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22 August 2019

Illegales Glücksspiel gefährdet Existenzen

Schutz von Konsument/innen - Forderung nach Schließung von Lücken im Glücksspielgesetz Suchtpräventions-Experte zeigt Risiken auf

Ob Roulette, Black Jack oder Spielautomat – Glücksspiel ist für manche Menschen ein gelegentlicher Zeitvertreib, für ein Prozent der österreichischen Bevölkerung aber ein schwerwiegendes Problem. Neben Spielcasinos bietet auch das Internet eine Plattform dafür. „Etwa ein Prozent der Österreicher/innen – vorwiegend Männer – sind glücksspielsüchtig. Der überwiegende Teil von ihnen spielt an Glücksspielautomaten. Diese bergen das höchste Suchtrisiko“, wie der Leiter des Instituts für Suchtprävention Christoph Lagemann ausführt.

Je verfügbarer die Spielautomaten sind, desto häufiger werden diese auch genutzt. Zu einem massiven Problem haben sich deshalb die unzähligen illegal betriebenen Spielautomaten in Oberösterreich entwickelt: In manchen Stadtteilen von Linz sind im Umkreis von wenigen 100 Metern bis zu 60 illegale Automaten zu finden. Expert/innen gehen von hunderten illegalen Glückspielautomaten aus. Die Lokale werden ohne Glücksspiellizenz geführt, beschlagnahmte Automaten binnen Stunden durch neue ersetzt und die Strafen werden zu Bagatellen angesichts der Gewinne. Zentrale Schutzbestimmungen gegen Spielsucht liegen im illegalen Glücksspiel nicht vor. Damit ist das Risiko der Spielsucht und das Verdrängen von Spielsüchtigen in einen weitgehend unkontrollierten Bereich besonders groß und besonders dramatisch. Viele Betroffene werden zu Opfern gesetzlich völlig unzureichender Regelungen, viele menschliche Tragödien werden durch politische Untätigkeit massiv verstärkt.

LR Anschober: „Als Konsument/innenschutz-Landesrat habe ich die zuständigen Stellen immer wieder auf diese Problematik aufmerksam gemacht. Da sich der Markt in den letzten Jahren mit gesteigerter Dynamik weiterentwickelt, sind die erforderlichen Maßnahmen rasch und entschlossen in Gang zu setzen. Vor allem durch eine massive Verschärfung des Glücksspielgesetzes, die der Exekutive endlich die Handlungsmöglichkeiten gibt, die sie braucht. Klare und einfache Maßnahmen: Von effizienten Lokalschließungen über Abschaltung der Stromzufuhr bis zum Austauschen der Schlösser. Die reine Beschlagnahmung von Automaten ist völlig unzureichend und den Betreibern nicht einmal lästig - binnen Stunden sind die Automaten wieder ersetzt. Die frühere Bundesregierung hat Verschärfungen versprochen, bis heute wurden sie nicht umgesetzt. Der Schutz von gefährdeten Konsument/innen, der Schutz vor Spielsucht durch ein hartes und konsequentes Vorgehen gegen illegales Glückspiel ist eine zentrale Forderung an die nächste Bundesregierung."

 

Hintergründe – wie das Spiel zur Sucht wird

Das Spielen ist ein natürlicher Bestandteil menschlichen Verhaltens, nicht nur bei Kindern. In Österreich wurde das Zahlenlotto bereits im Jahr 1751 von Kaiserin Maria Theresia eingeführt.

Glücksspiel kann aber unter bestimmten Bedingungen zu einer Erkrankung führen: der Glücksspielsucht, das sogenannte pathologische Glücksspiel. In Österreich sind laut der ersten österreichischen Glücksspielpräventionsstudie (Kalke, 2011) insgesamt 1,1 Prozent der Erwachsenen (14–65 Jahre) der Gesamtbevölkerung betroffen.

