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11 Juli 2019

Viele Oberösterreicher/innen leiden unter der Hitze

Hitzeschutzplan für Oberösterreich und wirksame Maßnahmen gegen die Erderhitzung Mediziner und Experten geben Tipps für Betroffene

Die Auswirkungen der Klimakrise aufgrund der Erderhitzung werden immer stärker: Auch 2019 liegen die Temperaturen in Oberösterreich je nach Region um 1 bis 2 Grad Celsius über dem langjährigen Mittel. Der Juni war in Oberösterreich, Österreich und weltweit der heißeste Juni seit Beginn der Messungen vor 250 Jahren und mit Ausnahme des Mai die Fortsetzung einer langen Serie stark überhöhter Monatstemperaturen. Trotz der letzten kühlen Tage liegt auch der bisherige Juli im Durchschnitt mit 22,3 Grad wieder deutlich über dem Temperaturmittel der letzten Jahrzehnte (19,9). 

Die Wissenschaft geht auch in den nächsten Jahren im Sommer von deutlich erhöhten Temperaturen und einem Anstieg an Hitzetagen (>30 Grad Celsius) und Tropennächten (>20 Grad Celsius) aus. Die zunehmende Hitze, die demographische Entwicklung und die voranschreitende Urbanisierung führen zur starken Belastung für Menschen und menschlichen Organismus und stellen auch das Gesundheitssystem vor neue Herausforderungen. Besonders verletzliche Bevölkerungsgruppen sind ältere, chronisch kranke Menschen. Auch Babys und Kleinkinder sind gefährdet: Die Ärztekammer OÖ warnt vor Hitze im Auto: Immer wieder unterschätzen Eltern, wie schnell in einem geparkten Auto im Sommer die Hitze ansteigt. Vergleicht man die Zahl der Hitzetoten 2018 (766) mit den Zahlen des Innenministeriums zu den Verkehrstoten (173), zeigt sich, dass es 2018 in Österreich 4,4 Mal so viele Tote durch Hitze als durch Verkehrsunfälle gab. Bei einer starken Hitzewelle in den ersten drei August-Wochen im Jahr 2003 sind in Frankreich nach offiziellen Zahlen 14.802 überwiegend ältere Menschen ums Leben gekommen. 

Diese Tatsachen brauchen Antworten: In Form von Verhaltenshinweisen durch Gesundheitsexpert/innen, eines gezielten Umbaus von Städten und Gemeinden und eines Hitzeschutzplans. Sehr heiße Tage sind für jede und jeden eine Belastung, umso wichtiger ist es, Strategien, Pläne und Maßnahmenpakete zum Zwecke der bestmöglichen Einstellung der Bevölkerung auf Hitzebelastungstage zu entwickeln. Klimaschutzlandesrat Anschober fordert ein oberösterreichweites Sofortprogramm in Form eines Hitzeschutzplans. Derzeit wird der Istzustand durch die Landesverwaltung  erhoben. 

Klimaschutzlandesrat Rudi Anschober: „So wie ein klarer, präziser und professioneller Hochwasserschutzplan mittlerweile selbstverständliche Normalität ist, braucht Oberösterreich auch rasch einen umfassenden Hitzeschutzplan: Mit einer frühzeitigen Vorwarnung, einer präzisen Kommunikationskette, einer ausreichenden Ausbildung für die Betroffenen, mit welchen Maßnahmen sie auf die Vorwarnung reagieren können, einer Beratung über generelle Vorsorgemaßnahmen und einem Programm für die notwendige Kühlung von Gemeinden und Städten durch städtebauliche und raumordnungspolitische Maßnahmen (wie zum Beispiel Begrünung, Durchlüftung, Fassaden). Der Beschluss der Landesregierung, meinen Antrag zurückzustellen und zuerst eine Bestandsaufnahme vorzunehmen, ist zwar eine leichte Verzögerung, aber kein ernsthaftes Problem. Am Ende wird es einen Hitzeschutzplan für Oberösterreich geben.“

Auf Basis der dramatischen Belege für die Klimakrise fordert Anschober zudem Sofortmaßnahmen durch einen massiv nachgebesserten Klimaplan Österreichs. Anschober: „Wer jetzt nicht bereit ist umzudenken und noch immer die bisherige Politik fortsetzt und etwa weitere neue Autobahnen plant, dem ist nicht mehr zu helfen. Tausende und viele Prominente unterstützen bereits meine Initiative klimaschutzjetzt.at. Und täglich werden es mehr!“ 

