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v.l.: Landesrat Rudi Anschober, Anita Eder (Agenda 21-Kernteamleiterin in Unterach am Attersee), Landeshauptmann Mag. Thomas Stelzer und Martin Dammayr (Bürgermeister der Gemeinde Michaelnbach)

10 Oktober 2018

Wir spinnen weiter – an der Zukunft! 20 Jahre Agenda 21 in Oberösterreich

Oberösterreich braucht gezielte und aktive Zukunftsarbeit

998 starteten die ersten Agenda 21-Gemeinden Wilhering, Schlägl und –als Lernort für Interessierte – Steinbach an der Steyr. Bürgerbeteiligung, fachübergreifendes Planen und das Entwickeln einer gemeinsamen Vision, damals noch ungewohnt und neu, sind heute breit etabliert. Nach zwei Jahrzehnten ist das oö. Agenda 21-Netzwerk auf 148 Gemeinden und neun Regionen gewachsen. Mehr als 15.000 Bürger/innen haben sich aktiv beteiligt und an den etwa 1.500 umgesetzten Projekten mitgewirkt. Nach zwei Jahrzehnten ist es Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen. Ebenso wichtig erscheint es, den Blick nach vorne zu richten und die Weichen für die Zukunft zu stellen, nach dem Motto: „Wir spinnen weiter – an der Zukunft“.

„Zukunftsarbeit passiert nicht von selbst. Es braucht das professionelle Auseinandersetzen mit Trends und deren Auswirkungen auf unser Land“, meint Landeshauptmann Mag. Thomas Stelzer. „Damit können wir so früh wie möglich Chancen erkennen und neue Entwicklungen auf den Weg bringen. Besonders wichtig ist mir dabei, dass es gelingt die Zukunftsthemen in die Lebenswelten der Menschen zu übersetzen.“ Die Leitstelle Agenda 21 ist Teil der Oö. Zukunftsakademie und somit in die Zukunftsarbeit des Landes integriert. Dadurch ist die Verbindung zwischen der Erfassung von Megatrends und zentralen Zukunftsthemen einerseits und den lokalen Zukunftsprozessen andererseits sichergestellt.

Zwei Beispiele, wie dieses Zusammenspiel zwischen Oö. Zukunftsakademie und Agenda 21-Netzwerk konkret funktioniert:

Der Megatrend Demografischer Wandel stellt uns die Frage, wie unsere Regionen für die Jüngeren attraktiv und anziehend bleiben. Die Zukunftsakademie hat sich mit diesem Thema intensiv auseinander gesetzt und 21 Wohnmodelle für junge Menschen in einer Broschüre dargestellt. Elf Gemeinden in der Region Steyr-Kirchdorf haben in einem Agenda 21-Prozess gemeinsam mit ihren jungen Bürger/innen konkrete Wohnprojekte entwickelt, die sich bereits in Umsetzung befinden.

Der Megatrend Digitalisierung birgt viele neue Chancen, insbesondere für den ländlichen Raum. Die Zukunftsakademie beschäftigt sich seit längerem mit diesem Thema. Über das Agenda 21-Netzwerk wurden im vergangenen Jahr für alle Regionen Oberösterreichs maßgeschneiderte Veranstaltungen angeboten:

  • 3 Netzwerktreffen zum Thema „Digitale Lebensräume“
  • 3 Themenlabore zum Thema „Breitband und Bürgerbeteiligung“

 

Oberösterreich braucht neben den High-Tech-Innovationen auch die niedrigschwelligen regionalen Innovationen:

Nur so können wir gleichzeitig als internationaler Wirtschaftsstandort erfolgreich sein und als regionaler Lebensraum attraktiv bleiben. Politik kann hier vieles ermöglichen, aber es kommt immer auf die Menschen an. Landeshauptmann Thomas Stelzer dazu: „Wir dürfen unsere Gemeinden und Regionen als Experimentierräume und Labore für das Neue begreifen. Dort, wo lokale Potenziale mit Vision und Eigeninitiative in Verbindung treten, entsteht ein Nährboden für Innovationen. Das Agenda 21-Netzwerk dient als Plattform, wo das Neue gedacht und vor Ort ausprobiert wird, wo Menschen von sich aus initiativ werden und ihre Freude am Mitgestalten entdecken.“ Die thematische Bandbreite der mehr als 1.500 Projekte, die in den zwei vergangenen Jahrzehnten aus Agenda 21-Prozessen entstanden sind, ist groß: Nahversorgermodelle, Vermarktung regionaler Lebensmittel, Energie- und Mobilitätslösungen, Generationenleben, Jugendbeteiligung, Naturraumentwicklung, Kulturnetzwerke, Siedlungsentwicklung etc.