Eine Glücksspielsucht entwickelt sich schleichend, der Übergang von der reinen Unterhaltung hin zur Abhängigkeit ist fließend. Anfänglich kann die Sucht oftmals gut verborgen werden und weder die Betroffenen selbst noch ihre Umgebung bemerken die Gefahr. Verlieren Spieler/innen die Kontrolle, können sie nicht mehr steuern, ob sie spielen möchten oder nicht – mit schwerwiegenden Folgen für die Familie und das Umfeld. Das Spielen wird zum Mittelpunkt des Lebens, nahestehende Menschen und andere Interessen werden vernachlässigt. Die Sucht führt in den meisten Fällen zur Bedrohung der finanziellen Existenz.

Das Glücksspiel weist Eigenschaften auf, die suchtbegünstigend wirken, u.a.:

  • Nicht direkt Geld, sondern Jetons oder virtuelle Währung zu setzen, mindert die Hemmschwelle
  • Die Atmosphäre z.B. im Casino ermöglicht die volle Konzentration auf das Spiel und wirkt motivierend
  • Ein kurzes Auszahlungsintervall fördert das Ausblenden von Verlusten
  • Wird immer wieder gewonnen, stellt sich schnell ein Lerneffekt ein, dass Gewinne möglich sind und eine Einflussnahme darauf wahrscheinlich ist
  • Glücksspiel wird teilweise mit anderen Interessen kombiniert, z.B. bei Sportwetten.

Glücksspiel wirkt sich direkt auf die Ausschüttung von Botenstoffen im Gehirn aus u.a. auf das sogenannte Belohnungszentrum. Diese Effekte können anregend oder entspannend sein. Oft wird das rasche Wechseln zwischen Anspannung und Entspannung als angenehm bzw. lustvoll erlebt. Gewinne können Euphorie und Machtgefühle auslösen. Die Konzentration auf das Spiel ist zudem Ablenkung z.B. von Alltagssorgen.

Je verfügbarer Glücksspiele sind, desto häufiger werden sie genutzt. Ein großes Angebot, das stark vermarktet wird, erleichtert das Abgleiten in die Sucht. Das Spielen selbst verändert auch die Persönlichkeit, was wiederum zur Verfestigung des Suchtverhaltens beiträgt. Denn das Gehirn verarbeitet „Beinahe-Gewinne“ sehr ähnlich wie tatsächliches Gewinnen und wertet diese als Erfolg. Verluste prägen sich weniger gut ins Gedächtnis ein. Informationen werden verzerrt wahrgenommen und die Betroffenen deuten das Zufallsprinzip falsch: Man ist überzeugt nach einigen Verlusten gewinnen zu müssen. Abseits vom Glücksspiel können die Betroffenen rationale Denkmuster meist weiterhin gut anwenden.

 

Illegale Spielautomaten in Oberösterreich

Generell regelt das Glücksspielgesetz die Automatenspiele, den Bundesländern ist es freigestellt diese zuzulassen – Oberösterreich hat kein generelles Verbot und es wurden Lizenzen an drei Unternehmen erteilt.

Insgesamt darf es in Oberösterreich 1.176 Automaten geben. In den Jahren nach der Lizenzvergabe für das sogenannte „kleine Glücksspiel“ hat sich die Lage allerdings dramatisch verschlechtert: in manchen Linzer Stadtteilen sind im Umkreis von wenigen 100 Metern 50-60 illegale Spielautomaten aufzufinden, Lokale werden ohne Glücksspiellizenz, ohne Zugangskontrollen und Registrierkassen betrieben. Nach behördlichen Schließungen werden die Automaten binnen weniger Tage oder sogar Stunden wieder ersetzt. Wenig verwunderlich: Ein neuer Automat kostet nur rund 2000 Euro in der Anschaffung, bringt aber pro Monat bis zu 7000 Euro ein. Oberösterreich zählt laut Daten des BMF zu den Hotspots des illegalen Glücksspiels mit Hunderten beschlagnahmten Automaten (Abb. 1).