Prognose: Immer mehr Tropennächte und Hitzetage in den nächsten Jahren 

Durch die Klimakrise steigen die Temperaturen stetig an und damit auch die Anzahl der Hitzetage (Temperatur höher als 30 °C). In der Studie der Universität für Bodenkultur „Klimaszenarien für das 21. Jahrhundert für Oberösterreich“ wurde berechnet, dass bis 2030 in den Tieflagen großflächig mehr als 10 Hitzetage erreicht werden und in den wärmsten Regionen kommen bereits 18 Hitzetage vor. Um 2050 muss man im oberösterreichischen Zentralraum und entlang des Inns mit mehr als 20 Hitzetagen rechnen. Selbst in den kühlen Regionen wie dem Hausruck oder dem Mühlviertel werden Werte erreicht wie wir sie derzeit nur von den wärmsten Regionen des Zentralraums kennen.

Im Jahr 2019 wurden bei der Messstation Römerberg bereits 13 Hitzetage gezählt:

 

Im Jahr 2018 gab es bei der Messstation Römerberg neun Tropennächte - 2019 bereits vier. Unter einer Tropennacht versteht man in der Meteorologie eine Nacht, in der die niedrigste Lufttemperatur zwischen 18 und 06 Uhr nicht unter 20 °C fällt.

Auch eine Prognose der ZAMG zu Sommertagen (Temperaturmaximum > 25 °C) zeigt ein ähnliches Bild: Wenn wir die Entwicklung nicht stoppen, wird es im Jahr 2050 in Teilen Oberösterreichs über 80 Sommertage geben.

 

Noch nie war der Juni in den letzten 250 Jahren in Oberösterreich so warm wie 2019 – Die Langzeitaufzeichnungen für den Monat Juni zeigen die Auswirkungen der Klimakrise sehr eindeutig – die letzten Jahre waren im Juni in Oberösterreich durchgehend zu warm und geprägt von Hitzewellen.

Von April 2018 bis Juni 2019 gab es nur einen Monat, der unter der mittleren Monats-Temperatur lag:

 

Auswirkungen auf die Gesundheit 

Hohe Umgebungstemperaturen, insbesondere in Verbindung mit hoher Luftfeuchte, sind mit deutlichen Gesundheitsrisiken verbunden. Besonders anfällig dafür sind ältere Menschen, Kinder, Patient/innen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Personen mit eingeschränkter Mobilität.  

Das Jahr 2018 brachte einen neuen Rekord an Sommertagen mit mindestens 25 °C. Diese lang andauernde Hitze forderte in Österreich 766 Todesopfer, wie das Hitze-Mortalitätsmonitoring der AGES zeigt - das sind mehr als im Jahr 2017. Vergleicht man die Zahl der Hitzetoten 2018 (766) mit den Zahlen des Innenministeriums zu den Verkehrstoten (173), zeigt sich, dass es 2018 4,4 Mal so viele Tote durch Hitze im Vergleich zu Verkehrsunfällen gab. Bei einer verheerenden Hitzewelle in den ersten drei August-Wochen im Jahr 2003 sind in Frankreich nach offiziellen Zahlen 14.802 überwiegend ältere Menschen ums Leben gekommen. 

Die Ärztekammer OÖ warnt vor Hitze im Auto: Immer wieder unterschätzen Eltern, wie schnell in einem geparkten Auto im Sommer die Hitze ansteigt. Kindern, die im abgestellten Auto warten, kann so innerhalb kürzester Zeit ein Kreislaufzusammenbruch oder Hitzeschlag drohen – was tödlich enden kann. Auch wenn mehrere Fenster geöffnet sind – das Auto überhitzt in jedem Fall. Zudem können Babys und Kleinkinder schlecht selbst aussteigen, sie sind meist im Kindersitz hilflos der Hitze ausgeliefert. Daher die Kinder niemals im Auto lassen. Im Notfall: Scheibe einschlagen. Wenn Kinder im Auto auf Klopfen an der Scheibe gar nicht mehr reagieren, sollten die Eltern rasch gesucht werden. Sind diese nicht greifbar, darf im Sinne der Nothilfe eine Scheibe eingeschlagen werden. 

Dr. Wolfgang Ziegler: Richtiges Verhalten bei Hitze  

Verhaltensregeln

Aus den Gepflogenheiten südlicher Länder, die Hitze bereits mehr gewohnt sind als die Menschen in unseren Breiten, kann man sich viel abschauen: Körperlich anstrengende Tätigkeiten wie Einkauf, Gartenarbeit, Sport o.ä. sofern möglich sehr früh morgens oder spät abends durchführen. In dieser Zeit auch die Fenster öffnen und lüften. In der heißen Tageszeit Fenster geschlossen halten, verdunkeln, eventuell Wäscheständer mit nassen Badetüchern aufstellen. In kleineren Räumen kann damit die Temperatursenkung durch die Verdunstung 2-3 Grad Celsius betragen. Autofahrten in überhitzten Autos sollten vermieden werden. Kühle Duschen oder ein kühles Bad können den Körper bei der Wärmeregulation unterstützen. Eis oder eiskalte Getränke bringen dagegen eher wenig.