Seit 2016 ist das neue weltweite Nachhaltigkeitsprogramm der Vereinten Nationen, die Agenda 2030 mit ihren 17 Sustainable Development Goals (SDGs), in Kraft. Es erweitert den Ansatz der globalen Agenda 21 in Richtung der gesamten Breite der sozialen und wirtschaftlich relevanten Themen. „Unser oberösterreichisches Agenda 21-Modell erhält damit seine Bestätigung. Gleichzeitig sind wir herausgefordert, dieses an die neuen Gegebenheiten und Bedürfnisse anzupassen und laufend weiter zu entwickeln“, so Stelzer.

In Generationen denken – Nachhaltigkeit als zentrales Zukunftskonzept

„Nachhaltigkeit ist das zentrale Zukunftskonzept, das heute aktueller denn je ist. Es geht um das Denken und Handeln aus der Perspektive künftiger Generationen. Es freut mich sehr, dass in Oberösterreich bereits mehr als jede dritte Gemeinde mit ihrem Agenda 21-Engagement auch ein starkes Bekenntnis zur Nachhaltigkeit abgelegt hat.“

In Österreich gibt es inzwischen etwa 500 Agenda 21-Gemeinden- und Regionen. Knapp ein Drittel davon befindet sich in Oberösterreich. Zunächst ist es das Verdienst der vielen engagierten Entscheidungsträger/innen und Bürger/innen in den Gemeinden. Mehr als 15.000 aktiv Mitwirkende haben in den letzten zwei Jahrzehnten 1,3 Millionen ehrenamtliche Stunden geleistet. Wesentlich für den Erfolg des Agenda 21-Netzwerkes ist die aktive Unterstützung durch die Landesebene. Ansprech- und Koordinationsstellen in der Landesverwaltung und im Regionalmanagement sowie die Förderungen und fachliche Begleitung machen das möglich.

Das Agenda 21-Fördermodell unterstützt Agenda 21-Gemeinden über längere Zeiträume hinweg durch verschiedene Module, beginnend beim Basisprozess, über Follow up-Phasen bis zu den innovativen Modellprojekten und gemeindeübergreifenden Themennetzwerken. Insgesamt wurden in den vergangenen zwei Jahrzehnten 550 Agenda 21-Projekte und –Prozesse gefördert. Gedacht ist das vor allem im Sinne von „Hilfe zur Selbsthilfe“ für die professionelle Prozessbegleitung und die Unterstützung durch Fachexpert/innen. „Jeder eingesetzte Fördereuro bewirkt durch das breite Engagement, das dadurch angeregt wird, ein Vielfaches an Wertschöpfung und Wirkung vor Ort.“ Eine neue Reihe, das Panoptikum, bereitet innovative Modellprojekte, die aus Agenda 21-Prozesse entstanden sind, so auf, dass sie als Lernimpulse für andere dienen. Die ersten vier druckfrischen Ausgaben beschäftigen sich mit den Themen:

Bürgerbeteiligung als Kernelement der Agenda 21

„Agenda 21 ist eines der wichtigsten Beteiligungsinstrumente geworden, das alle gesellschaftlichen Gruppen einbindet. Einen besonderen Charme haben die vielen engagierten Menschen und die vielfältigen Ideen, die dadurch Raum bekommen und umgesetzt werden“, meint Landesrat Rudi Anschober. Damit sich die Menschen gerne beteiligen, liegt ein Hauptaugenmerk auf der Entwicklung neuer Formate und Angebote. Einige aktuelle Beispiele aus dem Agenda 21-Netzwerk dazu:

  • In den vergangenen vier Jahren wurden im Rahmen von Agenda 21-Prozessen bereits mehr als 30 Bürgerräte mit jeweils 12 bis 15 zufällig Ausgewählten aus der jeweiligen Gemeinde umgesetzt.
  • Die neuen Formate Agenda 21-Themenlabor und Agenda 21-Projektlabor werden in allen Regionen angeboten, um die Akteur/innen vor Ort zu unterstützen.
  • Die Agenda 21-Gemeinde Munderfing wendet mit dem Systemischen Konsensieren ein neues Entscheidungsmodell an, mit dessen Hilfe auch in sehr konfliktreichen Fragen gemeinsame Lösungen gefunden werden können.