Abb. 1: Illegale Glücksspiel – Hotspots (Quelle: Profil, 17.03.2019, Seite 24)              

 

Gefahren des illegalen Glücksspiels

  • keine Zugangskontrollen
  • kein Jugendschutz
  • keine Spielprogramm-Sicherheit, keine Anbindung an das Bundesrechenzentrum zur Kontrolle
  • keine Beschränkung des Spieleinsatzes, dadurch hohes Verlustrisiko; dies wird verstärkt durch Angebote für Geldverleih
  • Große Gefahr der Manipulation (ferngesteuerte Auszahlungsquoten, beliebige Abschaltung der Geräte)
  • Keine Sperr-Möglichkeit durch den/die Spieler/in selbst

 

Initiativen und Forderungen gegen das illegale Glücksspiel

Die vorrangige Regelungskompetenz für Glücksspiel in Österreich liegt beim Bundesministerium für Finanzen.

Mit der Novelle des Glücksspielgesetzes 2010 sollte einer Verbesserung des Spielerschutzes geschaffen werden über Alters- und Zugangskontrollen, Selbstbeschränkungen und Spielersperren. Diese Vorgaben finden jedoch außerhalb des konzessionierten Bereichs keine Anwendung und Spielsüchtige weichen zu den illegalen Anbietern aus.

Ein erster Schritt aus Oberösterreich gegen das illegale Glücksspiel wurde bereits im September 2018 gesetzt: In einer gemeinsamen dringlichen Bundesresolution aller Fraktionen des Landtags wurde der Bund aufgefordert das Glücksspielgesetz massiv zu verschärfen und geeignete Instrumente gegen diese kriminellen Machenschaften zu ermöglichen. Derartige Verschärfungen wurden von der ehemaligen Bundesregierung angekündigt, aber nie umgesetzt. Aus Sicht des Konsument/innenschutzes ist diese Verschärfung eine zentrale Forderung an eine neue Bundesregierung.

 

Wirkungsvolle Maßnahmen zum Schutz der Konsument/innen sind:

  • Verschärfung des Glücksspielgesetzes auf Bundesebene mit dem Ziel eine wirksamere Bekämpfung des illegalen Glücksspiels zu ermöglichen: Lokalschließungen durch effiziente Zwangsmaßnahmen (Türschlösser austauschen, Stromzufuhr kappen etc.), alle Möglichkeiten für Betriebssperren am Standort sowie Kontrollschwerpunkte in allen Bereichen (Arbeitszeit, Rauchverbot, Gastronomie,...)
  • Zusammenarbeit Bund-Länder zur Weiterentwicklung des gesetzlichen Rahmens
  • Schaffung einer unabhängigen und transparenten Spielerschutzeinrichtung, verstärkte Öffentlichkeitsarbeit zur Prävention und gesicherte Angebote zur Beratung und Therapien
  • Evaluierung der gesetzlichen Lage in OÖ zur Feststellung von Handlungsmöglichkeiten bei der Bekämpfung des illegalen Glücksspiels

Auf einen weiteren Graubereich weist Suchtpräventions-Experte Lagemann hin: „Sportwetten sind Glücksspiel und als solches auch gesetzlich einzustufen sowie zu regulieren.“ Sportwetten gehören in Österreich nicht zu den Glücksspielen, sondern werden als Geschicklichkeitsspiele klassifiziert.

LR Anschober: „Es ist notwendig und sinnvoll, gefährdeten Konsument/innen vor den Risiken des illegalen Glücksspiels zu schützen. Offensichtlich funktioniert dies in Oberösterreich derzeit nicht. Ich erwarte mir von der Bundesregierung und dem zuständigen Referenten in Oberösterreich, dass diese großen Lücken so rasch wie möglich geschlossen werden.“