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22 Juni 2017

Wie die Integration am Arbeitsmarkt gelingt und was sie behindert: Lehre als Beispiel für die Öffnung des Arbeitsmarktes vor dem Asylbescheid

OÖ als Modellregion für junge Asylwerbende in Lehre – aktueller Stand, Positivbeispiele in OÖ, Forderungen & neue Initiativen

Der Zugang zum Arbeitsmarkt ist der Schlüssel zur Selbständigkeit und zur Integration von Flüchtlingen. Asylverfahren dauern meistens Jahre, dennoch ist Asylwerbenden vor ihrem Asylbescheid – miteinigen Ausnahmen – Arbeiten verboten. LR Anschober kämpft seit Monaten bei der Bundesregierung für einen besseren Zugang zur Beschäftigung. Gelungen ist mittlerweile eine Legalisierung des Volontariats, die Öffnung des Dienstleistungsschecks, die Ausweitung der gemeinnützigen Tätigkeiten. Möglich sind auch Lehrstellen in Mangelberufen für junge AsylwerberInnen bis 25. In OÖ werden diese Möglichkeiten bereits gut genutzt – hier arbeitet das Netzwerk Integration von NGOs und Freiwilligen über Schulen, Gemeinden und Bezirkshauptleute, AMS OÖ, WKOÖ und Unternehmen hervorragend zusammen. Ergänzt um die Deutsch- und Orientierungskurse als Voraussetzung, die in OÖ schon seit Beginn 2016 erstmals bereits für AsylwerberInnen angeboten und gefördert werden, passiert hier eine optimale Vorbereitung auf einen möglichst raschen Job-Einstieg.

Aktuell sind daher in OÖ schon 179 Lehrstellen in Mangelberufen von Asylwerbenden besetzt. Oberösterreich stellt damit rund die Hälfte aller AsylwerberInnen in Lehrberufen in ganz Österreich. Welche Erfahrungen die Unternehmen hier machen, welche Herausforderungen es für Lehrbetriebe und Berufsschulen gibt, wo die Lehrlinge auch Stolpersteine sehen und welche weiteren Schritte es seitens der Bundesregierung braucht, erzählen die heutigen Referent/innen.

Landesrat Rudi Anschober: „Ich fordere von der Bundesregierung eine Gleichstellung mit österreichischen Lehrlingen bei Lehrlingsticket und Freifahrt zur Berufsschule - denn vielfach wird die Annahme der Lehrstelle durch diese Barriere behindert oder sogar gänzlich verhindert. Fernziel: Öffnung des Arbeitsmarktes ab dem 6. Aufenthaltsmonat in allen Mangelberufen – in jenen Jobs also, die derzeit aufgrund fehlenden Interesses nicht besetzt werden können. Das wäre ein Gewinn für Integration, Asylwerber und Wirtschaft - ohne Verschärfung der Konkurrenz am Arbeitsmarkt. Ich bedanke mich beim AMS, den vielen aktiven Unternehmen und den Berufsschulen für die engagierte Arbeit und Unterstützung.“

 

Voraussetzung für Arbeitsmarkt-Integration läuft: Deutsch & Orientierung

Etliche Flüchtlinge bringen gute Qualifikationen mit, für viele werden Ausbildung und Qualifikationsmöglichkeiten – entsprechend der österreichischen Anforderungen – angeboten. Der oö. Qualifizierungscheck für tausende Asylwerber/innen war dazu ein wichtiger Schritt. Das Deutsch-Training die zweite Grundvoraussetzung – bereits rund 13.250 Kursplätze für Asylwerber/innen konnten in den letzten 12 Monaten in OÖ angeboten werden.

 

Hintergrund: Legale Arbeitsmöglichkeiten während des Asylverfahrens

Asylwerbende dürfen – mit Ausnahme von 7 Teilbereichen – nicht arbeiten während ihrer Wartezeit auf einen Asylbescheid, dies ist in Österreich, anders als in anderen EU-Ländern bundesweit so festgesetzt.