Körperliche Maßnahmen

Selbstverständlich ist dem gesteigerten Flüssigkeitsverlust durch das Schwitzen Rechnung zu tragen (1,5 – 3 Liter täglich). Mineralwasser, stark verdünnte Fruchtsäfte und Kräutertees eignen sich besser als Kaffee oder schwarzer Tee (dazu immer auch ein Glas Wasser trinken). Von Alkohol ist auch in verdünnter Form („G´spritzter“) abzuraten. Auch für die ausreichende Zufuhr von Elektrolyten (Salzen) ist zu sorgen, wofür sich handelsübliche Elektrolytgetränke oder z.B. auch viele Suppen eignen.  

Ältere Menschen haben oft ein vermindertes Durstgefühl. Geplante Trinkmenge deshalb bereits in der Früh vorbereiten und sichtbar aufstellen. Wenn ein Aufenthalt im Freien tagsüber unvermeidlich ist, unbedingt auf Sonnenschutz und Kopfbedeckung achten. Grundsätzlich sind Säuglinge und Kleinkinder sowie ältere und gebrechliche oder chronisch kranke Menschen viel weniger hitzeresistent. 

Zu beachten ist unter Umständen noch die Einnahme von Medikamenten, deren Dosierung sich in Hitzeperioden ändern kann. Zahlreiche weit verbreitete Medikamente beeinflussen auch die Regulation des Wärmehaushaltes. Hausärztinnen und Hausärzte beraten dazu gerne. Dr: Wolfgang Ziegler: „Es ist die Summe vieler kleiner Maßnahmen, die Menschen Hitzeperioden gut und unbeschadet überstehen lässt“ 

Christoph Macho, Schulungsleitung Samariterbund: Symptome einer Überhitzung und Erstmaßnahmen im Notfall  

Was kann man dagegen unternehmen, wenn die Hitze bereits ihre Auswirkungen zeigt und der Körper darauf reagiert. Vorerst kurz erklärt wie wir Menschen auf die Hitze reagieren.  

Erste Anzeichen bzw. Symptome einer Überhitzung oder Hitzeerschöpfung sind:

  • Kopfschmerzen, teilweise verbunden mit Schwäche- und Krankheitsgefühl
  • Schwindel, möglicherweise auch Flimmern vor den Augen, Ohrensausen
  • Übelkeit, manchmal mit Erbrechen
  • Wärmegefühl, evtl. leicht erhöhte Körpertemperatur
  • Durst, trockene Schleimhäute
  • Anfangs oft gerötete Haut und starkes Schwitzen, später eher blasse Haut mit kaltem Schweiß
  • Flache Atmung, Atemnot
  • Krämpfe 

Bei Bewusstseinsstörungen, oder Bewusstlosigkeit ist unbedingt sofort der Rettungsdienst zu verständigen. 

Wenn eines oder mehrere dieser Symptome auftreten, sind folgende Erstmaßnahmen zu treffen:

  • Sich sofort aus der Hitze begeben und den Wärmeaustausch erleichtern: Betroffene sollten schnell an einen möglichst kühlen Ort gebracht werden; man sollte sie zumindest aus der direkten Sonne in den Schatten verlagern. Wichtig ist weiter, die Kleidung zu öffnen oder zu entfernen, falls sie die Wärmeabfuhr behindert oder den Betroffenen einengt.
  • Kühlen: Um Hitze aus dem Körper abzuleiten, ist Kühlung nötig. Je nachdem, was den Patient/innen zumutbar erscheint, sind verschiedene Verfahren möglich. Sehr schnell wirkt, den Kopf unter fließendes kühles Wasser zu halten. Coolpacks und kalte Umschläge eignen sich ebenfalls gut. An den Händen, den Füssen, im Nacken und an der Leiste kühlen sie am besten. Auch Luft zufächeln kann die Abkühlung unterstützen, solange die Patient/innen nicht frösteln oder frieren.
  • Flüssigkeit zuführen: Betroffene, die bei Bewusstsein sind und sich nicht erbrechen, sollten reichlich trinken. Geeignet sind Getränke, die Elektrolyte enthalten. Infrage kommen beispielsweise spezielle Elektrolytdrinks, Fruchtschorle, Mineralwasser, leicht gesalzenes Wasser, alkoholfreies Bier und Bouillon.
  • Liegen und ruhen: Bis es ihnen besser geht, sollten Patient/innen flach liegen, leicht erhöhte Beine gelten als vorteilhaft. Anschließend können sie jede angenehme Position einnehmen.