„Die Grundidee der Agenda 21 – global denken, lokal handeln – ist in den letzten Jahren noch wichtiger geworden. Die Agenda 21 soll sich zu dem Instrument entwickeln, das die neuen Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen auf lokaler Ebene umsetzbar macht.“

Die beiden Agenda 21-Gemeinden Unterach und Michaelnbach vermitteln Eindrücke über den Prozess und die konkreten Ergebnisse von Agenda 21-Gemeinden:

 

Agenda 21 Unterach am Attersee: „Miteinander – Füreinander“

Unterach am Attersee hat den Agenda 21-Prozess im Herbst 2016 gestartet. „Ursprünglich wollten wir nur eine Ideenwerkstatt zur Beteiligung der Bürger/innen an der Entwicklung der Gemeinde veranstalten. Dann haben wir gesehen, dass Agenda 21 viel umfassendere Unterstützung und weitreichendere Möglichkeiten bietet“, sagt Anita Eder, die ehrenamtliche Agenda 21-Koordinatorin von Unterach. Gestartet wurde mit einem Bürgerrat, in dessen Rahmen 14 zufällig ausgewählte Bürger und Bürgerinnen der Gemeinde innerhalb von zwei Tagen gemeinsam ihre Vorschläge für ein „enkeltaugliches Unterach“ erarbeiteten. Wenige Wochen später wurden die Ergebnisse in einem Bürgercafe öffentlich vorgestellt, um dann mit den über 100 Besucherinnen und Besuchern darüber zu diskutieren und weitere Sichtweisen und Ideen einzuholen. Die Aufbruchsstimmung war spürbar, als Bürgermeister Georg Baumann zur weiteren Mitarbeit einlud: „In einem überschaubaren Ort wie Unterach kommt es auf jede/n einzelne/n an. Dazu brauchen wir gegenseitiges Vertrauen und eine gute Gesprächskultur.“ In einem ersten Schritt wurde das Unteracher Zukunftsprofil mit den Leitzielen und Schwerpunktthemen für die nächsten Jahre erarbeitet. Parallel dazu startete die Umsetzung erster Projekte:

  • Mit „Kinder.Leben Unterach“ fanden im Mai und Juni 2018 fünf kreative Schulworkshops und das 1. Unteracher Kinderforum statt. Kinder konnten dabei ihre Ideen für den Ort einbringen und mit den Erwachsenen und Gemeindevertreter/innen diskutieren. Für viele dieser Ideen haben sich bereits freiwillige Projektpaten gefunden, die die Kinder nun bei der Umsetzung unterstützen. Dieses Projekt wurde vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung beim "Staatspreis für Schule und Unterreich" mit dem Sonderpreis für „Innovative Projektarbeit“ ausgezeichnet.
  • In einem Format Jugendrat treffen sich Unteracher Jugendliche regelmäßig zum Dialog mit dem Bürgermeister, um aktuelle Ideen und
  • Bedürfnisse der jungen Generation zu besprechen und weiterzuentwickeln.
  • Im Rahmen eines Agenda 21-Follow-Up-Prozesses wird derzeit intensiv an einem „Büro für Bürgerbeteiligung“ als Anlauf- und Koordinationsstelle zur Unterstützung von Bürgerprojekten gearbeitet. Ziel ist es, eine dauerhafte Kultur von Beteiligung in Unterach zu etablieren.
  • Das denkmalgeschützte Lederermayerhaus im Unteracher Ortszentrum wird in einer gemeinsamen Aktion der Unteracher Bürger/innen renoviert und wiederbelebt.
  • Es gibt eine ganze Reihe von weiteren Projekten, deren Umsetzung bereits läuft oder kurz bevorsteht: Nach langer Abstinenz wurde im Juni 2018 das Unteracher Dorffest unter Einbindung von örtlichen Firmen und Vereinen unter dem Motto „miteinander – füreinander“ neu veranstaltet. Eine Bücherzelle zur freien Abgabe und Ausleihe von Büchern wird demnächst eröffnet. Das Projekt „Offene Tür für Kinder“ kennzeichnet Orte, an denen Kinder willkommen sind, wo sie anklopfen können und wissen, dass ihnen bei Bedarf geholfen wird. Im Rahmen eines jährlichen Hoffestes geben Unteracher Bauern Einblicke in die Arbeit der Bäuerinnen und Bauern und bieten lokale Produkte zur Verkostung an. Geplant sind weiters ein Klein-Venedig-Fest und die Gestaltung des Freizeitgeländes am See gemeinsam mit den Bürger/innen.

