OÖ
  • Mag. Rudolf Moser, Abteilung Wirtschafts-, Sozial- und Gesellschaftspolitik der AK OÖ
  • Mag. Harald Wolfslehner, Leiter Abteilung BIPOL der WKO OÖ
  • Mag. Friedrich Dallamaßl, Leiter Lehrlingsstelle der WKO OÖ

LR Rudi Anschober zusammenfassend: „Ich freue mich, dass wir in Linz am Donnerstag erstmals in Österreich verschiedenste Expert/innen aus dem Bereich der Lehre für Asylwerbende zusammenholen können: von jungen Asylwerbenden, die aktuell schon eine Lehre machen, Vertreter/innen von Unternehmen, die hier diese Chance geben und nutzen bzw. interessiert sind, über NGOs und Gemeindevertreter/innen bis hin zu den Sozialpartnern, der Landesbehörde und dem AMS. Unter all diesen ist in OÖ ein tolles Netzwerk entstanden, das für eine rasche Integration arbeitet. Und wenn ein junger Asylwerbender erstmal eine Lehrstelle hat, dann ist die Integration doch quasi schon gelungen! Ich möchte daher die Lehrlingsoffensive massiv ausbauen und appelliere an die Bundesregierung, noch bestehende Hürden, wie etwa bei der Freifahrt, endlich abzubauen!“