Die sieben Ausnahme davon, also die Arbeits- und Beschäftigungsmöglichkeiten während des Asylverfahrens sind:

  1. Hilfstätigkeiten im Asylquartier
  2. Saisonarbeit
  3. Selbstständige Tätigkeit
  4. Gemeinnützige Tätigkeiten
  5. Lehre für Jugendliche bis zum vollendeten 25. Lebensjahr
  6. Volontariate, Ferial- und Berufspraktika
  7. Dienstleistungsscheck für Asylwerber/innen

 

Angebote des AMS OÖ für ein Zurechtfinden am Arbeitsmarkt

Informationsunterlage zum Thema Arbeitsmarkt

Diese mehrsprachige Unterlage beschreibt als Wegweiser für den Einstieg in den Arbeitsmarkt im noch laufenden Asylverfahren für Asylwerber/innen selbst, Helfer/innen, Organisationen oder interessierte Arbeitgeber/innen genau, welche Möglichkeiten es gibt, was zu beachten ist und wer beraten kann. Online unter > zusammen-helfen.at/beschaeftigung

 

Wegweiser Integration: Arbeit

Auf der Website werden Informationen und Angebote zum Thema Arbeitsmarkt dargestellt, je nach Zielgruppe Asylwerbende, Asylberechtigte und Migrant/innen und Region in OÖ, etwa Deutschkurse, AMS-Infoabende, AMS-Stellen, Orientierungskurse, etc., www.wegweiser-integration-arbeit.at

 

Jobbörse des AMS OÖ für Lehrlinge

Das AMS OÖ sucht über die Jobbörse jene Menschen aus der Gruppe der Asylwerber/innen, die bereits das Potential für die Absolvierung einer Lehre mitbringen (Deutsch, Mathematik,...) - ohne zusätzlichen Förderbedarf. Dazu werden derzeit die, durch NGOs gemeldeten Asylwerbenden vor Ort zu einem persönlichen Termin beim AMS OÖ eingeladen und die bestehenden Kenntnisse und Fähigkeiten erhoben.

Ziel ist, die geeigneten Kandidat/innen in jene gemeldeten Lehrberufe zu integrieren, die direkt vor Ort vorhanden sind. Nach Erhebung der Eignungen der Lehrlinge werden diese mit den gemeldeten Lehrstellen verglichen und die Jobbörsen gezielt zwischen diesen Dienstgebern und den ausgewählten potentiellen Lehrlingen organisiert. Das AMS OÖ berücksichtigt dabei selbstverständlich alle geeigneten und gemeldeten Lehrstellensuchenden für die Besetzung dieser Lehrstellen.

 

Lehre in Mangelberufen für junge Asylwerbende: Vorreiter Oberösterreich

Die Beschäftigung bedarf einer Beschäftigungsbewilligung durch das AMS, die Lehre ist nur in Mangelberufen möglich.

In Oberösterreich wird dies bereits sehr gut angenommen: 179 junge AsylwerberInnen machen aktuell eine Lehre in Mangelberufen in Oberösterreich (von 415 österreichweit, Stand Mai 2017). Darunter sind 120 Personen aus Afghanistan, 18 Personen aus dem Irak und 12 Personen aus Syrien.

Hinsichtlich der regionalen Verteilung der Asylwerbenden in Lehre sind besonders folgende Bezirke hervorzuheben: Linz mit 27 Personen, Rohrbach mit 22, Gmunden mit 18, Grieskirchen mit 16, Steyr mit 14 sowie Braunau und Kirchdorf mit jeweils 12 Lehrlingen mit laufendem Asylverfahren.