Nach einer Hitzeerschöpfung sollten sich die Betroffenen schonen. Je nachdem, wie stark die Erschöpfung war, empfehlen Mediziner bis zu drei Tage Hitzepause. Danach ist es kein Fehler, bei Hitze ganz bewusst auf Zeichen einer Hitzeerschöpfung zu achten.

„Sollten die Symptome nicht beherrschbar sein oder Unsicherheit über den Zustand des/der Betroffenen bestehen,  scheuen sie sich nicht davor den Notruf zu wählen um den Rettungsdienst zu verständigen“, sagt Christoph Macho vom Samariterbund. 

Es braucht Konsequenzen und Sofortmaßnahmen: 

Klimaanpassung und Hitzeschutzplan

Die Klimakrise lässt sich abschwächen, aber nicht rückgängig machen. Daher braucht es für die bisher eingetretenen Probleme auch verstärkte Vorsorgemaßnahmen. Daran arbeitet das Land OÖ bereits. Unter anderem braucht es aber auch einen Hitzeschutzplan mit Frühwarnung und einem präzisen Infosystem ähnlich dem Hochwasserschutz, Ausbildung und Beratung für die Betroffenen, Schutzmaßnahmen für die Hauptbetroffenen und ein landesweites Kühlungsprogramm für Siedlungen, Gemeinde und Städte. 

Anschober: „Anstatt rasch die Umsetzung dieses Hitzeschutzplans zu beschließen, hat die Mehrheit der Landesregierung vorerst eine Erhebung des Ist-Zustandes in Auftrag gegeben. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir in wenigen Wochen den Beschluss fassen und die Arbeiten umsetzen werden. 2020 sollte der Hitzeschutzplan vollständig in Funktion sein.“

Im Vordergrund steht die rechtzeitige Information der betroffenen Bevölkerung und bestimmter Einrichtungen von Krankenhäusern, Schulen, Kindergärten bis hin zu Senior/innenheimen über bevorstehende Hitzewellen und den damit erforderlichen Handlungsweisen. Dazu braucht es die koordinierte Vorgangsweise in Kooperation mit ZAMG und den zuständigen Behörden des Landes Oberösterreich. 

„Klimaschutz jetzt!“ fordert wirksame Maßnahmen gegen die Erderhitzung

Erst vor kurzem gestartet, erhält Anschobers neue Initiative „Klimaschutz jetzt!“ immer stärkere Unterstützung. „Klimaschutz jetzt!“ fordert von der Bundesregierung ein umfassendes Nachbessern des Nationalen Klima- und Energieplans, dessen Entwurf ein Desaster ist und der in seiner Endversion bis Jahresende der EU-Kommission übermittelt werden muss - als Fahrplan für das Erreichen der österreichischen Klimaziele (minus 36% an CO2-Emissionen bis 2030). klimaschutzjetzt.at 

„Klimaschutz jetzt!“ fordert ein Nachbessern in fünf konkreten Punkten:

  • die Ziele des Pariser Weltklimavertrages als vorrangige Ziele in Bundesverfassung und Landesverfassungen,
  • ein Energiewendegesetz mit klar festgeschriebenen Maßnahmen, um bis 2030 100% Erneuerbaren Strom und bis 2050 100% Erneuerbare Gesamtenergie zu erreichen,
  • Milliardeninvestitionen in den Ausbau des öffentlichen Verkehrs und eine preisgünstige Österreich-Jahreskarte für den gesamten ÖV,
  • Streichung der klimaschädigenden Subventionen,
  • Umsetzung einer Klimaschutz-Steuerreform zur Belohnung von klimaschonendem Verhalten.

Mittlerweile unterstützen bereits über 7.000 Personen die Initiative. Gemeinden und Städte wie Linz, Kremsmünster, Höhnhart, und Kreuzstetten haben bereits Gemeinderatsbeschlüsse gefasst, in Dutzenden Gemeinden ist die Resolution bereits in Diskussion, der BAV Rohrbach hat ebenfalls bereits einen Beschluss und immer mehr Prominente wie Bischof Bünker, Schauspielerin Erni Mangold, Genetiker Josef Penninger und Kabarettist Thomas Stipsits sind unter den Unterstützer/innen.