 

Anita Eder freut sich über die Dynamik, die durch die Agenda 21 in Unterach entstanden ist: „Bewegen kann sich nur etwas, wenn wir uns selbst bewegen. Als Unteracherin möchte ich meine Rolle als Bürgerin aktiv wahrnehmen und unsere Zukunft mitgestalten, denn: Wir alle sind Gemeinde!“

Agenda 21 Michaelnbach: „Mitdenken – Mitreden – Mitmachen“

„Wir gestalten miteinander unser Michaelnbach lebenswert“ – dieser Spruch ziert die Fassade des Gemeindeamtes Michaelnbach. Bürgermeister Martin Dammayr geht es um eine neue Arbeitskultur in der Gemeinde: „Bei der Lokalen Agenda 21 kannst du mitreden, mitarbeiten und mitgestalten – damit sich auch wirklich etwas verändert bei uns Michaelnbach. Parteipolitik spielt dabei keine Rolle. Uns geht es darum, gemeinsam etwas für unsere Gemeinde zu bewegen!“

Der Agenda 21-Prozess begann 2007 mit der dreitägigen Michaelnbacher Ideenwerkstatt. Über Ideenboxen wurden erste Vorschläge der Bürger/innen im gesamten Gemeindegebiet gesammelt und in sechs Zukunftsdialogen verdichtet. Alle fünf Jahre – bisher 2007, 2012 und 2017 – findet seit dem der Ideenkirtag als dreitägiges Beteiligungsevent statt, bei dem das Erreichte gefeiert und die neuen Zukunftsthemen gemeinsam entwickelt werden. Neben großen Plenumsrunden für alle Bürgerinnen und Bürger, werden auch zielgruppenspezifische Formate für Volksschüler/innen, Eltern und Senior/innen angeboten. Aus der Vielzahl an Ideen und Projekten einige Beispiele:

  • Sicherung der Nahversorgung durch Bewusstseinsschärfung und Engagement für eine Lösung mit einem Nahversorger im Ort; anschließender Bau eines Kommunalgebäudes, das nun ein Lebensmittelgeschäft und das Musikheim beheimatet;
  • Soziales Netzwerk „Hand in Hand“.
  • Gestaltung zweier großer naturnaher Spielplätze, deren Pläne gemeinsam mit den Schülerinnen der Volksschule mit großer Begeisterung erarbeitet wurden.
  • Rückbau des Michaelnbaches in sein natürliches Bachbett.
  • Anwendung des digitalen Bürgerbeteiligungs-Tools „Bürgercockpit“ gemeinsam mit der Oö. Zukunftsakademie. Damit sollen vor allem jene, die nicht permanent vor Ort sind, aber auch die Jugendlichen verstärkt zur Mitarbeit gewonnen werden.
  • Beim jüngsten Ideenkirtag 2017 wurden eine Reihe neuer Themen entwickelt, die sich bereits in Umsetzung befinden: Unser Miteinander (Dorfgemeinschaft, Vereine, Zugezogene), partizipative Gestaltung des Ortsplatzes als einladende Mitte für das gesellschaftliches Leben, Wohnen und Leben in Michaelnbach, Verkehrssicherheit, Bildung, Talente und (altes) Wissen.

„Durch diese Form der Beteiligung gelingt es uns, die Lebensqualität von Michaelnbach, aber auch die Identifikation der Bürger/innen mit dem Ort laufend zu verbessern. Über konkrete Themen gewinnt man Menschen zur Mitarbeit, die sich sonst niemals in der Gemeinde engagieren würden. Mit der laufenden Projektarbeit und den alle fünf Jahre stattfindenden Ideenkirtagen halten wir das Feuer der Beteiligung am Brennen“, fasst Bürgermeister Martin Dammayr seinen Einsatz für Agenda 21 zusammen.