 

Die Verteilung der Lehrstellen in Mangelberufen auf Asylwerbende:

Quelle: AMS OÖ, Stand 16. Mai 2017

 

Obwohl Oberösterreich hier schon sehr gut arbeitet, ist immer noch ein sehr großes Potential offen: rund 420 weitere Lehrlings-Mangelstellen in OÖ sind als frei und sofort verfügbar beim AMS gemeldet, weitere rund 1.550 Stellen sind gemeldet, aber nicht sofort verfügbar – also rund 2.000 Lehrstellen, die auch für Asylwerbende bis 25 Jahre offen stehen. Die Branchen: Gastronomie, Lebensmittel-Einzelhandel sowie Metall- und Elektrotechnik.

 

Tabelle: Stand Ende April

 

Landesschulrat OÖ: Integration in Berufsschulen

Bis zu 180 Asylwerber/innen (max. 25 Jahre bei Lehrvertragsabschluss) haben in OÖ einen Lehrvertag und besuchen daher aktuell die oö. Berufsschulen als ordentlich pflichtige Schüler/innen.

Sie erhalten erforderlicherweise die gleiche schulische Unterstützung wie auch andere Schüler/innen, die die Unterrichtssprache Deutsch nicht ausreichend sprechen. Seit November 2016 werden daher an acht Berufsschulstandorten in OÖ Sprachstartgruppen geführt.

Nach derzeitigen Rückmeldungen aus den Schulen gliedern sich diese jungen Leute (mehrheitlich Männer) sehr gut in das Schul- und Internatsleben ein. Sie zeichnen sich häufig durch besonderen Fleiß aus. Die Akzeptanz und die Unterstützung der Mitschüler/innen ist gegeben.

 

Erfahrungsberichte und Forderungen aus dem Arbeitsalltag von Lehrbetrieben und Lehrlingen mit Fluchthintergrund

Günter Wagner (Personalchef Tiger Coatings GmbH):

Clemens Steiner (CEO Tiger Coatings) übernimmt im Frühjahr 2016 eine Patenschaft für einen afghanischen Jugendlichen, Mustafa Q. und sucht bald nach einer sinnvollen Beschäftigung für ihn und seine Mitbewohner/innen des Quartiers für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Wels. Zuerst entstand die Idee eines Volontariats bei Tiger Coatings GmbH. Nach Einladung und Besuch der minderjährigen Flüchtlinge im Unternehmen haben 6 Jugendliche ihren Lebenslauf an Tiger Coatings geschickt. Gespräche mit dem AMS und Mitarbeiter Niazi Quadratullah, der den Jugendlichen im Unternehmen als Pate zur Verfügung stehen sollte, haben stattgefunden – schlussendlich war die Lösung dann ein Lehrberuf Metalltechnik (Mangelberuf) anstelle des Volontariats.

Die beiden Jugendlichen Ebrar Nawab und Mustafa Q. starten ihre Metalltechnik-Lehre mit 01.09.2016 unter Begleitung ihres internen Paten Niazi Qudratullah. Mustafa ist handwerklich geschickt und entwickelt sich im Lehrberuf sehr gut. Ebrar hat Probleme sich in den technischen Lehrberuf einzufinden, per 01.04.2017 wird dessen Lehrvertrag auf Logistikkaufmann umgestellt und seither entwickelt er sich sehr gut.

 

Herangehensweise zur Einschulung der beiden neuen Lehrlinge

  • Patensystem mittels Mitarbeiter Niazi Quadratullah und dessen Einbeziehung in die morgendlichen Besprechungen
  • zum Start ein Monat zur Eingewöhnung und sprachlichen Integration
  • Im 2. Monat startet die Metall-Ausbildung im Instandhaltungsbereich und Facility Management
  • Zusätzlicher Deutschkurs im Haus (Di & Do)
  • fachspezifischer Support zur Vorbereitung der Berufsschule durch ehemaligen TIGER-Mitarbeiter (jetzt Lehrer)
  • TIGER organisiert u.a. auch ein ERFA Meeting bzgl. Flüchtlingsintegration mit Teilnehmer/innen von Caritas, AMS, Fronius, TGW, Teufelberger, DOKA und Rotax

 

(c) Tiger Coatings GmbH

 

Wilhelm Strasser sen. (Strasser Dach GmbH), Bundeslehrlingswart der Spengler und Dachdecker:

Herr Muosa Joan stammt aus Syrien und ist seit Februar 2016 bei uns als Spenglerlehrling beschäftigt. Er ist 26 Jahre alt und hat bereits die erste Klasse der Berufsschule 8 in Linz erfolgreich besucht. Da es erhebliche Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache gab, haben wir mit der Berufsschule vereinbart, dass er erst im 2. Lehrjahr mit der Berufsschule beginnt. So war die Verständigung bei Schuleintritt schon wesentlich besser. Der Schulbesuch war jedoch eine große Herausforderung und wäre ohne zusätzliche Unterstützung gescheitert. Joan hat sich in unserer Firma gut integriert und hat alle anfänglichen Vorurteile widerlegt. Wesentlich ist auch, dass er überall dabei ist und überall mitmacht, daher ist er bei allen Mitarbeitern gerne gesehen.

Besonders hervorheben möchte ich, dass unsere Arbeiter, bevor sie Joan persönlich gekannt und gesehen haben eine sehr ablehnende Haltung gegenüber Asylwerbenden hatten.

Selber bin ich der Meinung, dass es bessere wäre, die Flüchtlingsbewegung in den Heimatländern zu stoppen bzw. hier bereits zu helfen. Asylwerbende, die bereits im Land sind, sollten jedoch schleunigst integriert werden und arbeiten dürfen. Junge Leute die keine Arbeit bzw. keine Perspektiven haben sacken ab. Als Bundeslehrlingswart der Spengler und Dachdecker sehe ich auch für uns eine Möglichkeit bzw. eine Chance Lehrlinge zu bekommen. Bei jeder Innungsveranstaltung berichte ich positiv darüber, jedoch finde ich bisher kaum Kollegen die dies probieren.

 

Forderungen an die Bundesregierung im Bereich Arbeitsmarkt-Integration

  • Gleichstellung von Asylwerber/innen bei Lehrlingstickets und Freifahrt, für eine leistbare Anfahrt zu Ausbildung und Lehrplatz

    Beispiel: Frau J. lernt seit November 2016 im Alten- und Pflegeheim in Bad Goisern Köchin, erhält ca. 450 Euro Lehrlingsentschädigung. Davon darf sie 280 Euro monatlich behalten, der Überhang wird vom Land OÖ/Grundversorgung einbehalten fürs Wohnen im WP Bad Goisern. Sie besuchte die Berufsschule Altmünster für 2 Monate als externe Schülerin, d.h. sie fuhr täglich mit der Bahn von Bad Goisern nach Altmünster und retour – Kosten für die Monatskarte der Bahn 86 Euro pro Monat. Für das tägliche Mittagessen in der Schule an 5 Tagen die Woche mussten je 5,05 Euro bezahlt werden, das sind im Monat bei 20 Schultagen 101 Euro.
  • die kontrollierte Öffnung des Arbeitsmarktes bei Mangelberufen ab dem 6. Aufenthaltsmonat: Laut AMS OÖ stehen derzeit rund 1.200 Arbeitsplätze in Mangelberufen frei, für die eben keine bzw. nicht genügend Arbeitnehmer/innen aus Österreich oder der EU gefunden werden, v.a. Dreher/innen, Maschinenbau-Techniker/innen oder Datenverarbeiter/innen, aber auch Krankenpfleger/innen würden gesucht.
  • Jugendcolleg mit möglichst flächendeckender Clearing Phase, Beratung und konkreten Angeboten (Deutsch, Basisbildung, PSA, Berufsorientierung)
  • Vereinfachung für Hochqualifizierte durch eine Beschleunigung der Nostrifizierungsverfahren
  • ausreichend Basisbildungsangebote sowie Angebote zum Nachholen des Pflichtschulabschlusses
  • Lösung für das freiwillige 10. Schuljahr bei Migrant/innen (in Bearbeitung beim Ministerium)